Overblog
Edit post Folge diesem Blog Administration + Create my blog

www.lomax-deckard.de

www.lomax-deckard.de

Musik, Kino, Kultur und Radiosendung musikabend 674.fm


Straight From The Heart: Chet Baker & The Last Great Concert

Veröffentlicht von Alan Lomax Rick Deckard Blog auf 28. Februar 2010, 20:53pm

Kategorien: #Jazz

Chet-Baker.jpg

Ich war äusserst aufgeregt.

Lomax und ich hatten uns erst vor kurzem kennen gelernt. Beiläufig unterhielten wir uns auch über Musik. Einige Zeit später rief Lomax mich an und fragte ob ich nicht Lust hätte zu einem Konzert mitzukommen, welches im Funkhaus am Maschsee gespielt würde. Wer denn spielt fragte ich ihn und seine Antwort lautete: Chet Baker. Über meinen ehemaligen Mitschüler Bernd K. kannte ich diesen Musiker und hatte einige seiner Stücke gehört ohne dass sie mir in Erinnerung geblieben waren. Ich sagte zu. Lomax erwähnte, dass uns Wolfgang Atze Karla begleiten würde, sein Nachbar und Freund, der überhaupt auf diese Idee gekommen war.

Der Nachmittag des 28. April 1988. 

Ich traf Lomax und Karla, die locker über dem Zaun gelehnt in eine Unterhaltung vertieft waren und Schwäne auf dem See beobachteten. Das war erst mein zweites Konzert überhaupt nach 'Die verkaufte Braut' von Smetana im Opernhaus in Hannover mit 13 oder 14. Karla und Lomax begrüssten mich mit einem Lächeln und wir gingen Richtung Funkhaus. Das Publikum war sehr gemischt und ich glaube mich noch erinnern zu können, dass Lomax und ich zu den eher raren jüngeren gehörten. Lomax hatte schwarze Klamotten an, ebenso wie Karla; da ich nicht wusste was man zum Jazz-Konzert trägt (auf solche blöden Gedanken kommen auch nur Konservative) legte ich mich auf Jeans, Pullunder (!) und eine fürchterlich schlechte, billige und dunkelblau gefärbte Nappa Lederjacke fest.

Innen im Saal bot sich mir ein imposanter Anblick. Rechts und links waren 2 Orchester gruppiert, die NDR Big Band und das Radiosinfonieorchester des NDR, in der Mitte stand ein Stuhl. Die Menschen redeten aufgeregt und ich versucht hier und da eine Gesprächsnotiz aufzufangen um mitreden zu können, verstand aber nichts. Karla, das wusste ich von Lomax, war musikalisch sehr beflissen und verfügte über eine grosse Hörerfahrung, hielt sich aber sehr dezent im Hintergrund. Lomax und ich unterhielten uns über das Kino und die Musik.

Dann kam der grosse Augenblick und Chet Baker betrat zum tosenden Beifall des Publikums den Saal, ich klatschte euphorisch mit. Wir hatten relativ gute Plätze und ich konnte Baker erkennen: er sah gar nicht so aus wie auf den LP-Covern. Er war alt, seine Wangen waren eingefallen, das Haar lang und leicht ergraut, er trug eine Brille. Er nahm zwischen den Orchestern Platz spielte sich mit der Zunge über die Lippen.

Es ging los!

Das Klavier spielte die ersten Akkorde und nach einigen Sekunden klatschten die Zuschauer, weil sie das Stück erkannten. Karla links von Lomax grinste und flüstere uns zu "All Blues von Miles Davis!" Baker nahm die Melodie auf und spielte die ersten Töne. Er nahm mich mit seinem Spiel sofort gefangen, so leicht, schön und betörend war der Klang seiner Trompete. Meine erste Angst war verflogen, denn ich konnte ihm folgen. Die Big Band stieg ein und ich fühlte mich heimisch, denn diesen Sound hatte ich schon so oft auf meinen Sinatra Platten gehört. Lomax und ich beobachteten uns aus den Augenwinkeln. Grossartig wie die Big Band harmonisch und perfekt in die Hörner blies. Ich beobachtete Baker, der in sich versunken der Musik lauschte und wieder seine Trompete aufnahm um zu spielen. Dieser Ton! Wie schön das klang. Faszinierend wie die Big Band ihn begleitete. Ein grossartiger Auftakt.

Was dann folgte trieb mir die Tränen der Freude in die Augen. Begleitet von einer Gitarre spielte Baker seinen 'Signature Song' 'My Funny Valentine'. Es war still im Saal. Baker hauchte die Töne in sein Instrument mit einer unvergleichlichen Hingabe. Musik kann eine so tief greifende Erfahrung sein und in das Innerste der Seele eines Menschen vorstossen... und Chet Baker gelang das. Ich fing an ihn zu bewundern. So ein ergreifendes Trompetenspiel hatte ich noch nie zuvor gehört. Das Klavier phrasierte dazu wie uns Karla später erklärte. Was dann passierte trieb mir Schauer über den Rücken. Das Sinfonieorchester und die Streicher spielten auf und Baker fing an zu singen mit einer ruhigen und gebrochenen Stimme. Er traf die Töne nicht immer, aber gerade das machte diesen Augenblick so unvergleichlich. Die Streicher unterstützen ihn so dezent und motivierend, dass ich vollkommen weggetragen war und nicht mehr auf diesem Planeten. Was für wunderschöne Musik! Baker so singen zu hören verschlug mir den Atem. Hier war es das erste Mal (neben Sinatra) dass ich einen Musiker dabei erlebte, wie er seine Seele durch seinen Gesang nach aussen liess. Breathtaking Performance!  Er spielte weiter auf seiner Trompete, als sei sie eine zweite Stimme. Ein Höhepunkt meiner musikalischen Reise. Auch Karla und Lomax waren ergriffen. Das Publikum war begeistert und hatte einen historischen Moment erlebt. 

Danach spielte Baker eine Mid-Tempo Nummer mit dem Titel 'Well you needn't. Karla erklärt uns dies sein ein Stück komponiert von dem legendären Thelonius Monk. Der Saxophonist Herb Geller spielt das erste mal und Baker und er kannten sich aus sehr früher Zeit von der Westcoast. Ich hörte begleitet von der Big Band das erste mal ein Saxophon spielen und fand die Möglichkeiten dieses Instrumentes beeindruckend. Baker und Geller wechselten sich ab und ich bekam das erste Mal einen Eindruck was Jazz vielleicht bedeutet. Meine Beine wippten mit, das war Swing wie ich ihn von Sinatra kannte. Es folgte 'Summertime' von George Gershwin wieder begleitet vom Sinfonieorchester und der Big Band in einem etwas schnelleren Tempo als es mir bekannt war. Hier verschmolzen alle meine Hörerfahrungen der letzten Jahre in einem einzigen Stück. Baker erhöhte das Tempo leicht und improvisierte. Karla erklärte uns in der Pause, dass Baker einer der wenigen Musiker sei, die beim spielen spontan komponieren also improvisieren könnten. Das verstand ich damals aber nicht, weil mir das etwas utopisch vorkam und ich borniert in meiner Haltung war. 

Mit 'In Your Own Sweet Way' von Dave Brubeck ging es weiter. Dieser Ton von Bakers Trompete hatte mich längst gefangen genommen, auch seine Art zu spielen. Auch hier übernahmen die Gitarre und später der Bass die Melodie und entwickelten sie weiter. Ich hatte Schwierigkeiten mich dabei zu konzentrieren. Aber es blieb beeindruckend. Es folgte 'Django' von John Lewis und am Ende des ersten Teils sang Baker 'I fall in love too easily' komponiert von Sammy Kahn und Jules Styne. Das Klavier begleitete ihn und das Sinfonieorchester steig ein. Was für ein Rausch, was für ständige up's! Was muss in einem Menschen bloss vorgehen fragte ich mich um so spielen zu können, mit welchem Talent solche Menschen gesegnet sind! Der Sound im Funkhaus war unglaublich. Das Konzert wurde anscheinend aufgenommen, überall hingen Mikrofone von der Decke. Dieses Wechselspiel von Stimme, Klavier, Bass und Orchester hinterliess einen ungemein intensiven Eindruck auf mich.

In der Pause musste ich mich erstmal erholen und Lomax und ich fragten uns gegenseitig nach unseren Eindrücken und waren beide ziemlich sprachlos. Karla ging zu zwei Bekannten und trank ein Bier mit Ihnen. Ein cooler Typ dachte ich, er machte einen äusserst souveränen Eindruck.

Nach der Pause ging es heiter weiter mit 'Look for the silver lining' von Jerome Kern. Baker blies seine Trompete mit Inbrunst, Leidenschaft und Konzentration und sowohl die Big Band, als auch das Sinfonieorchester waren in Hochform. Perfekte Unterhaltung. Karla kam das erste mal aus sich heraus und jubelte uns zu:"Fette Bläser!" Dann kam wieder einer dieser Konzertmomente für die Ewigkeit. Baker sang begleitet von Klavier 'I get along without you very well' von "Hoagy" Carmichael. Diese ganze Musik war wie Punches direkt in mein Herz und ich konnte nicht in Deckung gehen. Tief durchatmen... . Mit 'Conception' folgte eine sehr schnelle Nummer mit vielen fantastischen Improvisationen und spontanem Applaus der Zuschauer. 

Die letzten 4 Nummern, als ob das nicht schon genug wäre, trieben dann dieses Konzert in unglaubliche Höhen umweht von Melodie, Sentiment, Emotionen und einer unvergleichlichen Hingabe aller. 'There's a small hotel' von Richard Rodgers war wieder ein solcher von mittlerweile eigentlich nur noch Höhepunkten. Das Sinfonieorchester und die NDR Big Band beamte mich in vergangene Jahrzehnte und Chet Baker spielte wie ein Gott. Ich hörte hier wieder die Jazz-Gitarre, die einen für mich neuen und eigentümlichen Klang hatte. "Wow!" Atze Karla hielt es nicht mehr auf dem Stuhl! "Leute das ist 'Sippin at bells' von Miles!" Herb Geller trieb mit seinem Saxophon die Big Band an und die Bläser hielten mit. Applaus. Baker nimmt auf. Sensationell. Erhöhtes Tempo. Baker improvisiert und ich versuchte Karla's Worte über Komposition zu erkennen. Aber die Big Band liess mir keine Ruhe. Es folgte ein Schlagzeug Solo und die Menschen waren vollends aus dem Häuschen. Grossartig!

Die Bands und Baker waren nun in Topform und es folgte 'Tenderly'. Ich war längst nicht mehr in der Lage das alles zu verstehen, so tief beeindruckt war ich. Eine der besten Nummern die ich live je hörte und bisher gehört habe. 'Too marvellous for words' wie Frankie Boy singen würde. Am Ende sah Baker in das Publikum, ein leichtes Lächeln umspielte seine Mundwinkel und er sagte:

"Somethin like this is really...,really extraordinary for me and I enjoyed it so much..., and I hope you did too."

Tosender Beifall. Spätestens hier wussten W.A. Karla, Lomax und ich, dass wir Teil der Geschichte waren, denn das war das letzte grosse Konzert dieses Ausnahmemusikers. Mit einer Reprise von 'My funny Valentine' beendete Baker das Konzert, er spielte, das Publikum war ausser sich, in den letzten Takten sang Baker den Song zu Ende ...

... ich machte meine Augen auf, befand mich in meinem Zimmer und stellte mir vor, dass es so gewesen sein könnte, wären wir auf die Idee gekommen damals dieses Konzert zu besuchen. Letztens telefonierten Lomax und ich und wir beide machten Scherze darüber, dass wir von einer unglaublichen Idiotie gesegnet waren so etwas im Leben verpasst zu haben.

Wolfgang Atze Karla habe ich natürlich (leider) nie kennen gelernt, aber Lomax trägt, ich schäme mich nicht das zu sagen, sein Erbe weiter und so wie er Karla zeitlebens dankbar war für seinen Einfluss, bin ich es Lomax gegenüber, dass er mich zum Jazz brachte und wir immer wieder dadurch einen 'Return To Forever' haben. Thanks Pal!

Ich habe in den letzten Tagen dieses Konzert immer und immer wieder gehört. Die Klangqualität ist ausserordentlich beeindruckend und die Musik ist längst aufgenommen in die persönliche Kategorie der Meilensteine. Chet Baker ist in meine 'Hall Of Fame' aufgestiegen und in diesem einen Fall muss ich eine Ausnahme machen. Hier muss man den Menschen hinter der Musik sehen und sein Leben kennen, nur so erschliesst sich seine Musik. Ich habe noch nie einen Menschen gehört, der so zart, der so gefühlvoll und so leidenschaftlich Trompete spielt wie er. Das ist nicht nur ein musikalischer Hochgenuss, sondern eine Erfahrung für das Leben. Jedem dem es nicht die Kehle zuschnürt wenn Baker 'My Funny Valentine' singt, der ist aus Stein.

Es ergeben sich so viele Fragen nach dem Hören dieser Musik, dass man alles auf sich wirken lassen muss. Jeder, der auch nur im Ansatz Jazz, Orchester- und Big Band-Sound schätzt, der ein Faible für Musik im Allgemeinen hat und der in der Lage ist ausserhalb von Klischees zu denken und zu fühlen, dem sei diese Doppel CD ans Herz gelegt. Ein Meilenstein des Jazz und der Konzert Musik und definitiv eine der besten Platten überhaupt. Sie enthält ein Booklet mit einem Interview und 2 kleineren Erzählungen. Diese Musik MUSS man auf CD hören und zur Ausnahme nicht als Download.

Vielen Dank Kurt Giese auch für dieses Risiko welches Sie eingegangen sind und Danke an Matthias Winckelmann und Enja Records für die Produktion dieser Ausnahme Platte! 

Ein weiterer Barhocker meiner Helden dort oben an der Theke ist belegt und Chet Baker hat Platz genommen.

Welcome!

Ein zutiefst bewegter,

Rick Deckard

link zur Titelstory auf Jazzzeitung.de

Blogarchive

Soziale Netzwerke

Neueste Posts