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Rufus Wainwright - Out of the Game

Veröffentlicht von Alan Lomax Rick Deckard Blog auf 30. April 2012, 13:37pm

Kategorien: #Populäre Musik

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Es ist unmöglich einfach so eine Plattenkritik über das musikalische und selbstdarstellerische Multitalent zu schreiben. Ebenso unmöglich ist es die komplexe Person inkl. seiner überaus interessanten Familiensituation von seinem künstlerischen Schaffen zu trennen.

Wie nur wenige Musiker der letzten 40 Jahre ist Rufus Wainwright gleichzeitig eine Kunst und eine echte Person. Geboren um sich selbstdarzustellen, ausgestattet mit dem höchstmöglichen musikalischen Talent, mit der Hingabe sich selbst zu zerstören und der unglaublichen Neigung sich selbst zu lieben.

Als Liebhaber seines Schaffens respektiere ich das alles, versuche zu verstehen und reflektiere dabei sein Gesamtwerk. Alles andere wäre aus dem Zusammenhang gerissen und rechtfertigt nicht sein Genius.

Seine Alben „Want one“ und „Want two“ bleiben trotz der vielversprechenden Neuerscheinung der Höhepunkt seines Schaffens. Beide Platten sind von einer solch musikalischen Tiefe und lyrischen Meisterleistung geprägt, dass es schwer sein dürfte, eine weitere Fortsetzung zu schaffen.

Die folgende komponierte Oper, die Judy-Garland-Phase und die unerträgliche Klavierschmunzette „All Days Are Nights: Songs for Lulu“ wurde nur von dem erträglichen und streckenweise schönen Studioalbum „Release The Stars" (2007) unterbrochen.

Hat man also die 2 Want-Platten für die Ewigkeit in sein Herz geschlossen, einige unvergessliche Konzerte gesehen und kennt darüber hinaus einige wunderschöne Kollaborationen mit Ben Folds, seinen Verwandten und dem Wissen um die Fähigkeit seiner permanenten Ummantelung der Musik, beobachtet man sehr genau, was diesen Mann so antreibt.

Die Empfindsamkeit und theatralische Haltung zu seinem Vater, war also bei den Meisterwerken treibend. Für die übersteigerten Werke zwischen durch, kann wohl eine gewisse Orientierungslosigkeit als Motiv gewählt werden und für Out Of The Game soll es nun einerseits eine Neupositionierung als Superstar sein. Andererseits auch die Beschäftigung mit dem Tod seiner Mutter, der Geburt seiner Tochter (übrigens ausgetragen von Rufus bester Freundin Lorca Cohen, Tochter von Leonard) und der bevorstehenden Heirat mit dem deutschen Lebensgefährten Jörn Weisbrodt. Das alles ist viel, viel zu viel um noch mitzukommen, aber eben auch wichtig um zu verstehen, warum das neue Album nicht gelungen ist!

Bevor ich zu den Gründen komme, muss folgende kurze Überlegung erlaubt sein: Aus der Sicht des lyrischen Leonard Cohen würde mich interessieren, wie er das Familiendurcheinander in einem Song als Großvater beschreibt, den Namen Jörn Weisbrodt unterbringt und dabei ernsthaft bleiben will. Schön, dass das wainwrightsche Durcheinander auch noch den Alten Herren vor Herausforderungen stellt, mal von komplizierten Familientreffen mit Loudon Wainwright III und den deutschen Schwiegereltern Weisbrodt aus Berlin mal ganz abgesehen.

Mark Ronson als ebensolches Genie zu bezeichnen, wie es Rufus Wainwright ist, kann nicht schaden! Wem das bisher nicht aufgefallen ist, sollte sich schleunigst an den beiden Alben „Here Comes the Fuzz“ (2003) und insbesondere an dem Masterpiece „Record Collection (& the Business International) (2010) bedienen. Ronson ist ein englischer Musikproduzent der ehr zurückgezogener ist, als der Mann um den es hier geht. Ronson steht musikalisch dann auch mehr in der Tradition eines Phil Spectors. Also jemand dem es auf ein geschlossenes Klangkonzept ankommt und vielleicht erst in zweiter Linie auf die Arrangements.

So ist das Album beim ersten Durchlauf auf erst mal überraschend unhörbar. Man kommt sich vor wie auf einem Rummelplatz. Unsortiert, aufdringlich, nerven zerstörend kommt die ungewöhnliche Überproduktion seitens Ronson’s  und die banal pathetischen, aber melodischen Linien von Wainwright daher. Der erste Gedanke von Titel 1 – 10 ist (leider) permanentes ausschalten.

Zum Glück, habe ich mir die limited Deluxe Edition gekauft, auf der ein recht umfangreiches Interview mit Ronson und Wainwright verewigt ist. Die zwischen durch eingeblendeten Studioaufnahmen, verleiten mich dann doch zu einem zweiten Versuch. Und siehe da, auf einmal entstehen segmentierte Schönheiten wie z. B. „Sometimes You Need“ und natürlich der bereits vorher veröffentlichte Radio-Hit „Out Of The Game“.

Beim dritten Durchlauf glaubte ich ein Konzept zu erkennen, gab aber wiederum bei der fürchterlichen Countrynummer „Respectable Dive“ auf! „Bitter Tears“ geht vielleicht noch in der Tuntendisko und mit „Montauk“ könnte ich den Querflötenlehrer meiner Tochter beeindrucken, doch dann: Das wars.

Lange Rede kurzer Sinn. Das Album Out of The Game von Rufus Wainwright ist eine einzige Enttäuschung. Es ist fahrlässig und überzogen produziert. Die Neupositionierung der Marke und des Menschen Rufus Wainwright ist unglücklich am erträglichen vorbei geschlittert und wenn man konzentriert nachdenkt, bleibt ein sehr übler Nachgeschmack!

Übler Nachgeschmack weil die Ausgewogenheit zwischen Neuerfindung, vorhandenen Potenzialen (David Bowie, Elton John und Freddy Mercury) und Anleihen an die Laural-Canyon-Zeit in L.A. (The Byrds, Joni Mitchell, Morrison) nicht funktioniert. Das alles ist viel zu viel!

Natürlich ist es gemein, ein solches Album zu verreißen. Insbesondere weil man sich natürlich über das Genie und die Komplexität der Musik bewusst ist. Leider überwiegt der Wahnsinn und manchmal ist etwas weniger einfach mehr. Vielleicht denke ich ganz anders, wenn ich einige der Songs auf einem der lang erwarteten Konzerte sehe und höre. Ich bin mir auch sicher, dass der ein oder andere Song dieser verschwenderischen CD übrig bleibt, bleibe aber trotzdem misstrauisch, dass das alles hier im Herbst besser funktioniert.

Aus der Kritikerhölle

Alan Lomax

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