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www.lomax-deckard.de

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Reinigungskassetten !?

Veröffentlicht von Alan Lomax Rick Deckard Blog auf 7. Juli 2010, 09:45am

Kategorien: #Populäre Musik

basf_sm_cassette_90_orange.jpg

 

Kürzlich besuchte ich die Internetseite eines Elektroversenders. Dabei ist  mir der Text zu folgendem Kaufartikel aufgefallen:

 

„Alle, die stets den klaren und klangfreundlichen Sound des Tapedecks genießen und beim Überspielen von CD auf Kassette keine Qualitätseinbußen hinnehmen wollen, ist das Reinigungsset Audioclean mit Reinigungsflüssigkeit und -kassette die praktische Lösung. Sanft entfernt die mit etwas Reinigungsflüssigkeit beträufelte Reinigungskassette selbst kleinste Staub- und Schmutzpartikel vom Tonkopf Ihres Kassettenrecorders, Tapedecks, Walkmans oder Ihres Autoradios. Heute ist Waschtag und der Tonkopf all dieser Audio-Geräte wird mit ein paar Tröpfchen auf Hochglanz poliert. Diese Tropfen wirken Wunder und sind die beste Medizin für den Tonkopf. Ihren Apotheker brauchen Sie erst gar nicht zu fragen.“

 

Am besten an diesen wundervollen Verkaufszeilen gefällt mir: [...Heute ist Waschtag...] !

 

In den früheren Zeiten der achtziger Jahre gab es tatsächlich so einen Waschtag. Ich kann mich sogar daran erinnern, wie Mitschüler untereinander eine entsprechende Reinigungskassette austauschten, um Geld zu sparen. Später war ein Q-Tip-Wattestäbchen getränkt mit Isopropanaol sehr angesagt. Diese kleine braune Flasche bekam man in seiner örtlichen Apotheke. Die Schulkollegen die diesen Waschtag in ihren Kassettengeräten und Tapedecks durchführten, waren die, von denen man damals schon wusste, wie sie heute aussehen werden.

 

Eben genau die, die auch mit als erste Kollegen einen Commodore 64 Computer besaßen. So einen hatte ich auch! Allerdings gehörte ich zu der Fraktion, die es nicht für notwendig hielten, sich ein Floppylaufwerk zu zulegen und auf die Kraft der Kassette setzten. Die Schulkollegen die ein Floppylaufwerk hatten, gaben mir dann den Tipp, den Datenabnehmer einmal mit Q-Tip-Wattestäbchen getränkt in Isopropanaol (kann Dir Deine Mutter bestimmt aus der Apotheke mitbringen) zu reinigen. Habe ich nie gemacht!

 

Vor einigen Monaten habe ich mir einen Musikkeller eingerichtet. Dabei u. a. auch mal wieder mal mein altes Pioneer Tapedeck angeschlossen. Kassetten zu hören ist wunderbar. Ich fand sogar selbst aufgenommene Lieder aus diversen Radioshows der späten 70ziger, frühen 80ziger Jahre wieder. Meist natürlich mit einem zu früh sprechenden Radiomoderator oder einer spontanen Verkehrsmeldung von einem Stau der nicht existierte "Aktuelle Verkehrshinweise liegen nicht vor!".

 

Es ist großartig diese alten Relikte wiederzuentdecken. An einige Aufnahmen und Reihenfolgen, kann ich mich nach so langer Zeit sogar noch erinnern.

 

Der Klang der alten Tapes ist mehr als erdig, analog, ruhig und angenehm zu hören. Einige Songs übertreffen eindeutig gute Vinyl und sehr gute CD-Aufnahmen.

 

Bereits damals sagte man mir, dass Tapes irgendwann kaputt gehen. Verschmelzen und irgendwann gar nicht mehr da sind. Glaube ich nicht! Somit habe ich eine alte orangene BASF-Kassette (30 Minuten) gefunden, auf der ich offensichtlich einen Tanzabend meiner Eltern mitgeschnitten habe. U. a. lief dort „Ja mir san mim radl da“ von den Hot Dogs und natürlich „Captain James all over the Seas“ beides von ca. 1975 in einer fantastischen Qualität!

 

Eine der schönsten Tapeerinnerungen habe ich auch wieder gefunden. Es muss im Jahre 1986 gewesen sein. Ein Freitagabend kurz vor 20:00 Uhr. Im Radio lief NDR2 „Der Club“ mit meinem Lieblingsmoderator Volker Thormälen. „Der Club“ war damals für norddeutsche Jugendliche eine 2-stündige komprimierte Form des Radiosenders „EinsLive“. Es wurden jugendliche Themen angesprochen, erträglicher Mainstreampop gespielt und ab und zu ein Song der heute noch in meinem Herzen ist.  An diesem Freitagabend wurde „Dirty Old Town“ von den Pogues aufgelegt. Eine lange Liebe zu einem außerordentlich schönen Land begann.

 

Ein der ersten Volldokumentationen habe ich am 13. Juli 1985 aufgenommen. An diesem herrlichen Sommertag war ich alleine Zuhause. Das dritte Fernsehprogramm hat live das Benefizkonzert Live Aid übertragen. Parallel übertrug NDR 2 im Radio. Ein erstes Stereo Fernseherlebnis. Kurzer Hand habe ich meine klägliche Stereoanlage unter dem Fernseher meiner Eltern aufgebaut und das Konzert im Radio auf Tape komplett mitgeschnitten. Die großartigen Auftritte von Status Quo, Style Council, The Boomtown Rats, Sting & Phil Collins und Adam Ant würde ich täglich noch gerne hören! Bei dem Auftritt von Duran Duran, zu „Save A Prayer“ habe ich heimlich meine erste Zigarette geraucht. Geklaut bei meinem Bruder. Ich fühlte mich wie Gott! Die 6 BASF Kassetten Chromdioxis II 60 Minuten, fein-säuberlich beschriftet, stehen stolz im Musikkeller neben vielen anderen Tapes.

 

„Du willst es, ich hab es, Ich hab alles, was du brauchst: Auf Tape“, singen Superpunk in ihrem Song „Tape“. Das war eine wunderbare Zeit und manchmal, klangheimlich wünsche ich sie mir zurück. 2 Tonträger Vinyl und Kassetten sind die ideale Konstellation gewesen. Kein Wiedergabenlistenstress in itunes, kein unbeschrifteten CD’s und keine hüllenlose MP3’s. Auf Tape wurde alles feinsäuberlich dokumentiert, bis hin zu dem klassischen ankreuzen, ob Dolby oder nicht Dolby.

 

Meine Tonköpfe habe ich übrigens niemals gereinigt. Das alte Tapedeck läuft immer noch!

 

Alan Lomax

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