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Passion & Poetry - The Ballad of Sam Peckinpah: Ein Film von Mike Siegel

Veröffentlicht von Alan Lomax Rick Deckard Blog auf 10. Oktober 2009, 19:26pm

Kategorien: #Filme

Ich wünschte es gäbe mehr solcher gut recherchierter und gedrehter Dokumentationen. Zumindest eines ist sicher: Der Autor und Regisseur dieses Films Mike Siegel ist scheinbar ein Mensch der diese Würdigung an einen der innovativsten und ehrlichsten Regisseure des vergangenen Jahrhunderts mit grosser Hingabe verfolgt hat. Ein leidenschaftlicher Mensch und Cineast geboren im Jahr 1967 in Magstadt, einem Ort zwischen Sindelfingen und Renningen in Baden Württemberg. Siegel war Dekorateur und Gestalter eines Programms an einem Sindelfinger Jugendclub. Dort begann seine Leidenschaft für Filmplakate und Filmfotos und für das Kino. Über Roland Emmerich gewann er Einsichten in das Medium Kino, drehte selbst 1997 motiviert durch Robert Rodriguez einen Film für 20 000 DM mit dem Namen 'Pendechos'und war im weiteren Verlauf Mitorganisator des 'Sam Peckinpah Festivals' im Jahr 2000 in Padua, Italien. 2002 begannen dann die Dreharbeiten für den o.g. Film, der jetzt in einer 2 DVD Special Edition im Handel erhältlich ist und auf dem Filmfest in München 2005 uraufgeführt wurde. 2003 erschien auch das gleichnamige Buch. Mike Siegel schreibt auch regelmässig für das amerikanische Filmmagazin Cinema Retro: link Die DVD enthält den 115 min langen Dokumentarfilm, sowie einen Audiokommentar von Siegel und eine zusätzliche 3-teilige Dokumentation, ein Featurette über die 'Wild Bunch' Locations in Mexico und schliesslich ein 15 min Interview mit Ernest Borgnine. Der Film ist inhaltlich sehr gut aufbereitet und man erfährt viel interessantes und wissenswertes über diesen Ausnahme-Regisseur, sein Leben, seine Familie, v.a. aber über seine Filme, den ewigen Kampf mit Produzenten aber auch seinen Dämonen. Viele ehemalige Freunde, Wegbegleiter, und Schauspieler kommen dabei zu Wort und wissen die eine oder andere auch humorvolle Anekdote zu erzählen. Was für mich neu war ist die Tatsache, dass Peckinpah's jüngste Vorfahren (Beckenbach!) von den friesischen Inseln (!) stammten. Da war ich dann doch etwas perplex. Warum auch nicht, aber irgendwie faszinierend, denn damit ergeben sich neue Interpretationsmöglichkeiten (für mich). 

Für jemanden wie mich, der das Kino so sehr liebt, ist ein solcher Film natürlich in jeder Hinsicht eine Offenbarung und ich bin sehr glücklich, dass ein Mensch wie Mike Siegel viel Arbeit und Mühe hineingesteckt hat, damit ein solch grossartiger Künstler nicht in Vergessenheit gerät. Vielen Dank hierfür Herr Siegel und Respekt!

Wann ich das erste mal mit den Filmen eines Sam Peckinpah in Kontakt kam, daran kann ich mich leider nicht mehr erinnern. Ich glaube fast, dass es 'Sacramento' mit Joel McCrea und Randolph Scott in den Hauptrollen war, ein grossartiger Western nebenbei bemerkt. Was mich aber dann im späteren Verlauf an diesem Regisseur verblüffte, war die Tatsache, wie er mit den Mitteln des Films umzugehen verstand und vermochte. Alfred Hitchcock war ähnlich kreativ und innovativ. Es gibt Sequenzen, beispielsweise die Titel Sequenz von 'The Getaway' über die ich jubeln könnte, so genial und brillant ist das Zusammenspiel von Ton, Bild und Schnitt! Aber eben auch in diesem Film gibt es Momente wahrer Poesie, beispielsweise die Szene, in der der von Steve McQueen gespielte Charakter Doc McCoy aus dem Gefängnis kommt und seine Freiheit geniesst, insbesondere sehenswert wegen dem Schnitt und der damit verbundenen Verwebungen der Zeitebenen, dazu die Musik von Quincy Jones. 
 

'Apologet der Gewalt' wurde Peckinpah genannt und immer wieder auf die Gewalt in seinen Filmen reduziert ohne wirklich verstehen zu wollen, dass er den Zusammenhang zwischen Moral und Gewalt, v.a. die Entstehung der selben aufzeigen wollte. Die Art und Weise wie er das tut sucht seinesgleichen und es ist unverkennbar und v.a. unübersehbar, dass er für nachfolgende Generationen ein Vorbild war. Der moderne Actionfilm oder die Weiterentwicklung dessen wäre ohne diesen Vorreiter nicht denkbar. Genauso gross ist aber auch seine Bedeutung für den Western und da zählt der oben erwähnte 'Sacramento' genauso dazu wie sein 'American Masterpiece' 'The Wild Bunch' oder der elegische Western 'Pat Garret & Billy The Kid'. Peckinpah ist nicht Howard Hawks, nicht Henry Hathaway oder gar ein John Ford, diese Bilder die ich zum ersten mal aus dem Westen Amerikas sah waren neu, waren anders. V.a auch deswegen, da hier, ähnlich wie bei Leone, die Charakterisierung der Protagonisten, die Moral einen vollkommen anderen, ungewohnten Weg nahm. Gut & Böse waren keine Gegensätze. Wenn man so will waren seine Western eine radikale Abkehr von alten Sehgehwohnheiten und persönlich ein neuer Weg für meine Filmleidenschaft.

Sieht man den Film von Siegel und erinnert sich der Werte einer Gesellschaft und deren Wandel, so muss man sich und v.a. Peckinpah eingestehen, dass er zur falschen Zeit am falschen Ort war und umkehrt wiederum dem Kino dadurch überhaupt den Weg in die Moderne geebnet hat. Manch einer mag nun denken, dass sei zuviel Lobhudelei und distanzloses Fan-Gebaren, aber dem empfehle ich eine Auseinandersetzung mit seinen Filmen, v.a. im Hinblick auf die Filmgeschichte. Wo wären die Shoot Outs eines John Woo oder die Filme eines Quentin Tarantino und unzähliger anderer ohne den Grundstein u.a. eines Sam Peckinpah? 

Was einen solchen Regisseur auszeichnet und wenn wir es auch nur auf die viel zitierte Action und Gewalt reduzieren, dann
der wesentliche Unterschied, dass eben diese beiden Pfeiler nicht zum Selbstzweck verkommen, sondern immer motiviert sind. Ich will hier keine endlose Diskussion über das Thema 'Gewalt in Filmen' starten, nur darauf hinweisen, dass ein Grossteil heutiger Action-Filme ohne feine Charakterzeichnungen und ohne Sinn und Verstand Action nur um Ihrer selbst willen zelebriert, reine Schauwerte ohne irgendeinen Zusammenhang. Das macht all diese Filme so inhaltsleer und langweilig.
Sam Peckinpah ist und wird immer einer überragenden Filmregisseure bleiben und wer alle seine Filme gesehen hat weiss warum. Ein höchst leidenschaftlicher Mensch mit einer grossen Verbundenheit und Liebe zum Kino. Das sind Eigenschaften die vielen, ohne sinnlos nostalgisch zu werden, der heutigen Regisseure einfach fehlen. Regisseure die die Konfrontation meiden, den Mut nicht haben neue Wege zu gehen, den Zuschauer zu fordern. Peckinpah musste dafür vieles in seiner Karriere bitter bereuen und unsägliche Kämpfe mit den Studios und den Produzenten ausfechten, aber dieser Mühe, diesem Elan und dieser Leidenschaft verdanken wir dafür einige der besten Filme
aller Zeiten.

'Passion & Poetry - The Ballad of Sam Peckinpah' von Mike Siegel kann ich allen Cineasten und Filminteressierten uneingeschränkt empfehlen, sowie folgende auch eher
weniger bekannte Filme des Regisseurs:

'Straw Dogs'
'Junior Bonner'
'Bring me the Head of Alfredo Garcia'
'The Killer Elite'
'Cross of Iron'

"Nach jedem Traum gibt es ein Erwachen - auch nach dem erfüllten Traum."
Sam Peckinpah (1925-1984)

Rick Deckard

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