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Melody Gardot - My One And Only Thrill

Veröffentlicht von Alan Lomax Rick Deckard Blog auf 12. Dezember 2010, 20:55pm

Kategorien: #Jazz

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Sehr leicht kommt eine ablehnende Haltung auf, wenn populäre Sänger oder wie in diesem Fall Sängerin grenzüberschreitende Musik machen. Zudem kommt ein gewisser Popularitätsgrad hinzu, der einen noch mehr stutzig macht. Die Folge ist bekannt: Schublade auf und Schublade zu. Das ist in den allermeisten Fällen sehr leicht. Schwierig wird es (eigene) Vorurteile zu überwinden und zu überprüfen, ob denn die (eigenen) Massstäbe stimmen? Gibt es nicht doch noch etwas, was ein Album hörenswert macht? Sollte man sich darauf einlassen? Zweifel sind immer die beste Basis für eine solche Ausgangssituation. Also auf mit der Schublade und hinein in das Vergnügen.

Wie geht man an eine solche Scheibe heran? Mir fiel als erstes die Biografie dieser Musikerin ein. Letztes Jahr hatte ich in den Staaten während meines Besuches um Philadelphia einen ausführlichen Artikel über das Schicksal von Gardot gelesen. Mann muss sie nicht kennen, aber die Vorgeschichte hilft einem beim verstehen der Musik. Es ist wie immer mit seinen Leidenschaften, der Blick hinter die Kulissen ist unvermeidbar.

Das Album beginnt mit einschmeichelnden Streichern und sofort ist man versetzt in die Ära eines Cole Porter, eines Irving Berlin, an eine Bar. Es herrscht Noir Stimmung. Gardot's Stimme schreitet weich und selbstbewusst voran, die Violinen umschmeicheln ihren Gesang. Laid Back. Interessant ist das Tempo. Selbst beim Scat Gesang lässt sich die Sängerin nicht treiben. Ein wunderbar leichter Einsteig.

Mit 'If The Stars Were Mine' folgt definitiv ein Höhepunkt des Albums. Gitarre und exotische Percussions sorgen für Rhythmik, auf der Gardot von ihrer Hingabe und ihren Wünschen singt und wieder tut sie das im Scat Modus. Das macht sie sogar mit viel Humor. Ein feine kleine Miniatur ist das!

Da kommt er, der Blues. 'Who Will Comfort Me' ist wieder sparsam instrumentiert, aber gerade deswegen sehr effektiv. Stampfender Beat gibt den Ton an. Plötzlich aus dem Nichts kommen akzentuierte Bläser hinzu. Eine Trompete mit Dämpfer und ein Wurlitzer sorgen für Abwechslung. Die Sängerin klingt hier ebenfalls sehr souverän und harmoniert perfekt mit der Band.

Es folgt Bar-Jazz irgendwo in einer dunklen Ecke einer Grossstadt. Erinnerungen an die Femme fatale der 'Serie Noir' aus Hollywoods Goldener Ära kommen hoch. Sehr verführerische Stimme. Anklänge sogar an den New Orleans Jazz. Nach den ersten Songs muss man anerkennen: Eine klare und präzise Stimme hat die Melody Gardot. Man kann die Lyrics alle verstehen.

Bei 'Lover Undercover' kommen die stimmlichen Qualitäten vollends zur Geltung. Ein leicht rauchiges Timbre und viel Vibrato in den Stimmbändern, ergänzt durch ein perfektes Arrangement. Die Besen streicheln die Drums, die Streicher sehr dezent im Hintergrund agierend, das Piano Ton angebend: Ein wunderbarer Song! Die Sängerin zieht spätestens hier den Hörer in ihren Bann. Tief durchatmen... .

Es wird wieder melancholischer und düsterer. Die ersten Takte von den Streichern gespielt erinnern an französische Filmmusik. Hier tritt ein wesentliches Charakteristikum von Gardot in den Vordergrund: das Zartbittere. Ein stets hauchzarter, dunkler Schleier umweht ihre Stimme. Man hört das erste Mal ein schüchternes Saxophon im Hintergrund. Die Arrangements ziehen sich in Güte und Qualität wie ein roter Faden durch das Album. Exzellent! Man hat das Bedürfnis auf ein Glas Champagner..., oder einen Bourbon.

'Les Etoiles' macht die Sängerin zur Chanteuse Francaise. Bongos (?), Gitarre und Gesang erinnern sehr an die Chansons eines Serge Gainsbourg. Ein Saxophon nimmt die Melodie auf und spielt eine kleine, aber feine Improvisation begleitet von einem Vibraphon. Fehlt nur noch die Gitanes und ein Kaffee! Ein sehr einnehmendes, kleines Juwel.

Nach dem ruhigen 'The Rain' mit Piano, Bass und Saxophon kommt der titelgebende Track. Die Moll Tonart dominiert, wie so häufig auf diesem Album. Das zu Beginn leicht (im Gesang) fragmentarisch anmutende Stück zieht seinen Reiz aus den raffiniert gesetzten Rhythmenwechsel. Man muss sehr genau zuhören um den Melodie- und Stimmungswechseln folgen zu können. Ein mit Sicherheit schwer zu singendes Stück, was Melody Gardot aber mit Bravour meistert wie ich finde. 

Das Album wird beendet mit dem sehr nostalgisch anmutenden 'Deep Within The Corners Of My Mind' und dem Klassiker 'Over The Rainbow' mit dem einst Judy Garland weltberühmt wurde. Was also macht die Gardot anders um diesem Evergreen neue Seiten abzugewinnen? Sie wendet ein Stilmittel des Jazz an: die Synkopierung. Diese mit einer sehr exotisch-farbenfrohen, lateinamerikanischen Instrumentierung machen den Song zu einem kleinen "Hoffnungsschimmer" am Ende des Albums ... . Die Sonne geht am Horizont auf, bzw. geht die "Säufersonne" unter, die Lichter an und Miss Gardot entlässt uns nach vielen ergreifenden emotionalen Momenten in einen optimistischen Tag.

Die Melange aus Vocal Jazz, Singer-Songwriter PoP und Anleihen bei der klassischen Instrumentierung überzeugt. Es verwundert auch nicht, dass viele Kritiker einen Bezug zu Joni Mitchell herstellten. Der stimmliche Umfang der Gardot ist zwar nicht extrem variabel, aber in den Oktaven die erklommen werden doch beeindruckend vielfältig und sicher. Es ist eine "neue" Art Stimme würde ich fast sagen, so etwas habe ich bisher nicht gehört. 

Wenn man dann liest, dass Vince Mendoza hinter den Arrangements steckt wundert man sich über die Qualität nicht. Kaum ein Musiker aus dem Jazz mit dem er nicht gespielt hätte, Herbie Hancock, Pat Metheny, Randy Brecker oder Charlie Haden und natürlich Joni Mitchell um einige zu nennen. Das Album, auch das fällt unweigerlich auf, ist geradezu perfekt produziert, der Klang ist kristallklar und alle Instrumente in Verbund mit der Band und der Orchester hoch professionell aufgenommen.

Zurück zur Eingangs erwähnten Biografie. Körperlich ist aufgrund des Unfalls einfach nicht mehr möglich. Abgesehen davon ist es mehr als beeindruckend, was Melody Gardot mit Willen und Leidenschaft sprichwörtlich auf die Beine gestellt hat. Allerhöchster Respekt!

Nun ist meine Begeisterung für diese Sängerin nicht hausgemacht. Ich möchte an dieser Stelle Herrn S. sehr für die Motivation und Beharrlichkeit danken mich in dieses Album eingeführt zu haben. Ein schönes und ein Stück weit auch lehrreiches Erlebnis. Ohne Sie hätte ich diese Schublade weiter verschlossen gehalten. Es zeigt auch wie sehr man trotz aller Liberalität und Offenheit der Musik gegenüber zu sehr in seinem Denken gefangen ist.

Ich denke wir werden das und auch die Leidenschaft für Jazz in Köln weiter erörtern!

Einen guten Start in die Woche wünscht,

Rick Deckard

link zu http://www.melodygardot.com/

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