Leipzig - Eine Liebeserklärung

von Alan Lomax Rick Deckard Blog  -  3. April 2012, 15:15  -  #Kommunikation

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Zwischen gespenstischer Stille und Stille gibt es einen ebenso feinen Unterschied, wie zwischen Lärm und Krach. Ich fragte mich die ganze Zeit auf der Rückfahrt, warum ich von dieser Stadt so beeindruckt war. Mir kamen die Worte von Prof. Hartmut Rosa in den Sinn, der jüngst in einem Vortrag von der 'beschleunigten Gesellschaft' sprach. Leipzig hatte mir in 4 Tagen das Gegenteil geboten. Ich kam mir nicht vor wie in einem Hamsterrad, sondern auf einem langen, spannenden, erheiternden Weg voller Eindrücke und Inspirationen, einen Sinn stiftenden Weg.

Leipzig war deswegen so einnehmend, weil diese Stadt einem inmitten der Urbanität die Möglichkeit bot, sich in sich zurück ziehen zu können und zu besinnen. Eine Qualität, die nicht unbedingt jeder Stadt zu eigen ist. Trotzdem ich einer grossen Vielfalt an kulturellem Reichtum gegenüberstand, trotzdem die Stadt in bestimmten Bereichen den Trubel einer grossen Stadt aufkommen ließ, stets war ich meiner selbst zugegen und frei in meinen Entscheidungen.

Das mag selbstverständlich klingen, ist es aber nicht. Menschen, die urbane Landschaften als romantisch empfinden, kennen das Phänomen: die Umgebung wird Herr über einen selbst. Doch genau dieser sonst so dominierende Einfluss wurde mir von der 'Stadt der Linden' als Option geboten - das nenne ich Freiheit.

Freiheit und Ruhe - die beiden Anker meines viertägigen Aufenthaltes in dieser wunderschönen Stadt.

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Nun hatte ich das Glück direkt zentral wohnen zu dürfen. Nach 1,5 Tagen beruflicher Verpflichtungen stand mir die Welt offen und dieses Angebot nahm ich dankend an. Wohl dem, der einen Menschen kennt, der aus dieser Stadt kommt und man das Privileg für sich verbuchen darf ihn als Freund zu bezeichnen. So wurde mir die Möglichkeit geboten, diese Stadt aus dem tiefsten Inneren heraus zu entdecken und es wurde eine Reise in die eigene Seele und Vergangenheit zugleich.

Was für berauschende Tage.

Kennen Sie dieses Gefühl: man steht irgendwo in einer Stadt, hört, riecht, atmet und fühlt, saugt alles tief in sich hinein ... . Man kann es auch Glück nennen. Nun, frei atmen konnte ich an diesem ersten Tag ganz oben auf dem mdr Tower, im Bild oben links zu sehen. Es bot sich eine fantastische Aussicht in alle Himmelsrichtungen und die Stadt zeigte ihre ganze Pracht aus der Vogelperspektive: Architektur, Historie, Zukunft, Flora & Fauna. Leipzig machte einen stolzen und selbstbewussten Eindruck. Mit keinem Reiz wurde gegeizt. Diese Eindrücke brannten sich tief in das Gedächtnis ein.

Die Schönheit einer Stadt zeigt sich in Kontrasten, in einem Wechselspiel aus verstecken und zeigen, sie offenbart sich in der Darbietung von Vergangenem und dem was in Zukunft möglich sein wird. Genauso empfand ich die sich anschließende Fahrt durch die Straßen. Leipzig hat etwas, was viele andere Städte nicht haben: Weitläufigkeit. Wenn Raum sich dehnt und streckt, dann hat das Auge die Freiheit auf Entdeckungsfahrt gehen zu dürfen.


Ich sah weite, sich biegende und krümmende Strassen, Alleen umsäumt von Bäumen, gierig nach dem Frühling greifend, Häuser die Geschichten erzählten, Architektur, die die Augen an jeder Ecke zum Glänzen brachten, selbst ein riesengroßes, zweimotoriges Flugzeug stand auf einem Hausdach! Als ich gegen späten Nachmittag über einen breiten Fluss fuhr und in die Ferne über das Wasser blickte, kamen Gedanken hoch an ein Land in dem einst die Dichter und Denker weilten.

Leipzig ist aber nicht nur eine feste, sondern auch eine flüssige Stadt. Erstaunt war ich, wie viele kleine Kanäle es gab, die sich klammheimlich hier und dort zeigten und schnell wieder verschwanden. Was muss das für ein Genuss sein, im Sommer in dieser Stadt weilen zu dürfen ... .

Druckerei-Viertel, Musiker-Viertel, Alternative Viertel, Bürgerliche Viertel, Viertel in denen Künstler ihrer Leidenschaft nachgingen. Es war ein einziger Rausch. Die Sinne wurden überflutet von Möglichkeiten. "Greif zu!" schien die Stadt mich anzuschreien. Eine Vielfalt, wie ich sie selten in einer Stadt erlebt habe.

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Jede Stadt hat einen Innenstadt. Innenstädte gleichen sich meist. Hier war dies nicht der Fall. Es war verwinkelt, eng und weit, hoch und tief, matt und glänzend. Mondän, kultiviert und geschmackvoll. Jeder Reisende muss einmal zu Ruhe kommen und wir entschlossen uns einzukehren. Eine Bar, ein Kaffee, ein Cognac. Touristen, Einheimische und ein paar Intellektuelle. Draussen an der frischen Luft das Museum der bildenden Künste vor uns, um uns. Der Hunger trieb uns weiter und wir entschlossen uns Fisch aus vorbeiziehenden Booten zu essen.

Uns dürstete es nach Musik und der Gang zur Thomaskirche war nicht weit. Ein gesonderter Bericht hierüber an anderer Stelle.

Es wurde dunkel, die Lichter gingen an, ein Moment, der fast jede Stadt mit einer unvergleichlichen Magie umgibt. Die Fahrt ging weiter in den Leipziger Westen in die Lützner Strasse. Ein Konzert, Neues Schauspiel Leipzig. Auch hier ein Bericht an gesonderter Stelle. Herrlich. Erinnerungen an eine Zeit kamen hoch, die es gar nicht gab.

Fahrten durch eine nächtliche Stadt haben etwas ganz besonderes. Das Licht ist künstlich, gelb, die dominierende Farbe schwarz. Man kann sich anstrengen um aus dem Auto in die Ferne zu blicken oder das Kaleidoskop einfach wirken lassen. Wohin, um einen Absacker zu nehmen? Auf zum König!

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Das Café Cantona: nicht nur Eric, auch der Kunde ist hier unumstößlich der König. Der Abend in der Windmühlenstrasse war einer der atmosphärisch dichtesten Momente der 4 Tage. Mein Blick hinaus in die Dunkelheit wurde gebrochen von einer Häuserfront vor einer weiten Strasse, umgeben von grün, dominiert vom dunklen, beleuchteten Grau der Häuserwand. Draussen war es still. Nur vereinzelt fuhren Autos die Strasse entlang. Ich musste an den amerikanischen Drehbuchautoren William Goldman denken, wir fanden einen Parkplatz direkt vor dem Café. Es war spät. Menschen grölten im Takt in einer Ecke. Wir genossen dazu Wodka, Kaffee, Oliven, Ziegenkäse, Brot und Cuba Libre. Das Gespräch drehte sich um Filme und das Kino an sich. Was kann es zu so später Stunde schöneres geben?

Später blickte ich aus meinem Hotelzimmer direkt auf das Gewandhaus, die Oper und lauschte der Stille der Nacht.

Was für ein Tag.

Es war still in der Nacht, aber nicht gespenstisch still.

Die Eindrücke des Tages hatten sich verfestigt, sie machten aber keinen Lärm und keinen Krach. Diese Eindrücke weilten nicht im Kopf, sondern im Herzen.

Ich habe mich definitiv in diese Stadt verliebt.

Zuletzt hatte ich ein solches Gefühl, als ich das erste Mal in Paris war ... .

Rick Deckard

 

Bildquellen und ©:

Werner Huthmacher / Hufnagel Pütz Rafaelian Architekten

Leipzig-Lese.de

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