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Kamera = Kamera? Eine kurze cineastische Überlegung, bezogen auf die beruflichen und künstlerischen Chancen für die Kamerafrau Uta Briesewitz

Veröffentlicht von Alan Lomax Rick Deckard Blog auf 19. März 2012, 16:43pm

Kategorien: #Filme

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Fast fahrlässig sprechen wir häufig von großen Kameramännern und genialer Kameraführung in Filmen! Aber was macht einen visuellen Look, einen besonderen Stil, so anders als andere!

 

Das Quartettspiel

Als wir das Kino noch liebten vielen häufig die Namen von Vilos Zsigmond, Janusz Kaminski, Robert Richardson, Robert Burcks oder Freddie Young. Während unseren damals noch lang geführten Diskussionen über den Film, hatten diese Männer Heldenstatus. Oftmals arbeiteten wir während eines Gesprächs nur die Namen ab. Wie in einem Quartettspiel! Ich denke, dass wir zusammengefasst von der Fähigkeit ein Drehbuch zu visualisieren begeistert waren. Denn das hatten unsere Helden fast alle gemeinsam. Die frühzeitige Einbindung in das Drehbuch (polnische Schule) und die damit, aus Laiensicht, zweitwichtigste Aufgabe, bei der künstlerischen Umsetzung.

 

Seventy Light Years

Heute wissen wir natürlich, dass  ein Film, nie nur von einem Kameramann gedreht wird und aus einem ganzes Team besteht. Insbesondere bei den modernen, digitalisierten Filmen, ist der Bereich facettenreicher geworden und eine Zuordnung und damit auch die Anerkennung im breiten Publikum seltener geworden.

Direkt muss ich an Freddie Young denken. Der  mit seiner Kameraarbeit für den David Lean Film „Lawrence von Arabien“ wahrscheinlich die spektakulärsten und wundervollsten Bilder der Filmgeschichte abgeliefert hat.

 

FrauKino

Und denkt man an „Lawrence“ den Film ohne Frauen,  muss man sich auch sofort überlegen, warum so wenige Frauen es zu ruhmreichen Kameraleuten gebracht haben? Die Gründe sind wahrscheinlich vielfältig und liegen bestimmt auch daran, dass es sich hier um einen grundsätzlichen technikbezogenen Beruf handelt, in der es Frauen schwer hatten Fuß zu fassen. Interessant ist ja aber die Tatsache, dass wir hier retrospektiv von über 100 Jahre mögliche Kameraarbeit sprechen, wovon mindestens 10 Jahre emanzipiert gewesen sein sollten und es trotzdem nicht sind.

Und es gibt sie ja immer die Ausnahmen! Diese Ausnahmen sind aber auch verbunden mit den neuen Möglichkeiten der Fernsehserien. Auf einmal sind  Techniker, die polnische Schule und der besondere Blick wieder gefragt. Anders als beim großen Bruder, muss erneut auf die Cinematographie geachtet werden. Und es öffnen sich auch ganz neue Perspektiven für Frauen, da oftmals eine weibliche Sicht auf die Geschehnisse gefordert wird, die neue Impulse setzt.

 

Überhaupt Cinematographie

Wieder verwende ich dieses Wort mit dem ich eigentlich gar nicht zu recht komme, da es die Spreu vom Weizen trennt. Die Spreu ist in diesem Fall die in Filmmuseum und Filmerziehung viel zu wichtig genommenen Zeit der Vor- und Frühgeschichte des Films. Ständig werden Kinder und Jugendliche mit Einblicken in Zeiten der Gebrüder Lumière gequält. Dabei wäre es pädagogisch und kinokulturell so wichtig Kinder und Jugendliche für das Kino zu begeistern! Letztendlich vielleicht tatsächlich mit der Fragestellung des Kameramanns/-frau bzw. der Sichtweise auch auf die Formate und unterschiedlichen Zeiten, verbunden mit den technischen Möglichkeiten der verschiedenen Epochen und den damit verbundenen Möglichkeiten.

 

Amerikanischer Neorealismus

Seit der Serie „Die Sopranos“ müssen Filmschaffende Menschen umdenken. Vor dem epochalen künstlerischen und kommerziellen HBO-Erfolg, wollte die Mehrzahl für die großen Studios, für die großen Filme arbeiten. Ruhm, Ehre und mächtige Gagen sollten vorprogrammiert sein. Seit dem sich aber der künstlerische und kommerzielle Fokus komplett von der Leinwand verabschiedet hat und Kino immer mehr im Serienformat stattfindet, ist die ungeschminkte Wirklichkeit wieder gefragt. Weniger Kintopp, mehr Inhalt, mehr das visuelle Aufbrechen der bürgerlichen Gesellschaft, die sich Bemüht hat die Wirklichkeit zu verbergen wurde nach gefragt und sollte gezeigt werden.

 

Scheinbar einfach: Hung oder Freeze Edward Hopper!

In der Folge „A Man, A Plan or Thank You, Jimmy Carter (2. Staffel Hung/HBO), sieht man in der Schlusssequenz Ray Drecker eine leer Gasse in seiner Heimatstadt Detroit entlang gehen. Kurz vorher war er in einem Club, dort hat er seinen Sohn zugeschaut wie er an einem Poetry-Slam teilnimmt. Während der Sohn sein Gedicht vorträgt begreift der Ex-Baseball-Profi was es bedeutet Vater zu sein und einen Sohn zu haben, der eben überhaupt kein bisschen so ist wie man selbst. In dem Moment kommen viele inhaltliche Aspekte der Serie zusammen: Zusammenbruch der klassischen Familienstruktur, Veränderung der Gesellschaft, das Psychogramm des amerikanischen Mannes etc. Wichtig diese komplexen Sachverhalte zu reduzieren und in einem Bild zu manifestieren.

Der deutsche Kamerafrau Uta Briesewitz, die in dieser Folge auch Regie führte, schafft das unfassbare. Sie friert diese schwierig zu vermittelnde Sequenz mit einem einfachen Trick ein und bezieht sich visuell auf Edward Hopper. Der ja auch bereits Regisseure wie Hitchcock und Ridley Scott beeinflusste.  Grandios!

 

Uta Briesewitz

Im Gegensatz zu den Filmmusseen dieses Landes lernte Uta Breisewitz Dinge über Design, Architektur, Fotografie von Ihren (Groß-)Eltern und durch das Fernsehen. Der Entschluss irgendwas mit Fernsehen oder Film zu machen war einfach. Die in der Nähe von Köln aufgewachsene Kamerafrau, begab sich in Deutschlands Medienhauptstadt und wurde Kamerafrau fürs Fernsehen.

Ein schneller Schritt, für den man heutzutage, mehr Glück als Können braucht und so wenig fordern darf wie es die Lebensbedingungen vorschreiben. thumbnail briesewitz

Anschließend studierte sie in Berlin an der Deutschen Film- und Fernsehakademie und lernte das cineastische Handwerk von Russell Carpenter (Titanic, Harte Ziele, 21). Mit Brad Anderson drehte sie ihren ersten amerikanischen Spielfilm und nahm dann das göttliche Angebot an für die Serie „The Wire“ arbeiten zu dürfen. Für „The Wire“ übernahm sie die Kameraarbeit von 29 Episoden und war so maßgeblich für die famose Bildwelt verantwortlich. Seit diesem „Streich“ taucht die Leverkusenerin  häufiger bei stilbildenden Serien auf und fällt insbesondere bei der Produktion HUNG – UM LÄNGEN BESSER durch grandiose, innovative Kameraarbeit auf.

 

Danke Robert Colesberry (Producer: The Wire)

Der Produzent Robert Colesberry muss ein innovativ denkender Mann sein! Oder er ist tatsächlich verrückt!

Der Pilot von „The Wire“ spielt im dreckigsten Baltimore. Die Sequenzen wurden zum Teil unter Polizeibewachung gedreht, da man Übergriffe der echten Gangs und Dealer auf die Filmcrew befürchtete. Uta Briesewitz sagt selbst in einem Interview, dass es wohl 10 beste Gründe gibt, warum man in dieser Situation und der Produktionsphase, nicht! auf eine völlig unbekannte, junge deutsche Frau als Kamerachef hätte setzen dürfen. Trotzdem gab er ihr die Chance!

 

Zufälle, Erklärungen, wunderbare Kunst die weitergehen muss.

Uta Briesewitz war ein empathischer Film- und TV-Junkie. Ihr Opa begeisterte sie für Photographie und Malerei. Die Eltern für weitere wichtige künstlerische Felder. Durch Zufälle kam sie nach Amerika, durch Zufälle landete sie am Set von einer der besten Serie die bis dato. Gedreht wurden: „The Wire“.

Zurecht übernahm sie die Verantwortung und damit visuelle Leitung dieses einzigartigen Filmkunstwerks.

Zum ersten Mal hat die amerikanische Film- und Fernsehindustrie eine wichtige Kamerafrau hervorgebracht, die ein Konzept hat. Wenn man selbst nur die kleinste Euphoroie für Bilder und Photographie hat, wird man die außer gewöhnliche orange glühenden Bilder der Serie für unwiderstehlich halten und verstehen was ich meine.   

Vince Gilligan, David Slade, Tim Van Patten, David Nutter, David Chace usw.! Das ist nur eine willkürliche Auswahl von Namen, die die neue Serienwelt maßgeblich  künstlerisch nach vorne gebracht haben! Uta Briesewitz gehört zu diesem Kreis schon lange dazu und steht damit trotzdem am Anfang aller Möglichkeiten!

 

Noch mal Quartett!

Irgendwann bei einem gemeinsamen Abendessen, leicht Weinbeseelt, werden wir mal Filmquartett spielen. Wir werden uns die Namen von grandiosen visuellen Filmeindrücken um die Ohren werfen und wir werden endlich auch den Namen einer Frau dabei aufzählen.

Alan Lomax

 

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