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Musik, Kino, Kultur, Radio


Joy Division – Grant Gee

Veröffentlicht von Alan Lomax Rick Deckard Blog auf 14. Mai 2013, 15:17pm

Kategorien: #Filme

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Fan“ zu sein bedeutet auch zu leiden. Nicht immer bekommt man alles, was man haben möchte sofort und oftmals erst viel zu spät serviert bzw. zugänglich gemacht.

Im Gegensatz zu vielen gleichdenkenden und getriebenen Menschen, die in den 1980er Jahren angefangen haben Musik zu hören, war ich von Beginn an New Order Fan. Die immer noch meistverkaufte Maxisingle aller Zeiten „Blue Monday“ habe ich im März 1983 bei Brinkmann in Hannover für 10,95 DM erstanden.  Ein Jahr zuvor hatte ich "Temptation" das erstemal bei meinem Bruder gehört.

„Blue Monday“ als Jugendlicher zu besitzen und zu hören, ist ein bis heute unvergessliches Gefühl. Ich wusste nicht, wer diese Typen waren, ich hatte sie nie gesehen. Ich wusste nicht, dass sie aus Manchester kommen, ich wusste noch nicht mal, dass sie aus England sind und natürlich wusste ich auch nicht, dass sie in der Nachfolge von Joy Division angetreten sind, weil ich auch nicht wusste wer Joy Division war.

Aber ich wusste schon damals, dass New Order die Musik meines Lebens sind; New Order somit den sog. "Soundtrack Of My Live" machen. Bis heute bin ich der größte Fan. Höre mindestens einmal im Monat stundenlang ihre Musik und beschäftige mich bei Youtube mit Liveaufnahmen und sammele jedes geschrieben geschriebene Wort.

Joy Division entdeckte ich erst wesentlich später. Für mich stellte sich eigentlich nie die Frage, ob man nun den einen oder den anderen mehr zugeneigt ist. Ich habe New Order immer als Fortsetzung verstanden und für mich persönlich rein subjektiv Bernard Sumner als das Genie hinter dem Ganzen, zumindest als MEINEN Helden, identifiziert. Der unverwechselbare und tragische Ian Curtis war mir nie so wichtig. Und ehrlich fragen Sie mich, ob ich die „Unknown Pleasures“ oder die „Power, Corruption & Lies“ von New Order auf eine einsame Insel mitnehmen müsste, würde ich mich für die Platte von 1983 (New Order) entscheiden. Beide Bands haben immer zwei Dinge vereint: „Intelligenz & Feingefühl“ und so kann ich bis heute die heldenhafte Verehrung des kranken Ian Curtis, der sich das Leben nahm, nicht nachvollziehen.

Der Dokumentarfilmer Grant Gee sieht die Sache zum Glück genauso. Nicht nur bezüglich der vermeidlichen sachlichen Trennung der beiden Bands, sondern auch was seinen Film „Joy Division“ (2007) im Vergleich zu dem Kinotauglicheren „Control“ von Anton Corbijn angeht. Gee sieht seinen Film als Ergänzung zu „Control“ und hat die Zeichen der Zeit erkannt, aus den New Order Leuten, die Wahrheit über die Vergangenheit ans Licht zu bringen.

Es ist ihm gelungen. Bernard Sumner, Peter Hook, Stephen Morris und Gillian Gilbert reden Tacheles. Gefilmt in abgedunkelten Räumen sieht man nur Ihre Gesichter. Kaum Möglichkeiten sich zu verstellen. Gee versteht die ergänzende Montage aus alten Liveaufnahmen, Interviews und Nachgefilmten Sequenzen perfekt.

Neben einer Fülle an Informationen für Nerds und Kenner der Bands wird die Antwort auf die Frage „Warum?“ immer wieder glassklar mit dem Wort „Bauchentscheidungen“ begründet. Was wir historisch und als strukturierte Vergangenheitsdrehbuch meinen wahrzunehmen, hat sich damals in einem kurzem Zeitraum eigentlich völlig normal generisch entwickelt. Nimmt man die Kontrolle/Control weg und betrachtet die Geschichte um Ian Curtis weniger pathetisch, wird einem schnell klar, wie unspektakulär die Verflechtungen der Band gewesen sind und wie wichtig und gesellschaftlich richtig ihre Musik war und warum sie auch heute noch so viel Kraft besitzt.

Die erstaunlichste Aussage des Filmes, ist die einhellige Meinung von Sumner und Hook, dass die erste Joy Divison Platte „Unknown Pleasures“ die schlechteste Platte der Bandgeschichte ist. Hook macht sich über die lächerlichen Arrangements lustig, Sumner hasst den Sound. Auf die Texte hatten beide angeblich nie geachtet und sie erst viel später, als traurig wahrgenommen.

Wirklich interessant! „Unknown Pleasures“ so zu bewerten und unter der Abbitte der Erfinder so zu sehen. Jeder muss das aber selbst für sich entscheiden! Ich wäre auch deutlich verstimmter, wenn die beiden, die gleiche Meinung zu den früheren New Order Scheiben hätten.

Die Geschichte zur Entstehung von „Love Will Tear Us Apart“ und der Rezeption des wunderbaren Songs, versöhnt dann aber wohl die hoffentlich gemeinsame Joy Division und New Order Gemeinde. Und ich denke, darauf kann man sich einigen!

Joy Division ist ein –auch für Nicht-Fans der Band– ausgezeichneter Dokumentarfilm über eine Band, die auch immer ihre Zeit gedanklich und musikalisch erklärt hat. Um zu verstehen, warum aus Popmusik, ernsthafte Kunst werden kann. Welche Kraft und Fähigkeiten Menschen haben, die ihr Innerstes nach außen kehren und wie wichtig Musik für Gesellschaft, Sozialleben, Entwicklung, Moral und Werten ist, muss man sich wenigstens einmal auf dieses Thema der 1980er Jahre einlassen. Auch wenn man meint, dass anderes wichtiger ist!

When routine bites hard and ambitions are low
And resentment rides high but emotions won't grow
And we're changing our ways, taking different roads

Alan Lomax

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