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www.lomax-deckard.de

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Joan As Police Woman – Köln Kulturkirche

Veröffentlicht von Alan Lomax Rick Deckard Blog auf 23. Februar 2011, 08:45am

Kategorien: #Konzerte

 

post-sing-tn 

Joan Wasser ist so etwas wie der Tarnkappenbomber der relevanten kürzeren Popgeschichte: draft_lens2273251module41396742photo_1284251836Angie_Dickin.jpg

 

Vergleichbares Aussehen mit der jungen Angie Dickinson, Geigerin bei einer der unterbewertesten Bands der achtziger Jahre (Dambuilders), Witwe des unvergesslichen Jeff Buckley, Zusammenarbeit mit Dave Gahan und Lou Reed, Gastmusikerin bei den ersten unvergesslichen Auftritten von Rufus Wainwright und unendliche Kollaborationen und Freundschaften mit John Zorn, Lloyd Cole, Roy Ayers, John Cale und Antony Hegarty.

 

 

Vielleicht dann auch so etwas wie ein It-Girl der unabhängigen amerikanischen (New Yorker?) Musikszene. Merkwürdiger Weise allerdings kaum wahrgenommen von der breiten Öffentlichkeit, obwohl neben der faszinierenden Persönlichkeit, auch eine sehr schöne, verstörende und fast kunstvolle Frau zu sehen ist.

 

 

Der oben zu sehende Auftritt stammt vom Haldern Pop Festival 2008 und zeigt den bisher famosesten Auftritt von Joan Wasser, den ich gesehen habe. Sehr durchgedreht, sehr fremd, sehr irgendwo anders war Joan aus New York an diesem späten Nachmittag. Nicht nur die paar versprengten Menschen vor der Bühne, auch eine ferne Galaxie hatte sie mit dem Song „Fire“ erreicht. Nach ziemlich viel Regen, kam die Sonne, ein Regenbogen. Oft sieht man das bei Festivals. Leider viel zu selten bei wahrhaft guter Musik und guten Momenten.  

 

Bei den ersten Rufus Wainwright Konzerten in Köln (Bürgerhaus Stollwerk und Gloria) bestritt Joan Wasser zum Teil das Vorprogramm. Leicht nervös, etwas hektisch und musikalisch ehr dünn, wie ihre ersten Alben, wirkte sie dort alleine, später mit dem gesamten Ensemble aber grandios. Nicht zu letzt bei einer unvergesslichen Coverversion von Leonards Cohen „Hallelujah“, welches ja später eigentlich nur von Jeff Buckley gesungen werden durfte. Danach dann eigentlich, eben nur noch Joan Wasser singen darf. Warum? Nun sie hat lange genug versucht ihre Trauer zu verarbeiten, dies auch immer wieder kommuniziert und wäre fast daran zerbrochen. Es gibt kaum ein persönlicheres Lied wie „Hallelujah“ und ich bin eben der Meinung, dass man insbesondere bei diesem Song die Zusammenhänge verstehen muss.

 

Zusammenhänge sollte man auch verstehen, wenn man ein Konzert besucht. Ehr peinlich ist das Publikum in der Kölner Kulturkirche. Was daran liegt, dass hier Urbanität durch dörfliches Stadtteilverhalten ersetzt wird. Anders ist es nicht zu erklären, dass man hier Menschen sieht, die man sonst nie auf Kölner Konzerten sieht. Der entspannte Liberale ruft nun, aber Lomax, ist doch super, Menschen interessieren sich für Musik, bei der sie sonst nie einen Zugang bekommen. Der ewige Nörgler, den man mir gerne unterstellen kann, antwortet dann aber, dass ich kaum so viele peinliche Momente, während eines Konzert erlebt habe. Angeführt von einem älteren Herren, mit schlecht sitzendem Pullover, der kurz vor Ende des Konzertes Rock’n’Roll fordert. Wie niedrig die Empfindlichkeit eines solchen Zuschauers ist, ist schon erstaunlich. Mit etwas Sensibilität, auch ohne Musikwissen, hätte er verstanden, dass die Joan Wasser gerade angekommen ist in der schönen Atmosphäre der Kirche. Die hatte sich etwas entspannt und verstanden, dass die Akustik des Raumes entscheidend ist und dann auch kurzfristig entschieden „Woman“ von John Lennon zu spielen. Extrem genervt, fast körperlich, tötet sie den dämlich Reinrufer mit strafenden Blicken und einem abfälligen: „dass ist sicher nicht die Zeit für Rock’n’Roll“.

 

Warum erzähle ich das? Diesmal ist es einfach, weil an diesem Abend einfach nichts zusammenpasste: Das Publikum nicht zu Joan Wasser. Der wirklich peinliche Lederoverall nicht zu der schönen Musik. Die musikalische Umsetzung mit Moog Bass Synthesizer und weiteren Keyboards, sowie Schlagzeug nicht zu den guten Kompositionen und der notwendigen Erdigkeit der Musik. Die konsequente Songauswahl des neuen Albums, nicht zur Kirche und die Qualität des Sounds nicht zum Abend.

 

Ein schwieriges Konzert also, was zusammengefasst leider nur als mittelprächtig in die Historie eingehen wird.

 

Interessant zu beobachten wird es auch weiterhin sein, ob Joan Wasser eine heilige Kuh bleibt oder sich dem möglichen Radiohit hingeben wird. Ich finde diese Frage ernsthaft relevant, weil ich ganz genau weiß, dass das nicht passieren wird. Denn Joan Wasser wird sich irgendwann wieder neu erfinden, noch besser werden und weiter hin auch mal wieder ein unvergessliches Konzert geben. Bei dem ich -und jemand für den der Abend vielleicht für immer unvergesslich bleiben wird- auf jeden Fall da sein werde. Dann vielleicht auch in der ersten Reihe und auf jeden Fall mit Blick aus einer anderen Perspektive.

 

Alan Lomax  

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