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Interview mit einem Taxifahrer

Veröffentlicht von Alan Lomax Rick Deckard Blog auf 20. Juli 2010, 17:47pm

Kategorien: #Kommunikation

Taxi.jpg

Pünktlich zur vereinbarten Zeit klingelte es an der Tür. Ich hatte meinen Koffer und das Handgepäck akkurat aufgestellt und sämtliche noch erforderlichen Reiseunterlagen lagen perfekt aufgereiht auf dem Tresen in der Küche. Draussen war es brütende 35°C heiss und als ich die Tür öffnete stand ein Herr im mittleren Alter vor der Tür im schwarzen Anzug. Untersetzt, schwitzend, sich den Schweiss von der Stirn wischend, aber mit einem weichen Gesichtsausdruck und sofort Sympathie verströmend. Er begrüsste mich sehr freundlich, fragte mich wie es mir geht und begrüsste mich im Namen seiner Firma.

Wir redeten aneinander vorbei was zur Folge hatte, dass er meinen Koffer die Treppe keuchend hinunter trug. "Bill", so will ich Ihn mal nennen, verstaute das Gepäck in einem schwarzen Ford stand vor der Fahrertür und fragte mich höflich ob ich meinen Pass dabei hätte, ich mich wohl fühle und wir starten könnten? Wir grinsten einander an und ich bejahte seine Frage.

Die Klimaanlage im Auto kühlte uns ab.

Ich liess meine Augen über die Landschaft und Gegend streifen, seufzte und nach wenigen Minuten fuhren wir auf dem Highway zum Newark Int. Airport. Da laut Statuten seiner Firma die Gäste nicht auf dem Beifahrer-Sitz Platz nehmen durften, sass ich hinten und beobachtete Bill. Er war gut drauf. Auf meine Ausführung, dass ich aus Deutschland käme und zu Besuch in seinem Land war freute er sich, fragte wie es mir gefallen habe und erzählte von seinem Vater, der in Deutschland stationiert war. Sein Land habe er nie verlassen können und ich fragte nicht nach dem Grund. 

Ich kam nicht umhin ihn auf die ausgesprochene Freundlichkeit, Zuvorkommenheit und Höflichkeit der Amerikaner im Alltag hinzuweisen und er war überrascht, denn im Staate New Jersey gelten seine Landsleute als besonders unhöflich, was ich verneinte. Eureka! dachte ich, wenn das als unfreundlich galt, wollte ich nicht wissen, wie es woanders in diesem Land war. Warum seien sie so fragte ich und als sei es selbstverständlich, was es letztendlich auch ist, fragte er was es denn kosten würde einfach nett zu sein? Es sei viel anstrengender und schwerer seine Mitmenschen unhöflich zu behandeln. Ob dieser einfachen Philosophie war ich ein wenig baff. Recht hatte er. Ein Lächeln, ein freundliches Wort würde doch beide Seiten wohl stimmen. Recht hatte er.

Wir unterhielten uns über die unterschiedlichen familiären Ansätze in unseren Ländern und das hohe (auch finanzielle) Opfer welches Eltern erbringen müssen um ihre Kinder zum College zu schicken. Als er mir den Betrag für ein Jahr College nannte wurde mir schwindelig, da sind die Semestergebühren bei uns fast ein schlechter Witz. Drei Töchter habe er und seine Frau habe kürzlich einen Schlaganfall erlitten, würde sich aber prima erholen. Ich konnte es mir nicht ausnehmen ihn nach dem Gesundheitssystem auszufragen, warum es kein Solidaritätsprinzip gäbe wie bei uns, wo alle in einen Topf bezahlen und die, die krank werden davon profitieren? Die Amerikaner denken anders sagte er. Sie sagen, sie würden hart arbeiten und Geld verdienen, warum sollte dann jemand anders von seinen eigenen Mühen und seinem eigens erwirtschafteten Geld zehren? Jeder solle sich um seine Belange kümmern. Interessanter Ansatz dachte ich. Auf diesem Gebiet gilt die Devise jeder für sich und nicht wie bei uns einer für den anderen (wäre schön, wenn das im Alltag auch so wäre). Demokrat sei er und würde Obamas Bemühungen hinsichtlich einer einheitlichen Krankenversicherung unterstützen.

Mit 55 miles per hour fuhren wir dahin. Ich dachte viel über die vergangenen Wochen nach.

Wir unterhielten uns über das amerikanische Rolling Stone Magazine und über die Tatsache, dass Obama seinen 4 Sterne General Stanley McChrystal auf Grund eines Artikels im diesem Magazin (ein Grund) feuerte. Man solle sich nicht schlecht über seinen Chef in der Öffentlichkeit äussern, sondern zu ihm gehen und seine Meinung geigen.

Ich nahm einen grossen Schluck aus meiner kalten Poland Spring Flasche atmete durch und fragte ihn nach seinem Selbstverständnis als Amerikaner, ob er sich als ein Weisser als typischer und klassischer Amerikaner fühlen würde. Er lachte lauthals und für einen Moment schämte ich mich wegen dieser Frage, aber ich wollte unbedingt eine Antwort. Keineswegs sagte er, er sei zu einem Teil polnisch, zu einem anderen tschechisch, dann wieder auch italienisch. Dieses Land sei für alle da und er wäre allen anderen gleichgestellt. Das sei nicht nur sein Selbstverständnis, sondern das fast aller in seinem Land. Jeder hätte das Recht, egal woher er komme, sich Amerikaner zu nennen.

Bill war sehr zugewandt und antwortete auf jede Frage ausführlich und mit viel Muße. Ich genoss dieses Gespräch sehr. Er erzählte mir über seinen Aufenthalt in Arizona, seine Frau, die gerne 'House Hunters' (eine schöne Sendung nebenbei bemerkt) auf Channel 60 sehen würde und fragte mich, ob ich mich auf ein kräftiges deutsches Bier freuen würde? Wir lachten.

Vorbei am New Jersey Turnpike ging es unaufhörlich Richtung Flughafen, vorbei an den stets grossen und überdimensionalen Werbetafeln, die ich sehr genoss und die mich an meine Heimat erinnerten, vorbei am Wasser, über Brücken und Wehmut kam bei mir auf. Ich genoss die Wochen hier sehr.

Am Terminal C angekommen entnahm ich mein Gepäck diesmal selber, drückte Bill ein generöses Trinkgeld in die Hand und er verabschiedete sich von mir, wünschte einen guten Flug, sagte er habe sich gefreut, dass ich sein Land besucht habe und ich solle bald wiederkommen.

Auch wenn es Geschäftsgebaren ist, auch wenn es vielleicht Floskeln sein mögen, was ich nicht glaube, es tut gut.

Angekommen erwartete mich "Udo" mit in die Hüften gestemmten Fäusten bereits am Flughafen. Udo ist auch Taxifahrer für die 'Rote Flotte'. Teilnahmslos nahm er mein Gepäck, stellte es in den Kofferraum beantwortete meine Frage, ob er denn lange habe warten müssen mit einem "Nö", redete kein Wort mit mir, legte ungefragt eine Esoterik CD mit grauenhaft lauter Klaviermusik in den CD Player und raste dahin. Kein Wort, keine Frage, keine Konversation. Er hielt vor dem Haus, wünschte mir mit einem Zitronengrinsen ein "Schönes Wochenende" und fuhr weg.

"What does it cost you to be friendly?"

Rick Deckard


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