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www.lomax-deckard.de

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Ghost On The Canvas - Glen Campbell

Veröffentlicht von Alan Lomax Rick Deckard Blog auf 3. September 2011, 16:08pm

Kategorien: #Populäre Musik

Glen-Campbell.jpg

Ein Mann steht im Nirgendwo, allein, umgeben von seinen Gitarren und blickt gedankenverloren in die Leere des Raumes. Keine Kontraste, keine Schärfen, einzig sein Kopf ragt mit einer gewissen Dominanz aus dem Bild und ein mildes Lächeln, scheinbar Zufriedenheit suggerierend, zeichnet sein Gesicht. Aus der Tiefe gelangt die Unschärfe nach oben, so, als ob die Zeit unbeirrbar die Erinnerungen verwässert. Dem will der Mann noch ein Mal Paroli bieten.

Der Mann, ganz in schwarz gekleidet, einzig mit einer roten Krawatte als Kontrast und einem Schloss (?) über einer Tasche ist eine lebende "Lomax-Deckard-Legende":

Glen Campbell.

Als ich vor fast einem Jahrzehnt von Lomax den 'Rhinestone Cowboy' vorgespielt bekam, gab es eine sofortige und innige Verbindung zu diesem Musiker, der ähnlich wie Andy Williams und Burt Bacharach über ein sagenhaftes Talent verfügt: mit seiner Musik und den mit ihr vermittelten Emotionen in die Tiefen der eigenen Seele vorzudringen.

Sein neues Album ist erschienen und trägt den Titel 'Ghost On The Canvas', wörtlich 'Ein Geist auf der Leinwand'. Vergangenes, nicht mehr lebendiges aus der Erinnerung gemalt (!).

Hört man sich die einzelnen Titel an, dann überkommt einen das Gefühl Campbell wolle den Hörer auf eine Reise mitnehmen, ob es ein Rückblick in die eigene Historie ist, lässt sich mangels Kenntnis seiner Biografie nicht beurteilen. Die Songs werden immer wieder mit kleinen instrumentalen Miniaturen von teilweise unter einer Minute Länge durchsetzt und tragen Titel mit kalendarischen und geografischen Bezeichnungen. Das letzte dieser kleinen musikalischen Bindeglieder trägt den Titel 'The Rest Is Silence'. Da gibt es nicht viel zu deuten.

Die einzelnen Stücke reihen sich pausenlos aneinander und ergeben damit ein stimmungsvolles Bild einer Reise, die Texte sind unmissverständlich, zeitweilig auch mit religiösen Motiven besetzt. Es geht um Einkehr, Rückkehr, Besinnung auf ältere Zeiten und Freunde, Verlust, aber auch Freude und Zuversicht. Kein Zweifel, dass es Campbell hier sehr persönlich angehen lässt, darf und kann er auch nach einer solchen Karriere, bedenkt man zudem, dass er an Alzheimer erkrankt ist.

Mit einer sehr positiven und bejahenden Einstellung zum Leben eröffnet das Album und 'A Better Place' wird mit mit akustischer Gitarre und einer schönen Melodie gesungen. Eine kurze, aber umso mehr prägnante Aussage des Musikers. Danach folgt gleich das titelgebende Stück 'Ghost On The Canvas' und ist auch gleich der absolute Höhepunkt des Albums. In einem sehr schönen Arrangement mit leidenschaftlichen Streichern und grossem Gestus sowie einem Hauch von Melancholie präsentiert uns Campbell sein ganzes Können und letztlich das, was Ihn berühmt gemacht hat. Neben seinem Talent als Sänger hatte er auch Crooner-Qualitäten.

Danach folgen einige Stücke mit Pomp und Power, vielen Country Elementen und auch musikalischen Hinweisen auf den nordamerikanischen Rock ('n Roll) eines Bruce Springsteen ('In My Arms' zusammen mit Chris Isaak, Dick Dale und Brian Setzer). Wir hören in diesen Stücken, knackige Riffs, Hand Claps, Pedal Steel und Banjo. Energisch schreitet er durch die Stücke, bis er mit 'Nothing But The Whole Wild World' ruhigere Töne anschlägt, auch ein Stück weit Humor beweist und mit sparsamer Instrumentierung singt.

Hiernach wird es kritischer (zur Lebenseinstellung und Lebensplanung) mit 'Hold On Hope' und bei 'Any Trouble' fungiert er als Ratgeber mit treibendem Rhythmus und wieder Streichern im Hintergrund. 'Strong' mit den Dandy Warhols ist opulent und mit 'There Is No Me ... Without You' blickt er eindeutig zweideutig in den Himmel. Das Stück ist über 6 min. lang und definitiv der zweite Höhepunkt der Platte mit z.T. flirrenden Violinen, Gitarrensoli und Epik. Ein  grosser abschliessender Moment.

Warum Campbell das Album nicht mit diesem Song beendet, leuchtet mir nicht ein. Das sich anschliessende 'What I Wouldn't Give' eröffnet mit einer klaren Gitarre, kippt über ins schlagerhafte und wirkt dadurch etwas bizarr, zumal ein Soundteppich im Hintergrund das Ganze untermalt. Der letzte Track 'Wish You Were Here' ist grosses Sentiment mit einer Ode an einen scheinbar dahingeschiedenen Freund, mit Akkordeon Klängen und viel französischer Atmosphäre.

Das Album ist gut produziert, zeitweilig mit grossem Bombast und viel Energie. Leise will Glen Campbell seine Karriere (wenn überhaupt) nicht beenden. Ein sehr kraftvolles, vitales, Hoffnung versprühendes (wenn auch letztere nach Nietzsche das Leid noch eher verschlimmert) Werk eines grossen amerikanischen Sängers, umweht von Nostalgie und Melancholie, verbunden aber durch Freude und Dankbarkeit.

Rick Deckard

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