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Gastbeitrag: John Ross Ewing: Meilensteine deutschsprachiger Bands, Auslese 2009 | 2010

Veröffentlicht von Alan Lomax Rick Deckard Blog auf 6. Mai 2010, 12:34pm

Kategorien: #Populäre Musik

JR Ewing- Calling In Dead

 

Innerhalb der vergangenen Monate ist es zur Veröffentlichung von Alben aller  wichtigen deutschsprachigen Bands gekommen, so dass ich eine Zusammenfassung der Standpunkte und Stellenwerte angebracht finde. Wo befinden sich diese Bands, wo wollen sie hin, wie ist die Veränderungsbereitschaft? Alle Bandentwicklungen darzustellen würde den Rahmen sprengen, nur soviel: All diese Bands verfolge ich schon sehr lange und alle liegen mir am Herzen. 

 

I.        Die Goldenen Zitronen – Die Entstehung der Nacht (Buback / Indigo)

 

An goldenen Zitronen kann man sich festbeißen, sowie goldene Pudel zum Lieblingstier werden können. Die wichtigste deutsche Band hat ein Album aufgenommen, welches an zeitgemäßen Statements nichts vermissen lässt. Gegen die Resignation und alle Formen der Konsumgesellschaft. Seit Jahren verfeinern die Goldies das schräge Geplocker und Geloope als Untergrund zu den ausgezeichneten Texten. Wenn man sich länger damit auseinandersetzt merkt man nicht mehr, wie anstrengend dies auf Menschen wirkt, die diese Musik nicht kennen. Aber anstrengend muss es sein. Auch für die Band, mit diesem Status immer noch wütend zu bleiben, Haltung zu bewahren, Werte zu verteidigen, zu wettern, subtil zu mahnen und Stellung zu beziehen. Für mich ist das ausschweifend und euphorisierend anstrengend, und zwar so, dass ich das gern sofort laut mit anderen Menschen teilen möchte. Geier und Kamerun sind viel im Theater unterwegs und das tut der Sache gut, offenbar können sie der Versuchung widerstehen, der Melodieorientierung zu verfallen, sich anzupassen, geschmeidig zu werden. Aufregend ist die Musik insbesondere beim instrumentalen Titelstück Die Entstehung der Nacht. Auf ihre Art, im doppelten Sinne, sind die Goldenen Zitronen weise.

 

Besonders zu erwähnen ist das unglaubliche Cover Artwork samt LP-Beilage mit Werken von Daniel Richter. Gut, wenn bedeutende Künstler alte Buddies sind. Somit entsteht ein Gesamtkunstwerk, welches seines Gleichen sucht. Die Musik passt wunderbar zu Richters Bildern, jedem Stück wurde eines zugeordnet. Wunderbar auch die Kolaboration mit Mark Stewart (of Pop Group + Mafia Fame) und Melissa Logan.

 

II.      Fehlfarben – Glücksmaschinen (Tapete Records)

 

Peter Hein ist ein Held, der für sich eine angebrachte Wut und Verweigerungshaltung beibehält und – zumindest im Rahmen seiner musikalischen Veröffentlichungen – in gute Schlagworttexte ummünzt. In seinem Buch ‚Geht so‘ gelingt ihm das weniger, als musikalischer Handlungsreisender ist er in den Pubs’n’Clubs zuhause, stets genauer Beobachter, jedoch mit Schlüssen, die ich so nicht wichtig finde. Die von ihm gelebte Gegenkultur weicht in seinen Betrachtungen eher einer Altersmilde.

 

Dafür hat Janie aber ja die Musik. ‚Glücksmaschinen’ ist musikalisch retro, stampft und schnaubt with punky attitude. Das Cover ist im Gegensatz zu dem der Goldenen Zitronen auch so etwas wie retro. Irgend jemand hatte die Schnapsidee, die Fehlfarben in bunten Siebzigerjahretapeteanzügen abzulichten und ihnen dazu passende Sonnenbrillen aufzusetzen. Unverständlich. Im Gegensatz aber zu Heins rheinischem Singsang, der besonders bei ‚Aufgeraucht’ durchschlägt. Hein ist präzise wütend, vermutlich auch, weil er sich jetzt als Vollzeitkünstler ausführlich mit der Scheiße des Lebens auseinandersetzt. Fehlfarben gehen ungewohnt steil 2010, das ist schon eine knackige Scheibe, auch dank des Pyrolators. Das beste zum Schluss: ‚Respekt’ ist eine Überwuthymne gegen die Ehre im HipHop. Die „Äährrre“ wird von Peter Hein niedergesungen. Und das ist Punk, Mann.  

 

III.    Captain Planet – Inselwissen (Unterm Durchschnitt/Broken Silence)

 

Emo - Punk vom Feinsten und Direktesten. Die Platte hat mich umgehauen und süchtig gemacht. Immer weiter, immer weiter kann man die hören. Die Stimme ist pure Leidenschaft. Die Texte von Arne von Twistern sind erfrischend anders, nachdenklich herausgeschrien. Punk Poesie mit Bier in der Hand, völlig unverständlich, dass die nur von ein paar hundert Mailorderkonsumenten wahrgenommen werden.  Oder vielleicht doch verständlich, weil das wirklich Mainstream für Minderheiten ist, um diese alte Kamelle nochmals aufzugreifen.

 

Tief aus dem Herzen, durch die Lunge geschleudert strömen hier feinsinnige Texte und Melodien wie ein Wasserfall. All killer!

 

Ich kann nur sagen, dass mich dieser Rohdiamant wirklich anfixt und auf jeden Fall zu meinen großen Live-Wünschen gehört. Es ist wahrhaftig und trägt einen weg. Auf diesem emotionalen Niveau wird das vermutlich nur zwei Alben gut gehen. Damit ist das hier Geschichte.

 

One more, Captain.

 

IV.  Jochen Distelmeyer – Heavy (Columbia/Sony)

 

Heavy ist am längsten raus,  von den hier besprochenen Alben. Blumfeld waren ohne Frage Diskurspop in Vollendung. Distelmeyer gelingt hier mit gesteigerter Variabilität ein größerer Sprung nach vorn. Ich möchte nicht die apfelmännische Diskussion zum seichten Distelmeyer führen. Er hat sich einen eigenen Status erarbeitet, den man so respektieren muss. Der Vortrag seiner Texte ist nachhaltig auf einer, ich nenne das mal so, sozialpartnerschaftlichen Ebene. Von oben betrachtet, als eigener Gott das eigene Leben kommentierend. Das ist gewöhnungsbedürftig, gelingt manchmal, geht aber manchmal auch nicht gut, vor allem, wenn man ungewollt damit konfrontiert wird. Darauf einlassen hilft.

 

Es gibt aber durchaus wieder große Stücke, ganz besonders gelungen finde ich die Akustikversion von ‚Lass uns Liebe sein’ auf der ‚Regen e.p.’ Offenbar ist er auf der Mittelspur der Autobahn des Lebens und fährt 120 mit Tempomat, frisch rasiert und gekämmt, und ein weißes Hemd. Der Schallplatte liegen großformatige Aufkleber bei, deren plakative Aufforderungen die Ausfahrten sein könnten, die er nimmt.

Komm und wehr Dich!

Bleiben oder Gehen.

Ohne Gott und ohne Geld!

Wohin mit dem Hass?

Oder die Ausfahrten für uns. Dran bleiben wird sich in jedem Fall lohnen.

 

V.    Ja, Panik – The Angst And The Money (Staatsakt/Rough Trade)

 

Nach der Single ‘Alles hin, hin, hin’, die so umwerfend war, galt es zunächst die beiden alten Alben (Ja, Panik 2006 und The taste and the money, 2007)zu erwerben, zwar leider als CD Format, aber egal. Die Wiener Welt(ansichten) von Ja, Panik waren endlich mal wieder etwas völlig frisches am deutschsprachigen Popkulturhimmel. Mittlerweile schauen sie wohl von Berlin aus auf das Leben. Andreas Spechtl hat sich eine sehr eigene Text- und Gesangstechnik erarbeitet, die diese Musik sehr eigen erscheinen lässt. Irgendwie höre ich immer die so geliebten Television raus, aber schneller und noch ein bisschen glammiger, was für eine deutsch-englisch-sprachige Kapelle unbedingt als Kompliment zu verstehen ist. Sie spielen ständig mit Referenzen, Bezügen, tanzen auf verschiedenen Kanten ohne zu fallen und kreieren dabei unglaubliche, rauschhafte Indiehymnen. Das liegt sicher auch daran, dass in Wien wie Berlin ein schnelles, Grenzen testendes Leben geführt wird von den Herrschaften und man ihnen alles abkauft. Man betrachte auch die Videos. Unbedingt laut und oft hören.

 

Du meinst: "Jetzt bin ich auch bald dran,

sie fahren schon das volle Programm."

Und dass es dir scheint,

als habe ich nach einem Rausch,

als strahle ich seit gestern Nacht,

mein Gesicht nicht mehr zurückgetauscht,

in einem zweifelhaften Glanz,

als habe ich nach einem Rausch

mein Gesicht nicht mehr zurückgetauscht,

als strahle ich seit gestern Nacht

in einem zweifelhaften Glanz

(Als habe ich...2009)

 

Diese Platte ist das Hot Rotation Vinyl im vergangenen halben Jahr. Danke für den Rausch.

 

VI.  Die Sterne – 24/7 (Materie Records / Rough Trade)

 

Die Sterne haben mit ‘Posen’ 1996 eine der schönsten und wichtigsten Platten überhaupt in Deutschland gemacht. Nur Hits, ein unglaublicher Flow, tanzbare Haltung, vom Lagerfeuer bis zum Club, auf jedem Ghettoblaster immer passend. Halt ein Soundtrack des Lebens, wie es nur wenige gibt. Vorher waren sie natürlich schon ausgezeichnet, nachher sind sie es geblieben, aber nie mehr auf kompletter Albumlänge. Das gelingt natürlich den wenigsten und ist somit auch bei (ungewollten) Helden normal. Allerdings hatten sie immer fantastische Singles und überwiegend gute Stücke auf den Alben, ohne jetzt auf die Bandhistorie einzugehen. Dieses Mal ist das anders. Das Album hat wieder Flow und ist wieder tanzbar, wenn man das so sehen will, wie aus einem Guss. Die Stücke sind nicht alle unglaublich gut, aber sie bilden eine Brücke, bei der man am Geländer stehen kann, ebenso wie darauf herumhüpfen.

 

Ganz im Gegenteil zu Mr. Deckard bin ich der Meinung, dass diese Die Sterne auf einem sehr guten Weg direkt zum Soul sind und freue mich schon auf die nächste Scheibe. Es ist kein Posen, aber ein Konzept, das mir gefällt und auf das diese Band aufbauen wird. Das wünsche ich mir in meiner grenzenlosen Sympathie für Die Sterne.

 

VII.             Tocotronic – Schall und Wahn (Vertigo / Universal)

 

Über Tocotronic sind ja massive Essays in allen einschlägigen Gazetten erschienen, aber in diesem Kontext muss dies fantastische Album auf jeden Fall beleuchtet werden. Bei mir ging es mit Tocotronic los, als ich ‚Drüben auf dem Hügel’ auf einem Sampler hörte. Zu alt, um Teil der Trainingsjackenjugendbewegung zu werden, entwickelte sich aber eine stille, wenn auch gerne mitsingende, Begeisterung. Nach längerer Zeit habe ich in diesem Jahr die Band wieder live gesehen und muss sagen, dass mich die Weiterentwicklung und Wucht umgehauen hat. Das liegt ganz sicher an den neuen Stücken, von denen sieben oder acht gespielt werden. Das Album hat einen Opener, den man nicht mehr los wird, ‚Eure Liebe tötet mich’ kann trotz der sieben Minuten auf repeat gern immer weiter laufen. Wenn man weiter hört, hat man immer wieder Sehnsucht nach diesem göttlichen Intro. Zahlreiche sehr unterschiedliche Hits sind drauf, vom entspannt-klugen-Pavement-Pop (‚Die Folter endet nie’) bis zum energisch-fordernden SDS (‚Stürmt das Schloss’)!

 

Tocotronic schaffen die von mir wirklich geliebte Wendung zur Kunst, textlich wie in der Kontextualisierung, in ihrem Umfeld lassen auch sie sich offenbar befruchten. Weniger wie Teile der Goldies im Theater, mehr im Bereich Literatur, was sich ja als roter Faden durch das Werk zieht. Aber auch die richtig fetten Guitarren sollen erwähnt sein. Alles passt. Ein Meilenstein.

 

VIII.           Der Englische Garten (Firestation Records)

 

Der erste nachhaltige musikalische Kontakt zwischen Mrs. & Mr. Lomax und mir war ein Mixtape. Mrs. Lomax hatte zahlreiche ewige Hits aufgenommen und mir somit auch Zugang zu den Merricks gewährt, die ich seitdem wirklich schätze. Larry Chesky hat mich damals überzeugt. Seitdem ständiger Begleiter gab es bereits vor knapp vier Jahren den Download ‚Grosse Pläne’ von Bernd Hartwichs Nachfolgeband Der Englische Garten. Diese Sieben-Minuten-Hymne habe ich hundertfach gehört und wirklich Jahre auf dieses Album gewartet, auf das Konzert außerhalb von München warte ich wahrscheinlich noch lange. Das Album verwirklicht große Pläne. Die ‚Junge Leute’ Vinyl Single gab es schon lange, der Text wurde für das Album komplett überarbeitet. Danach kommt mit ‚2 Minuten 45’ ein echter Gassenhauer, überhaupt lebt das Album von den herrlichen Bläsern im Twee Pop Gewand, ist extrem tanzbar und passt natürlich überhaupt nicht in die Neuzeit. In welchem Club wird den drei Stücke hintereinander wie zu besten Dexy’s Zeiten getanzt?  ‚Heizdecke am Strand’ ist so wunderbar melancholisch und doch sind die Texte angenehm bissig. Eigen und einzigartig, die wunderbarste Popscheibe des Sommers, garantiert.

 

IX.  Kristof Schreuf – Bourgeois with guitar ()

 

 

Ich weiß gar nicht, wie oft ich meinen Musikfreunden die Kolossale Jugend vorgespielt, aufgedrängt und die Auseinandersetzung damit erzwungen habe. Mit mittelmäßigem Erfolg, denn selbst für diese aufgeschlossenen Menschen war es oft zu sperrig, die Texte zu krude, zu elegant in ihrer Kurzform. Das Livekonzert der Kolossalen Jugend 1989 zur „Halt’s Maul Deutschland“-Tour im Kölner Luxor hat mich nachhaltig beeindruckt. Kaum jemand hat eine solche Bühnenpräsenz wie Kristof Schreuf, totale Leidenschaft, der Text ist meine Party. Deshalb ist es schade, dass er trotz der Nachfolgeband Brüllen über Jahre abgetaucht ist. Er hat halt manchmal für Spex und ein Buch geschrieben, aber leider nichts veröffentlicht. Das ändert sich jetzt. Eigenes und Coverversionen finden sich auf ‚Bourgeois with guitar‘ und die Herangehensweise an sehr bekannte Stücke ist so, als hätte Schreuf neue Stücke geschrieben. Er beginnt mit der Melodie von Scarborough fair und singt My generation darauf. So was von schön und neu. Danach nimmt er die Rolle des Worlds forgotten boy an. Auch super. Das Ganze hört sich an wie die Komplettsanierung eines Altbaus. Es fühlt sich gut an, der Stuck ist herausgeputzt, Nummern wie ‚I feel love’ kann man wieder hören. Leider finden sich nur drei eigene Stücke auf der Platte, eines ist der Titeltrack, und man kann sich freuen, was da hoffentlich bald nachkommt. Mach weiter, Du Bourgeois with guitar!

Dazu ein Zitat von Brüllens ‚Schatzitude’

 

Ich bin bei der Sache                                                         

Denn in der Republik

Komme ich an mir nicht vorbei                             

Und denk, wo bleibt mein Lied?

(‚Es ist so still’)                                                                               

 

Bitte live anschauen:

 

Am Ende des Tages kann ich nur sagen: It was a very good year. Platten, die lange halten werden.

 

John Ross Ewing

 

 

 

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