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www.lomax-deckard.de

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Fehlfarben - Köln Luxor 07.04.2010

Veröffentlicht von Alan Lomax Rick Deckard Blog auf 8. April 2010, 10:32am

Kategorien: #Konzerte

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Peter Hein hat einmal gesagt: „Nein, ich nehme überhaupt nichts wahr! Ich will nichts wahrnehmen. Ich bin über 40, ich kann nichts mehr wahrnehmen! Wenn man den inzwischen über 50 jährigen im Kölner Luxor auf der Bühne sieht, hat man einen anderen Eindruck. Peter Hein weiß, dass er einer der wenigen deutschen Sänger mit Starpotenzial ist. Allerdings wirkt er auch immer unglücklich, wenn er es gerade wieder mal feststellt. Was zählt schon der Prophet im eigenen Land? Insbesondere in Zeiten wie diesen!

 

Fehlfarben 2010 bedeutet zeitgemäßer Elektro-Punk. Live kann man von einem mystischen Drive sprechen. Bass und Schlagzeug knarren in den Tiefen, üben Druck aus. Sounddesign und Gefrickle stammt nach wie vor von Frank Fenstermacher und Kurt „Pyrolator“ Dahlke. We do wie du, play loud, aber überlegt. Was man dort hört klingt wie ein Handbuch für moderne Sounds, nicht nach Silver Monk Time und schon gar nicht nach Verschwende Deine Jugend. Und was Jugend angeht, da sollte Gitarrenlegende Uwe Jahnke (S.Y.P.H) sich einmal neu konfigurieren. Neben Hein sieht er nicht nur abenteuerlich, sondern schon fast unpassend aus. Außerdem hat er einige Probleme mit „seinen Geräten“, wie Peter Hein es mehrfach betonte.

 

2:1 für die Band! Denn die Musiker gewinnen die 90 Minuten, Hein lediglich die Verlängerung. Janie J. Jones ist an diesem Abend zu gut gelaunt. Ich mag meinen Helden lieber nörgelig. Mit seinem rheinischen Singsang wirkt Janie eben nicht wie der Punk, sondern ehr wie der Chef einer Karnevalsband. Sorry, aber das musste raus, Peter. Natürlich weiß ich um die Heldentaten meiner Legende. Vielleicht hat sich der Mythos aber auch innerlich verschoben seit dem ich in Neuss arbeite und täglich in der Kantine des Finanzamtes zu Mittagesse. Ältere Kollegen erzählen immer wieder gerne Anekdoten, wie Peter Hein am Salatbuffet stand. Er arbeitet damals gegenüber bei Xerox. Lachleute und Nettmenschen, eben!

 

Mit dem Überhit und der deutschen Nationalhymne zum Thema Tiefpunkt, „Paul ist tot“ hatte Hein einst eine „faszinierende Tristesse“ eines deprimierenden Abends und eines unbefriedigenden Lebens skizziert: „Was ich haben will, das krieg ich nicht und was ich kriegen kann, das gefällt mir nicht“. Bessere Textzeilen kann man kaum schreiben. Aber hat man Lust das jeden Abend zu singen, insbesondere wenn man so gute Laune hat, wie Peter Hein an diesem Abend. So quittiert er auch frühzeitig, schüttelt mit dem Kopf und verlässt den Song und die Bühne frühzeitig vor Ende.

 

Das erste Tor schießt Hein in der 30 Minute und präsentiert mit „Internationale“ einen seiner besten Songs in gewohnt mürrischer und mir sympathischen Art. „Es müsste noch mal wie 89 sein“, ach was Peter aber „17 nicht 19, aber weltweit“. Weltweit beweist er eben insbesondere bei diesem Stück, dass er wenig von seiner früheren Wut verloren hat. Und ehrlich, gäbe es mehr junge Peter Heins, hätte wir nicht das zeitgemäße Problem des ausufernden Schwachsinns! Zumindest eine Möglichkeit des Rückzuges.

 

Zynismus ist an diesem Abend aber nicht angesagt. So wurde ich auch von Mrs. Lomax zu recht gewiesen, als ich mich über das unsagbar schlecht aussehende Publikum beschwerte. Wo doch genau das im ersten und Titelsong des neuen Albums „Glücksmaschinen“ thematisiert wird. Was? Ach, bloß, den eigenen Ideale seiner Jugend nicht mehr treu sein zu können! Sonst nicht’s.

 

„Tanz mit dem Herzen oder tanz gar nicht“. Ein Lebensmotto! Von mir auf jeden Fall! Dann aber Verwunderung bei der Vorband! Herpes aus Berlin! Banaler Stupfsinn im Kleid des Grauens! Die Band singt tatsächlich „Küss mich nicht, küss mich nicht, ich habe Herpes“. Erstaunlich das Fehlfarben so einen Support zulassen, wo sie sich doch sonst öffentlich über die Leere und den Dilettantismus von z. B. den Sternen und Tocotronic auslassen! Vieles stimmt an diesem Abend und vieles macht Spaß. Viele Ungereimtheiten gibt es trotzdem. Aber das ist ja wie immer eine Sache der eigenen Wahrnehmung… Alan Lomax

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