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Fahrenheit 451 - Francois Truffaut

Veröffentlicht von Alan Lomax Rick Deckard Blog auf 7. Februar 2010, 10:47am

Kategorien: #Filme

Fahrenheit451.jpg

Ein grosser Kinomoment. Ein Film der zum Denken anregt! Ein Regisseur, der die gleiche Leidenschaft für das Kino teilt wie man selbst und 2 Schauspieler bei denen es grosse Freude macht zuzuschauen. Last but not least eine Filmmusik die in das Regal eines jeden gehört, der Musik liebt.

Ich erinnere mich noch sehr gut, wie in den Schulpausen ein Mitschüler an seinem Tisch sass seinen Metallkoffer öffnete, sein Butterbrot (!) ass und andächtig versunken Musik hörte. Als ich ihn fragte was er denn da höre nahm er die Kopfhörer aus dem Ohr, sah mich an und wiederholte das Stakkato des Anfangsthemas dieses Films. "Das ist Bernard Herrmann!". Später machte ich die Bekanntschaft eines weiteren Mitschülers, der dieses Thema ständig wiederholte und von dem grossen Truffaut sprach. Einige Jahre später berichteten mir Mr. und Mrs. Lomax über diesen Film, schmunzelten über meine Aversion und hatten den gleichen Ausdruck im Gesicht nach meinen "Anfeindungen" wie die beiden da oben. Alle diese Erinnerungen kamen gestern wieder hoch als ich den Film sah.

Oscar Werner liefert eine grossartige Leistung in diesem Film und zeigte endlich die Performance und Leinwandpräsenz, die ich mir immer wünsche. Er ist beeindruckend gut und ist in seiner Darstellung vollkommen glaubwürdig und mitreissend. Julie Christie ist sowieso seit 'Dr. Zhivago' 'All Time Favorite' und wird es immer bleiben. Sie spielt eine Doppelrolle in diesem Film und ich war "schockiert", als ich ihren zweiten Auftritt im Wohnzimmer erlebte. Das ist der Vorteil, wenn man nichts über einen Film weiß. Werner aka Montag betritt sein Zuhause und redet mit seiner Frau, die keinen Deut macht, die Kamera schwenkt seitlich auf das Gesicht und man erkennt wieder Julie Christie, die zuvor als ein anderer Charakter (spielt auch eine Lehrerin in dem Film) Montag in der Magnetbahn anspricht. Da war ich als Zuschauer perplex. Auch ihre schauspielerische Leistung ist grossartig, insbesondere als Ehefrau von Montag. Ich schreibe diese Zeilen deswegen, da es den Anschein hat, jetzt nach meinem zweiten Truffaut Film, das letzterer ein Regisseur war, der anscheinend die Schauspieler liebte. Anders lassen sich sowohl das Spiel von Moreau in 'Die Braut trug schwarz', als auch die von Werner und Christie nicht erklären. Ich war sehr angetan von diesen Darstellungen.

Als das Universal Logo erschien und der Film begann war ich sehr aufgeregt, denn die Musik Hermanns begann zu spielen und was dann passierte liess mich nicht nur schmunzeln, sondern laut auflachen nach einiger Zeit. Ich lachte über mich, weil ich erkannte wie masslos eingebildet ich in meiner Meinung war. Es ist bekannt, dass ich "grossen Wert" auf die Eröffnungssequenzen von Filmen lege und halte diese einführenden Sekunden und Minuten für eine Kunst. In verschiedenfarbigen Darstellungen schwenkt die Kamera auf Antennen von Häusern und die Titelsequenz wurde aus dem Off von einer Frau mit den entsprechenden Namen verlesen. Wie grossartig ist das denn? Da meint man alle möglichen Stilmittel zu kennen und wird doch eines besseren belehrt. Truffaut! Grandios! Ich hatte ein riesiges Grinsen auf dem Gesicht. Das nenne ich die Form Innovation, die ich immer misse. Nach diesem Einsteig werden dann Bilder gezeigt von einem knallroten Feuerwehrauto und das Set-Design lässt keinen Zweifel, dass die Handlung in der Zukunft spielt. Zu den erwähnten Stakkato-Klängen der Streicher fahren Feuerwehrleute zu einem Einsatz, furios gefilmt, furios musikalisch untermalt. Diese ersten Minuten richte ich mein Augenwerk immerzu auf Werner und seine Körpersprache ist fantastisch: skrupellos, unbarmherzig und auch von einer imposanten Virilität. Dazu diese fast schon moderne Frisur! 

Das Bild einer Zukunft nach dem Roman von Ray Bradbury, welches Truffaut auf die Leinwand zaubert hat mir unglaublich zugesagt und es schwelt in mir und ich "befürchte", dass 'Fahrenheit 451' zu einem persönlichen Kultfilm wird, dass ist unvermeidbar. Für einen Film der 1966 gedreht wurde sind die gestalterischen Ideen, die Kostüme, das Design exzellent gut gelungen. Was für wunderschöne Szenen das sind, wenn Werner Gedanken versunken in der Magnetbahn fährt, mit Christie aussteigt und beide sich plötzlich in der freien Natur befinden. Hier musste ich aber auch lachen und staunen, da Werner ein merkwürdiges Gangbild an den Tag legt. Es scheint, dass er sich seiner Autorität nicht ganz sicher ist und Zweifel aufkommen. Ganz grosse Szene!

Die Komplexität dieses Romans und seine Kritik ist zweifelsohne gegeben und auch ohne es gelesen zu haben glaube ich schon, dass Truffaut die Essenz herausgefiltert hat. Wahrscheinlich werde ich jetzt für verrückt erklärt, aber ich erkannte in der Kritik des Captains an den Büchern und der Literatur auch einige Wahrheiten und in der Sequenz in der die Bibliothek entdeckt wird ist der folgende Monolog des Captains der Feuerwehr, superb verkörpert von Cyril Cusack, inhaltlich etwas, was mich ausserordentlich zum Denken angeregt hat. Doch dieser Exkurs würde hier zu weit führen und ist Domäne einer 'Auge in Auge' Diskussion. Ich bin mir sehr wohl bewusst darüber, dass es sich im Buch und im Film um einen totalitären Staat handelt, der Bücher als Hauptgrund für ein nicht Systemkonformes Denken ansieht und die Bürger abhängig und unmündig machen will. Aber der Effekt der Literatur und der Bücher ist auch einer den es kritisch zu überdenken gibt, losgelöst vom politischen Aspekt des Films. Etwas was mich innerlich sehr zerrissen hat.

Die Gestaltungen der Wohnzimmer der Zukunft sind fast schon als visionär zu betrachten mit den grossen Flatscreens und den Fernsehinhalten. Auch die Sedierung der Bürger durch Pillen mannigfaltigster Art liessen mich schmunzeln. Eine der bewegendsten Szenen ist die, in der Oscar Werner bei einem Treffen der 'Hausfrauen' plötzlich anfängt aus einem Buch vorzulesen und sich auf Grund des Inhaltes tiefe Emotionen sich in den Gesichtern der Frauen widerspiegeln. Sehr interessant in diesem Zusammenhang wie sich die Ehefrau von Montag im weiteren verhält, als sie die Passion von Montag entdeckt, möchte aber den Inhalt hier nicht verraten. Ich habe mich nur lange gefragt, wie ich dieses Verhalten bewerten sollte.

Der Wandel von Montag, seine aufkeimende Leidenschaft gegenüber Büchern wird sehr gut nachvollziehbar und eine der besten Szenen des Films ist die, in der Werner das Licht des Fernsehers nutzt um im Schaukelstuhl David Copperfield von Charles Dickens zu lesen. Die Kamera fährt ganz nah an die Seite heran und folgt dem Finger, der wiederum den gelesenen Worten folgt. Eine ungemein plastische und intensive Szene.

'Fahrenheit 451' hat mich als zweiter Film von Truffaut in meiner Retrospektive noch mehr beeindruckt und zwar in jeglicher Hinsicht. Auch in diesem Film gibt es so viele berührende, lustige, dramatische, visionäre und innovative Szenen, dass sie Abend füllend wären. Grossartig und absolut sensationell die Actionszenen am Endes des Films (das meine ich absolut ernst), in der Werner wie von einer Tarantel gestochen wegläuft, von Hubschraubern und Polizisten mit Raktentriebwerken auf dem Rücken gejagt wird! Kult die Sequenz in der Sanitäter die bewusstlose Ehefrau von Montag behandeln mit extrem lustigen Dialogen und zermürbend-pessimistisch das Ende des Films, welches aber auch einen leicht "trashigen" Charakter hat. 

Ein bewegender, mitreissender und absolut beeindruckender Film.

It seems as if Francois Truffaut rules!

Rick Deckard

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