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'Eine Geschichte über Gewalt' oder 'Die Geschichte der Gewalt' ? Ein Film von David Cronenberg

Veröffentlicht von Alan Lomax Rick Deckard Blog auf 6. Februar 2011, 17:32pm

Kategorien: #Filme

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Was mir damals und auch seit gestern wieder in Erinnerung geblieben ist, ist die Präzision und kühle analytische herangehensweise, mit der David Cronenberg mit den Mitteln des Films Elemente und Ursprünge der Gewalt in ihre Einzelteile seziert.

Der Film spielt auf zwei Ebenen: zum eine der klassisch amerikanische Traum im klassisch amerikanischen Vorstadtidyll mit Haus, Daddy, Mum, Tochter & Sohn. Er betreibt einen Diner, sie arbeitet als Anwältin. Alles ist friedlich, sittsam, ruhig und geht seinen gewohnten Gang. Auf der anderen Ebene geht es um die Kehrseite der Medaille, die Schattenseiten eben jenes Traums mit Gewalt als essentiellem Bestandteil der Gesellschaft, vielmehr menschlichen Zusammenseins.

Cronenberg schwört aber keine existentialistisch-philosophische Diskussion hervor, sondern zeigt nur seine Sichtweise der Dinge und gibt eher auf subtile Weise eine Erklärung dazu ab. Man kann lange darüber diskutieren oder den Film einfach nur geniessen, denn ein Genuss in filmischer Hinsicht ist 'A History Of Violence' alle mal, trotz oder gerade wegen der ultra-brutalen Szenen (Freigegeben ab 18 Jahren). 

Die Art wie Cronenberg den Film inszeniert ist faszinierend! Vorlage war ein Graphic Novel von John Wagner und Vince Locke. Bereits zu Beginn in der unendlich langsamen Titelsequenz spürt man bereits, dass das kein normaler Film werden wird. Mit lakonischem Humor zeigt Cronenberg wie zwei Männer aus einem Motelzimmer kommen und mit aller Gelassenheit über (vermeintlich) belangloses reden und auschecken wollen. Einige Minuten später ... . Ich will lieber nichts verraten.

Zu Beginn sieht man Viggo Mortensen und seinen Familienalltag in einem Ort namens Millbrook in Indiana. Alles ist Routine und alle sind zufrieden. Die Tochter hat wie jedes Kind in ihrem Alter Albträume, der Sohn muss sich gegen Halbstarke in der Schule behaupten und Mum & Dad bekennen sich ihrer gegenseitigen Liebe, bis die beiden Herren unverhofft abends im Diner auftauchen ... . 

Alles weitere zu verraten wäre unfair.

Erwähnenswert sind die Kameraführung und der Schnitt, insbesondere in den eruptiven Gewaltsequenzen. Unfassbar wie es Cronenberg schafft Szenen, die man aus Dutzenden anderer Filme zu kennen glaubt, neues Leben einzuhauchen. Konsterniert, voller Abscheu und Faszination zugleich, schaut man auf die Leinwand und fragt sich ob das stilistische Mittel eines Comics oder Graphic Novel sind, oder die filmische Umsetzung dieser Techniken? Die Spannung in diesen Szenen, von denen es drei im Film gibt, ist sprichwörtlich atemberaubend.

Das Drehbuch von John Olson unter der Mitarbeit der beiden o.g. Herren ist hervorragend und fesselt den Zuschauer volle 90 min. Keine Langeweile, keine Ablenkung. Schnörkelos, zielstrebig und ohne Mätzchen wird diese Geschichte von der oder über die Gewalt erzählt. Wüsste zu gern was ein Sam Peckinpah zu einem solchen Film gesagt hätte!

Mortensen ist absolut überzeugend in seiner Rolle und auch Maria Bello liefert eine präzise Darstellung als seine Frau. Es ist jedoch ein Schauspieler, der in einem 10 min Auftritt eine sensationelle, nein eine schier brillante Leistung abliefert: William Hurt. Wer Kino v.a. wegen der Schauspieler schätzt (was ich nach wie vor tue), der sollte sich diesen Film und v.a. die Szene mit Hurt nicht entgehen lassen. Das ist wirklich Schauspielkunst von unglaublich beeindruckender Intensität, so sehr, dass einem der Atem stockt.

Um nochmals auf den Eingangs erwähnten Punkt bezüglich einer Diskussion zurückzukommen: Der Titel des Films, so sahen das namhafte Rezensenten, und ich kann mich nach einigem Nachdenken dem anschliessen, suggeriert ganz klar und eindeutig einen Bezug zu Darwin und seiner These 'Survival Of The Fittest'. Je mehr man darüber sinniert, umso klarer wird einem nicht nur der Film, sondern auch die Bedeutung dieser Aussage.

Ein exzellenter Film.

Rick Deckard

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