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Don't Come Knocking - Mein erster Film von Wim Wenders

Veröffentlicht von Alan Lomax Rick Deckard Blog auf 13. Oktober 2010, 08:58am

Kategorien: #Filme

Knocking.jpg

Vielleicht kommt mit dem Alter wirklich die Weisheit, oder die Sehgewohnheiten ändern sich, oder aber man fasst den Mut eingetretene Kinopfade zu verlassen. Das "europäische" Kino hat mich bis auf den französischen Film nie sonderlich interessiert. Ich kann nicht sagen warum. Wahrscheinlich liegt es an der Tatsache, dass man mit Filmen aus Hollywood aufgewachsen ist. So etwas prägt mehr als man glaubt.

Gestern hielt ich 2 Filme von Wenders in den Händen: in der rechten 'Paris - Texas', in der linken 'Don't Come Knocking'. Welcher Impuls dazu führte überhaupt diese Filme in den Händen zu halten wird ein Rätsel bleiben. Ich entschied mich für den letzteren. Wahrscheinlich sprach mich das Motiv an: ein Mann steht mit gesenktem Kopf an einer Strassenlaterne an einer Kreuzung mitten im Nirgendwo. Dass er aussieht wie ein Cowboy ist unübersehbar, genauso wie die farbenprächtige Gestaltung. Und ja: ich lieber Hopper. Direkt hinter mir hängt sein Nachdruck 'American Realism'/ The Corcoran Gallery of Art und vor mir sein Bild von einem Segelboot vor der Küste Neu Englands.

Ich war am Ende des Films begeistert. Ein toller Film! Die Kollaboration eines Amerikaners, der das Drehbuch schrieb und die Hauptrolle übernahm (Sam Shepard) mit einem europäischen Regisseur (Wim Wenders). Und wie das Leben es manchmal will, kumulierte in diesem Film wirklich alles, was mich in den letzten Monaten beschäftigte in zwei Stunden Kino: Western, Americana, Landschaften, George Kennedy, Eva Maria Saint, Edward Hopper, Country Musik, Casinos, T-Bone Burnett, selbst Se7en in einem Dialog. Es war wirklich unglaublich.

'Don't Come Knocking' ist ein überaus sehenswerter Film für Menschen, die das Kino und den Film lieben. Keine meiner Ängste zu Anfang wurden bestätigt (Kopflastigkeit, Langeweile, keine Dramatik etc.). Wir sehen zu Beginn einen Mann auf einem Pferd durch die Weiten des Monument Valley reiten, scheinbar auf der Flucht. Er ist der in die Jahre gekommene Western Darsteller Howard Spence, der plötzlich ein Set verlässt ohne die Crew zu informieren, wir ahnen zunächst nicht warum. Er macht sich, nachdem er sich von allem trennt was heute das Leben bestimmt, auf die Reise zu seiner Mutter nach Elko/ Nevada, gespielt von Eva Maria Saint. Dort erfährt er plötzlich beim Frühstück, dass er ein Kind habe, was ihn vollkommen aus der Bahn wirft. Er leiht sich den Wagen seines verstorbenen Vaters und fährt nach Montana, weit zurück in seine Vergangenheit um sich einigen Tatsachen zu stellen.

Der Film (grossartiges Script von Sam Shephard!) spricht sehr viele Themen an, von denen Einsamkeit, Vereinsamung, Familie und Liebe im Vordergrund stehen. Aber sie dominieren nicht die Handlung. Die Dialoge sind sehr gut und Wenders schafft es aus allen Schauspielern ein Höchstmass an Authentizität heraus zu holen. Die Darstellungen, insbesondere von der äusserst sensibel agierenden Jessica Lange, sind sehr einfühlsam. Es gibt viele wunderbare Momente im Film, zu denen die Passagen mit Eva M. Saint ebenso gehören, wie die Konfrontation von Spence (Shephard) mit Doreen (Lange) und einem weiteren Charakter. Diese Szenen sind aber wohl dosiert und rhythmisch sehr gekonnt in den Film eingefügt, so dass sich die Dramaturgie fein die Waage hält.

Die Handlung dominiert den Film, aber auch die Optik sei hier nicht zu unterschlagen. Franz Lustig, der Kameramann, hat hier äusserst beeindruckende Bilder aus dem mittleren Westen Amerikas eingefangen, die vor Farben und Licht nur so sprühen. Die Kameraarbeit ist wirklich beeindruckend bis kunstvoll und erhielt zurecht einen Preis. Unterscheiden tut sie sich, und damit kommen wir zu den Eingangs erwähnten Ängsten bei Filmen dieser Art, jedoch eindeutig von klassischen Vorgaben. Hier wird Realismus gross geschrieben, nichts erscheint stilisiert oder künstlich aufgebläht. Das Licht und die Umgebung sind so eingefangen, als ob man selbst vor Ort wäre. Auch von den Farben sollte man sich nicht verunsichern lassen, Wenders schreibt, dass Licht und Farben so sind, bzw. beim Dreh waren.

Was mich am Film fasziniert hat ist seine ruhige Machart und dass er sich Zeit nimmt für die einzelnen Charaktere. Man kann Entscheidungen nachvollziehen, Beweggründe verstehen, wird zum nachdenken und auch besonders zur Reflexion angeregt, was ein besonderer Pluspunkt des Films ist. Die Szenen in denen sich die Menschen unterhalten, insbesondere Dialoge konfrontativer Natur, haben eine unglaubliche Wucht. Ich verspürte wieder unbändige Lust Tennessee Williams zu lesen. Abgesehen von der Handlung musste ich aber ob der Bilder und der Porträtierung des mittleren Westens mehrfach tief Luft holen, sowohl bei den Aufnahmen der Landschaft, als auch innerhalb fast verlassener Ortschaften. Die Atmosphäre und der 'American Way Of Life' sind fast malerisch eingefangen.

Zu erwähnen bleibt am Ende noch der von Tim Roth gespielte Charakter (Sutter) des Versicherungsagenten der Filmgesellschaft, der Howard Spence an den Set zurückholen soll: zwanghaft, skurril, pointiert und lustig. Trotz der sehr wenigen Szenen die Roth hat, bleibt er doch in Erinnerung. War schön den Mimen mal wieder zu sehen.

Vielleicht war dieser Film der Startschuss zu weiteren Filmen Wenders, v.a. 'Paris Texas' und 'Der Himmel über Berlin', als auch 'Der amerikanische Freund'.

Was für ein grossartiger Film!

Ein höchst positive und bleibende Erfahrung.

Rick Deckard

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