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www.lomax-deckard.de

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Die Braut trug schwarz - Francois Truffaut

Veröffentlicht von Alan Lomax Rick Deckard Blog auf 6. Februar 2010, 14:22pm

Kategorien: #Filme

Bildquelle: zweitausendeins.de

Bildquelle: zweitausendeins.de

Ein grossartiger französischer Film, eine atemberaubend faszinierende Jeanne Moreau!

Im Rahmen meiner persönlichen Retrospektive des französischen Kinos habe ich mich an einen Film von Truffaut gewagt, ich glaube der erste nach Sie küssten und sie schlugen ihn, den ich vor einer halben Ewigkeit im Kommunalen Kino in Hannover sah. Es bewahrheitet sich immer wieder, dass man vollkommen unbefangen an einen Film herangehen sollte und je weniger man über ihn weiss, umso überraschender ist der Eindruck.

Jeanne Moreau dominiert den Film von der ersten bis zur letzten Minute und selten, wirklich selten war ich so hingerissen von einer Frau im Film wie von ihr: Eine beeindruckend schöne Frau mit einer großen erotischen Ausstrahlung! Das war von Truffaut sicherlich beabsichtigt und auch die Rolle die sie verkörpert verlangt es, nichtsdestotrotz ist das Zusammenwirken von Schauspiel und Ausstrahlung faszinierend. Es ist ihre Mimik, die Physis und v.a. das, was sie mir als Zuschauer versucht zu vermitteln, ohne eine übertriebene Exaltiertheit oder besondere Expressivität: Sie kehrt Ihr Innenleben nach aussen. Die Zielstrebigkeit, die Schnoddrigkeit und das Berechnende ihres Charakters, die "Strenge" wie eines ihrer Opfer sagt, das sind die wesentlichen Eigenschaften, die manipulativ sind. Eine Darstellung, die mir sehr lange in Erinnerung bleiben wird.

Ich glaube ich war erst zweimal in Frankreich. Einmal zu Beginn der 90'er Jahre, als ich mir die Schlösser entlang der Loire angesehen habe und am Ende in Montpellier gelandet bin, das andere mal Ende der 90'er Jahre als ich 3 Tage in Paris verweilte und mich sofort in diese Stadt verliebte. Allein durch diese beiden Aufenthalte habe ich Frankreich lieben gelernt und es ist schwer zu begründen, warum. Es ist die berühmte "Liebe auf den ersten Blick". Vielleicht ist deswegen die Freude immer wieder so gross Frankreich, seine Städte und Landschaften, die Autos und die Menschen in den Filmen wieder zu erblicken. Zudem bin ich ein grosser Bewunderer der Sechziger Jahre: Ich liebe es, wie sich die Menschen damals kleideten, erkenne darin einen besonderen Stil und freue mich alle diese Elemente beiläufig in einem Film zu erkennen.

Der europäische, der französische Film unterscheidet sich von allen anderen und es ist spannend diese Unterschiede zu erkunden. Die Braut trug schwarz ist ein Film, der mir sofort zugesagt hat und den ich mit Sicherheit sehr bald wieder sehen werde, weil er viele beeindruckende, amüsante, atmosphärische und spannende Momente bietet, in denen man einfach länger verweilt wäre. Es ist wie in diesen Comics mit 'Tim und Struppi': Man möchte förmlich die Atmosphäre mit seiner Nase aufzunehmen und die Hände ausstrecken, um zu fühlen. Sei es die erste Episode an der Cote D' Azur (?), die Szenen in der kleinen Stadt in den Bergen oder anderswo. Diese Szenen und Momente leben von einer großen suggestiven Kraft.

Was mir sehr gut gefallen hat, v.a auch für die Zeit, in der der Film gedreht wurde, ist die Stringenz mit der Jeanne Moreau ihrem Ziel nacheifert, vollkommen unbeeindruckt von allem was sie umgibt. Dieses vorwärts drängen des Charakters der Julie, die sie spielt, die Unbeirrbarkeit, die klare "Moral" und der damit verbundene Ehrgeiz ist famos. Selbst als geübter Zuschauer schaffen es Truffaut und sein Drehbuchautor Jean-Louis Richard mich am Ende zu verwirren , um dann die Lampe über dem Kopf zum Glühen zu bringen. Ich war etwas konsterniert, als Julie sich während einer Beerdigungsszene zu erkennen gibt, aber umso mehr verblüfft, als ich erkannte warum. Führung des Zuschauers!

Die Fotografie von Raoul Coutard ist stilistisch beeindruckend und effektiv und all die, die das Kino lieben, werden ihre Freude daran haben, denn obwohl einem die Techniken auffallen, stören sie nicht. Einzig missfallen hat mir die Musik und die Musikdramaturgie von Bernard Herrmann, nicht das die Musik ihren Zweck nicht erfüllen würde oder etwa schlecht ist, ich finde sie unpassend. Eine subtilere, leisere und sparsamere Musik hätte dem Film gut getan. Das ist aber auch der einzige Makel an dem Film, den ich auszusetzen habe. Das Drehbuch ist grossartig: fatalistisch ohne Schnörkel oder unnötige Nebenhandlungen. Als Vorlage diente der Roman von William Irish aka Cornell Woolrich, dessen Romane vielfach verfilmt wurden, auch von Hitchcock.

Faszinierend ist, wie diese fast surreale Geschichte kombiniert wird mit realen Momenten: Sei es eine Hochzeitsgesellschaft an der Cote D' Azur, eine kleine Stadt mit einem schüchternen einsamen Mann irgendwo in den Alpen (?), die Idylle einer Vorstadt mit Schule und schönen Häusern mit Vorgärten, oder einem Maler und Künstler in der Stadt. Alle diese Szenen leben von diesem harschen Kontrast einer Normalität gepaart mit den Rachegelüsten einer Frau. Über alle diese Momente liesse sich vortrefflich lange diskutieren, sowohl aus filmischer Sicht, als auch im Allgemeinen. Allein die lange Sequenz im Künstler-Atelier am Ende des Films ist sehr lustig und amüsant und genauso spannend und bizarr, als dass man gar nicht weiss, wann man aufhören soll zu schwärmen.

Ich liebe es, wenn im Kino, im Film, sich Kreise schliessen und Zusammenhänge erkennbar werden. So war ich etwas verwirrt, was es mit der merkwürdigen Titelsequenz auf sich hatte, die sich am Ende aber eingeprägt hat, insbesondere der Gesichtsausdruck von Moreau zu der passenden Szene. Das ist grosses Kino!

Kino aus Frankreich ist einmalig und etwas vollkommen besonderes. Das haben Truffaut und Moreau mit diesem Film bewiesen.

Rick Deckard

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