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Der Urlaub geht zu Ende - Erkenntnisse und Fragen

Veröffentlicht von Rick Deckard auf 7. August 2012, 15:45pm

Kategorien: #Kommunikation

Sommer

Woher stammt sprachgeschichtlich das Wort 'Urlaub' eigentlich?

Recherchiert man, so stellt man fest, dass es seinen Ursprung im Alt- und Mittelhochdeutschem hat, nämlich in 'urloup'. Eine in der Hierarchie höher stehende Person erteilte einem Ritter die Erlaubnis wegzugehen. Das Wort bedeutet(e) also nichts anderes als 'Erlaubnis'. Merkwürdig oder? Im Grunde hat sich nach hunderten von Jahren nicht viel geändert ... .

Urlaub bietet einem immer wieder die Möglichkeit eines Vergleiches: Wie ist es jetzt (im Urlaub), wie ist es im Alltag? Ich schrieb von der Möglichkeit der Entschleunigung. Diese Möglichkeit habe ich voll und ganz genutzt und viele neue Erkenntnisse gewonnen. In einem Beitrag auf 3sat (vor dem Urlaub) ging es um die beschleunigte Gesellschaft. Der Soziologe Prof. Rosa von der Universität Jena, der sich mit diesem Phänomen beschäftigt, wurde nebst diversen aufschlussreichen Beiträgen interviewt. Ein Satz blieb mir im Gedächtnis haften. Bezogen auf die mobilen Telefone, Fernsehen und Computer sagte er in etwa: "Kognitiv (Informationsverarbeitung/ Denken) und emotional tun wir nichts anderes als den überwiegenden Tag auf Bildschirme zu starren!"

Der Satz hatte eine nachhaltige Wirkung. Computer und Smartphones sind "notwendige" Utensilien des modernen Menschen. Sind sie es wirklich? Diese Frage ging mir im Urlaub ein ums andere Mal durch den Kopf.

Ich blickte auf das Meer, ich blickte in den Himmel, ich blickte auf die herrlichen, sich in der Sonne und im Wind wiegenden Weizenfelder. Ich atmete bewusst ein und aus. Das alles hatte etwas vom schärfen der Sinne. Die Wirkung ist erstaunlich. Der Puls beruhigt sich, die Atmung wird flacher und regelmässiger, ein Lächeln umspielt die Mundwinkel.

Ich fragte mich, wer wohl glücklicher gewesen sein mag? Unsere Vorfahren, die keine Bildschirme hatten auf die sie starren konnten, sondern "nur" die freie Natur, oder wir, die wir meinen in einer "fortschrittlichen" Welt zu leben? Andererseits: Hat sich unser Vorfahre, der ums Überleben kämpfte und in der Savanne, Steppe oder Wüste nach Nahrung suchte, diese Frage überhaupt gestellt?

Ich nutzte die freie Zeit. Körperliche Bewegung und Lesen bestimmten den Alltag. Ich starrte nicht, sondern bewegte mich mit allen Sinnen auf etwas, nämlich bedruckten Seiten. Ich nahm viele wunderbare Informationen auf, meine Gedanken wurden in Bewegung gesetzt und ich lernte Tag für Tag hinzu. Als ich diese drei Bücher las, alles Sachbücher, kam mir ein Aufsatz von Peter Bieri in Erinnerung, den er im Jahr 2007 für das Zeit Magazin verfasst hatte. In diesem wirklich sehr lesenswerten Beitrag mit dem Titel 'Wie wollen wir leben' schreibt er u.a.:

"(...) Doch es reicht nicht ein Bücherwurm und Vielwisser zu sein. (...) Der Gebildete weiß Bücher so zu lesen, dass sie ihn verändern. (...) : dass einer Wissen nicht als bloße Ansammlung von Informationen, als vergnüglichen Zeitvertreib oder gesellschaftliches Dekor betrachtet, sondern als etwas, das innere Veränderung bedeuten kann, die handlungswirksam wird."

Ein Buch hat genau das bewirkt. Wie es heisst und wer es geschrieben hat, werde ich in Kürze hier auf dem Blog schreiben. Es erschien bereits vor mehreren Jahren, aber erst jetzt hatte ich die Muße und Zeit es zu lesen. Ein lang gehegter Wunsch ging endlich in Erfüllung.

Es ist erstaunlich, was ein Tag einem wertvolles und nützliches an Reichtum und Erfahrung bringen kann, wenn man nicht gezwungen ist auf Bildschirme jedweder Art zu starren. Wenn man nicht gezwungen ist, der äusseren, sondern der inneren Uhr zu folgen.

Nun bin ich nicht realitätsfern: Nicht der Urlaub bestimmt unser Leben, sondern der Alltag. Eine wesentliche Erkenntnis dieses Urlaubes ist ein berühmter Satz von Paracelsus:

"Alle Dinge sind Gift, und nichts ist ohne Gift; allein die Dosis macht's, dass ein Ding kein Gift sei."

Auch wenn es sich offensichtlich anhören mag: Bewegung an der frischen Luft, seine Sinne schärfen, Bücher lesen und sich durch sie verändern, seinen Blick von Bildschirmen auf die Dinge lenken, die von wesentlicher Bedeutung sind. Ist es nicht das, was erstrebenswert ist? Klingt reichlich pathetisch, romantisch und bemüht, aber es steckt viel Wahrheit darin.

Die Erlaubnis wegzugehen ist gut, denn sie bedeutet immer einen Einschnitt im Jahr, einen Einschnitt in dem sich größtenteils nutzlosen Bewegen im Hamsterrad. Sie führt einen auf andere, richtige Gedanken und diese Erlaubnis bietet einem die Möglichkeit sie zu überdenken.

Ich freue mich, nebst Alan Lomax, mit Ihnen gemeinsam die zweite Jahreshälfte zu bestreiten, die es notwendig macht diese "Kiste" von Zeit zu Zeit einzuschalten, aber hauptsächlich um Gedanken und Leidenschaften zu teilen.

Reisen ist das einzig taugliche gegen die Beschleunigung der Zeit.

Thomas Mann (1875 - 1955)

Man reist nicht, um andere Orte kennen zu lernen, sondern um sich anderen Situationen auszusetzen. Die meisten reisen nur, um wieder heimzukommen.

M.E. de Montaigne (1533-1592)

Der Sinn des Reisens besteht darin, unsere Phantasien durch die Wirklichkeit zu korrigieren. Statt uns die Welt vorzustellen, wie sie sein könnte, sehen wir sie wie sie ist.

Samuel Johnson (1696 - 1772)

Back In Town,

Rick Deckard

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