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Carrie – Des Satans jüngste Tochter

Veröffentlicht von Alan Lomax Rick Deckard Blog auf 9. Mai 2011, 14:18pm

Kategorien: #Filme

Carrie G1 ED09

 

Aus heutiger Sicht ein Klassiker!

 

Im Grunde genommen ist der Film „nur“ das Portrait einer gemobbten Schülerin. Stephen King hat dieses Thema literarisch aufgearbeitet, Brian De Palma gekonnt, aber wie immer, als Reminiszenz an sein Vorbild Alfred Hitchcok umgesetzt. Menschen werden den Film als Horrorfilm, vielleicht als Abrechnung mit den Herachien des amerikanischen Highschoolkosmos verstehen.

 

Nach 25 Jahren ist dieser Film aber weitaus mehr. Die Geschichte, über Wut, Ungerechtigkeit und Gemeinheiten der Menschen, hat einen bedauernswerten zeitgemässen, grausamen Bezug zur immernoch fortwährenden Brutalität in Schulen. Der Film, der diese Themen auf dem Spielfeld des religiösen Fanatismus austrägt, spielt den zentralen King-Komplex „erwachsen werden“ im altbekannten Muster eines Horrorfilms, beachtenswert souverän vor.

 

Bei einer Betrachtung des nun tatsächlich für mich zum Klassiker avancierten Films, kann man aus heutiger Sicht, Literaturvorlage und Verfilmung nicht mehr trennen.

 

Brian De Palma unterschätzt, Stephen King hat sich schon aufgegeben!

 

Brian De Palma hattte damals eine Auftragsarbeit, der jungen Schriftstellers Stephen King angenommen. Getrieben war er wahrscheinlich von den visuellen Möglichkeiten, die der vermeintlich wenig tiefgründige Stoff hergegeben hatte. „Vermeintlich“ deswegen, weil die Zeiten im Jahre 1972 einfach andere waren. Es war dann auch Stephen Kings Frau, die die Kurzgeschichte aus dem Papierkorb holte und schliesslich für die erste Veröffentlichung ihres Mannes sorgte. Es wurde sein erster kommerzieller Erfolg. depalma.jpg

 

De Palma ist und bleibt ein streitbarer Regisseur des neuen amerikanischen Kinos. Er hatte vom Publikum ordentlich eins auf den Hut bekommen, weil er Frauen, als Frauen zeigte, Vergewaltigungsopfer als Vergewaltigungsopfer und Sizzy Spacek exzessiv Rache nehmen lässt (wie furios sie in diesem Film spielt!). Ein Provokateur könnte man meinen. Das ist De Palma aber niemals gewesen. Aus meiner Sicht hat er das Medium Film stets über den Anspruch des politsch Korrekten Anspruchs gestellt. Der Film und das voyeuristische Element in seinen Filmen ist ihm immer wichtiger gewesen, als intellektuelle Ansätze. Klar, dass so einer dann gesellschaftliche Prügel, aber auch professionelle Schläge einstecken musste. Über seine Liebe zu Hitchcock und seine offensichtlichen Anlehnungen an den Meister, sind ganze Bücher geschrieben worden.

 

Wenn man anfängt sich für das Kino zu interessieren, sich zwangsläufig in Hitchcock und sein Universum verliebt, muss man auch gegen diesen Hitchcock-Epigonen wettern. Auch ich habe das in jungen Jahren getan. Nun sage ich aber gerne, dass der Mann einige unvergessliche und wichtige Filme gedreht hat. Vielleicht war De Palma sogar der beste Regisseur der achtziger Jahre, eine Zeit die für das Kino im Allgemeinen, unterhalterisch großartig war, cineastisch aber nicht viel zu bieten hatte.

 

De Palma, der Wächter, hat mit den Filmen Dressed to Kill, Scarface, The Untouchables und abschliessend mit Fegefeuer der Eitelkeiten (1990), die mit besten Filme, eines fürs Kino so trostlose Zeit gedreht. Insbesondere „Dressed to Kill“ empfehle ich doch jedem, der mal wieder einen guten Film sehen will!

 

Ehrenrettung für den Regisseur!

 

Carrie –Des Satans jüngste Tochter hatte De Palma gedreht, als seine Kollegen von der cineastisch, künstlerisch motivierten Front, das amerikanische Kino gerade neuerfanden. Im selben Jahr hat er übrigens auch noch den unterschätztesten Film der Filmgeschichte „Obsession“ gedreht, der zwar ein Vertigo-Plagiat ist, aber die Motive Wiedergeburt, endlosen Liebe und unvorstellbaren menschlichen Vorstellungskraft auf eine weitere Ebene brachte.

 

Ich bin ein Befürworter De Palmas geworden, vielleicht auch Liebhaber. War ich aber eigentlich schon immer, nur früher habe ich das für mich behalten. Zu groß war die Meute von Gegnern!. Nun bin ich mir aber mehr bewusst, dass De Palma ein Erforscher, ein Erfinder und ein zu hundert Prozent von der Leidenschaft des Kinos getriebener Mann ist. Zudem ist jemand, der zu solch bildgewaltigen, streckenweise zottigen, aber immer aufregenden und schockierenden Bildern, wie z. B. auch wie in der Schlußsequenz von Carrie gestern gesehen, fähig, nicht viel zu viel zu trivalisieren, obwohl ich einige Kritiker kenne, die Gegenteiliges behaupten werden.

 

„Triviale“ Meisterleistungen

 

Überhaupt ist auch De Palma ein Fall, wie Stephen King, der widerum eine sensationelle Schreibleistung abgeliefert hat. Literaturkritiker rümpfen die Nase, weil die Bücher von King ähnlich voyouristisch angelegt sind, wie die Filme von De Palma. Der aktuelle Roman „Die Arena“ z. B. wurde vom deutschen Fuillton förmlich zerrissen. Dabei sind es die gleichen Autoren, die jeden skandinavischen unbedeutsamen Krimi in den Himmel loben. Dabei handelt es sich bei „Die Arena“ um einen glorreichen Roman, der nicht nur unterhält, sondern mindestens fünf weitere Geschichten für Verfilmungen in sich verbirgt, wie sie kaum noch von Hollywood erfunden bzw. umgesetzt werden. http://lomax.over-blog.de/article-gas-durchtreten-bis-zum-anschlag-stephen-king-s-die-arena-44586762.html

 

Ich wollte es im letzten Jahr schon schreiben, aber gestern als ich die blutige Hand von Carie White aus dem Boden ragen sah, packte es mich wie Mararet White (Piper Laurie) im Schlaf.

 

Ohne den Autor Stephen King, wäre mein Leben etwas ärmer!

 

Ich persönlich kenne zumindest niemanden, der meine Ängste und Träumen so übermässig omnipräsent beschrieben hat wie King. Der eben auch mit einer Geschichte wie Carrie, gleich den Geschichtenerzählern aus dem siebzehnten-, achtzehnten- Jahrhundert, Märchen und Mythen zu aus –baldiger Sicht- Klassikern zusammensetzten, somit unumstritten neue amerkikanische Klassiker hinzuerfunden hat.

 

Klar, man kann King seine umständliche, langatmige Schreibweise vorwerfen, aber nicht seine populären Themen und auch nicht seine trivialen Bezüge. Mit The Shawshank Redemption hat Frank Darabonts, die beste King Verfilmung aller Zeiten vorgelegt. Allerdings ist der Motor Stephen King, für den Film nicht entscheidend. Stand By Me ist auch nur ein kleiner Film.

 

Kenner und Kritiker werden Ihnen Dead Zone von Cronenberg und Shining von Kubrick als beste Kingverfilmungen auf Partys nennen. Wieso denn jetzt Partys, Alan? Naja, dass ist doch so ein klassisches Partygespräch, oder?. Aber vielleicht ist Carrie die ehrlichsten, naheliegenste und somit echteste King-Verfilmung.

 

Stellschrauben und Gradmesser

 

Der Film lässt keinen von Kings wichtigsten Attributen aus. Er ergötzt sich an seinen Bösewichtern und leidet mit seinen Helden.

 

Ich habe den Film gestern Nachmittag nach Jahren wieder gesehen, an einem Tag an dem die Menschen sich über einen herrlichen unbeschwerten Sommertag erfreuen. Nun könnte man mir unterstellen, dass das auf eine leicht depressive Verhaltensweise schliessen lässt! Meinetwegen!

 

Aber insbesondere die Tatsachen, diesen Film zufällig und unvorbereitet zu sehen, macht ihn zudem zu etwas besonderen. Womit wir (auch) bei dem ewigen Thema sind, zu welchem Zeitpunkt, sieht man sich welchen Film an. Doch dies ist ein anderes Thema.

 

Ein Beispiel und perfekter Gradmesser für das wichtigste Arrtibut an diesem herrlichen Sonnentag!? Bitte sehr:

 

Die berühmte x-Mal gesehene Sequenz, mit der aus dem Boden blutig ragende Hand von Carrie, hat Mrs. Lomax zu einem gewaltigen, niemals zuvor gesehenen Zucken verleitet. Ein Zucken der Angst, ein Zucken des Horrors, ein Zucken der Wahrhafigkeit bei einem Film und bei einer guten Geschichte. Und das ist alles was ich vom Kino verlange. Ich kann mich nur wiederholen: Nicht das Zucken von Mrs. Lomax ist der Gradmesser, sondern die gute Geschichte eines Films! …das Zucken von Mrs. Lomax meinetwegen auch, dann aber brauchen wir Leute wie Brian De Palma!

 

Alan Lomax  

 

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