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Carlos - Der Schakal - Oliver Assayas

Veröffentlicht von Alan Lomax Rick Deckard Blog auf 28. Mai 2011, 11:09am

Kategorien: #Filme

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Warum dreht man einen Film?

Banale Frage, eine mögliche einfache Antwort: Wegen einer faszinierenden Geschichte oder einer interessanten Person.

Wer ist Carlos - Der Schakal?

Zunächst einmal war er der meistgesuchte Mann der Welt. Carlos war ein charimatischer Macho und ein linksradikaler Terrorist.

Noch ein Film über den Terrorismus der 70ziger Jahre?

...aber auch noch eine Antwort, warum ein Mann, Menschen aus ideologischen Gründen tötet. 

Ist das wirklich so?

Der Film schafft es zumindest zu erklären, was alle diese Männer und Frauen antreibt. Ein übersteigertes Treiben nach Ruhm.

Alles Idioten?

Auf keinen Fall. Wer auch nur ein Mindestmass an Gefühl für schwierige, aber trotzdem schöne Momente hat, den Sinn des Lebens ergründen, will, wird diese Frage verneint beantworten. Die Idee den Nahost-Konflikt nach Europa zu holen, dabei den Kalten Krieg entscheidend mit gestaltet zu haben, ein klein wenig Geschichte geschrieben zu haben und letztendlich doch als fragwürdiger, aber zumindest als Held dargestellt zu werden, muss ja seine Sinnhaftigkeit, seinen Teil in dieser Welt haben.

...und letztendlich ist "was" aus den ganzen Politik-Ganoven geworden?

Sie sitzen im Knast, sind verschwunden! Die Kinder aus der bürgerlichen Mitte, die Revolution machen wollten sind weg. Die Kriege sind weiterhin da. Die Wende gab es nie, der Terrorismus ist immer noch eine gefährliche Sache auf dieser Welt. Immer noch angeführt von grausamen Stars, die auf eine verklärte Darstellung im Film noch ein paar Jahre warten müssen.

"Wir sind Revolutionäre, nicht Banditen", sagt Carlos irgendwann im Verlauf der 180 Minuten Film.

Was ist daran so toll, Alan Lomax? Warum stellst Du uns so ein Zitat vor?

Nun der Satz steht stellvertretend für die großen Stärken des Films. Carlos ist eigentlich ein ziemlich dumpfer Typ, der meint das komplizierte Spiel der Politik durchschaut zu haben, dabei scheitert er kläglich. Weil er zu selbstverliebt ist! Der sehr gute Regisseur Olivier Assayas schafft es auf eine diabolische Art und Weise uns das zu vermitteln und den Helden trotzdem zu mögen. Die Parolen des Mannes, die scheinbare Dynamik des Mannes, die vor jeder körperlichen und politischen Aktion ins amerikanische Kino abgleiten, werden furios filmisch umgesetzt. Vor jeder aktiven Szene, vor jeder Schiesserei, vor jeder Actionsequenz, holt uns Assayas mit geliebter Musik ab und beschleunigt die Schnittsequenzen.

...geliebter Musik?

Ja, wirklich! Und was für ein Zufall, dass es dann am Anfang z. B. "Loveless Love" von den Feelies ist. Die ich doch gerade für mich selbst wieder entdeckt habe. Ganz ehrlich, die Anfänge der Gitarrenakkorde, mit der steigernden Dynamik und den ersten Sequenzen des Films sind unfassbar aufregend, wenn nicht sogar ein Glücksfall!


Gibt es mehr Glücksfälle?

Ja genau zwei! Zum einen ist da der Schauspieler Èdgar Ramirez, der scheinbar ein Terrordarstellungsexperte ist. So hat er auch schon in Soderberghs "Che" und den Paz in "The Bourne Ultimatum" gegeben, der an die Rolle von Carlos angelehnt ist. Methodischen Schauspielen ist zwar ein alter Hut, aber wie es Ramirez schafft im Laufe von 20 Jahren mit unterschiedlichen Körperverfettungszuständen, einen radikalen irren schönen Mann, bis zu einem völlig verblödeten Charmeur zu spielen, der nirgendwo mehr ein Platz auf dieser Welt hat, ist schlicht weg eine unvergessliche Schauspielerleistung. Zum anderen ist da das großartige Drehbuch, dass vom Monument an große amerikanische epische Filme heranreicht. Allein der Stellenwert von scheinbar dümmlichen Sequenzen a la an den Sack vorm Spiegel greifen bis hin zur späteren erniedrigenden Gemächtkrankheit, steht für geniale Ansätze, die mühelos und fliessender in den Film eingebettet werden, als ich in der Lage bin, dass hier zu schreiben.

Transit!

Unglaublich ist auch die Ausstattung des Films und die Handlungsorte: Karthum, Budapest, Tripolis, Paris, London, Damaskus etc. Alles schön in bester Agentenfilmmanier aufgearbeitet und dargestellt.

Welchen Fehler gibt es?

Keinen, nur einen eigenen den ich gemacht habe! Ich habe mir die 3h-Version angesehen, die in der letzten Stunden, merklich schlecht fürs Kino aufgearbeitet wurde und nur noch chronologisch abarbeitet. Bitte lieber die 5h-Fernsehversion ansehen.

Fünf Sterne und Meisterwerk?

Das nicht! ...aber wir haben es hier mit einem unbedingt zusehenden Film zu tun, der es fast nebensächlich schafft, die Komplexität der politischen Allianzen darzustellen und es hauptsächlich schafft eine bewegte und bewegenden Geschichte zu erzählen, die bleibt!

Hinweis für ein paar Freunde!

Wer je die Platte "Original Love" von Euch geliebt hat, MUSS diesen Film sehen. Das es ausgerechnet der deutsche Filmfonds ist, der es möglich gemacht hat, dieser Platte ein Museum zu schaffen, muss dankbar angenommen werden.

Julia Hummer, die ich nie sehen wollte, spielt hier eine verstörende Nebenrolle, mit unsagbarer Wucht, die die Tragik der merkwürdigen deutschen jungen Menschen in Zeiten des Terrors besser darstellt und erklärt als alle ZDF und ARD Fernsehfilme die je gedreht wurden. Und nebenbei, wer ist eigentlich dieser Bleibtreu.

Last but nor Least! Auf die Meinung eines Herren aus dem hohen Nordens zu diesem Film, bin ich besonders gespannt. Ich könnte mir vorstellen, dass wir eine lange Kommentarspur hinterlassen könnten.  

Alan Lomax 

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