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www.lomax-deckard.de

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Borderline von Gil Mellé - Ein vielseitiger Künstler, Jazz-Musiker und Pionier der elektrischen Musik

Veröffentlicht von Alan Lomax Rick Deckard Blog auf 8. April 2012, 16:39pm

Kategorien: #Orchestrale Musik

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Filmmusik-Connaisseure aufgepasst! Bei der großen Menge an Veröffentlichungen geht der Überblick schnell verloren. Intrada hat die Musik von Gil Mellé zum Film aus dem Jahr 1980 vor kurzem auf CD veröffentlicht und jeder leidenschaftliche Sammler als auch (Film-)Musikhörer sollte meiner Meinung nach diese Pressung auf keinen Fall verpassen.

Bereits vor einiger Zeit wurde ich auf Mellé aufmerksam, als seine Musik zu 'Andromeda - Tödlicher Staub aus dem All' herausgebracht wurde. Damals konnte ich mich nicht entschliessen die Musik zu erwerben, weil ich mich vor der elektronischen Komposition scheute. 'Borderline' durchbrach jetzt meinen Widerstand und es hat sich gelohnt!

Um den Score zu diesem Film in der Gänze zu "verstehen" sollte man sich über die Biografie von Mellé bewusst werden.

Er wurde 1931 in New York City geboren. Recherchiert man über diesen Künstler, so fällt überall das Schlagwort 'Renaissance-Man'. Es trifft auch zu, denn Mellé war ein enorm vielseitig begabter und auch sehr produktiver Mensch. Er arbeitete nicht nur für Film und Fernsehen, sondern war auch bildender Künstler, Maler (viele seiner Bilder und Skulpturen wurden in New Yorker Galerien ausgestellt), Jazz-Musiker und ein Pionier auf dem Gebiet der elektronischen Musik. Er komponierte diese nicht nur, sondern er baute auch viele der elektronischen Instrumente selbst! In diesem Sinne trifft die Bezeichnung mit Verweis auf die Ära der Renaissance zu: der Mensch als 'schöpferisches Individuum'.

In der Post-Bop Ära spielte Mellé Bariton-Saxophon und wurde von Alfred Lion (einer der Gründer des Blue Note Labels) lanciert. Er nahm für Blue Note einige Platten auf, als auch später für das Prestige Label. Neben der Musik zeichnete er sich für die Cover- Gestaltung vieler Alben berühmter Jazzmusiker wie Miles Davis oder Thelonius Monk aus. Den Jazz den er spielte bezeichnete er als "primitiv-modern" - eine Mischung aus Jazz mit Verweis auf Duke Ellington in Verbindung mit klassischer Musik.

Monk.jpg

Später als er zur Westküste zog baute er Synthesizer und vermutlich auch die erste Drum-Machine, veröffentlichte ein vollständig elektronisches Jazz Album auf dem Verve Label und komponierte Sinfonien.

Gilbert John Mellé verstarb 2004 in Malibu, Kalifornien. 

Vor diesem Hintergrund lässt sich der Score zu 'Borderline' besser erschliessen. Die Kompositionen sind wirklich ausgefeilt. Mellé vermischt sehr geschickt Jazz, Elektronik und sinfonische Elemente zu einer ausgesprochen überzeugenden, fesselnden und spannungsreichen Musik. Die eine Stunde Laufzeit mit insgesamt 19 Tracks ist zu keiner Zeit langatmig oder gar monoton, das genaue Gegenteil ist der Fall. Die Musik sprüht vor prickelnden Einfällen und ist sogar hier und dort humorvoll.

Exemplarisch für die Qualität der Musik möge der letzte Titel des Albums 'Borderline Credits' herhalten: er beginnt mit einer Art minimalistischer Sound-Collage aus dem Synthesizer als Basis unterstützt von stakkatohaften Bläsern und Streichern. Nach dieser Einführung spielt ein Holzblasinstrument eine kleine Melodie mit fast sakralem Charakter. Dann übernimmt wieder das Keyboard und ganz allmählich gesellt sich der Jazz mit seinen Eigenheiten hinzu. Ein Bass und eine Trompete verändern dann wieder begleitet von Streichern die Klangfarben und die Atmosphäre. Auf dem Keyboard spielt im Hintergrund erneut eine kleine Melodie mal konterkarierend, mal unterstützend. Dann wird es rhythmischer, der Groove hält Einzug, Percussions kommen hinzu, sowie eine elektrische Gitarre. Bläser und Streicher spielen auf, bis das Stück mit einem krachenden Akkord endet. Ganz grosse Klasse! Dieser kaleidoskopische Charakter in der Musik zieht sich durch das ganze Album hindurch.

Die Entdeckung dieses Scores und seines Komponisten war eine wirkliche Bereicherung meiner filmmusikalischen Sammlung und eine sehr willkommene Abwechslung. Menschen mit offenen Ohren und mutig ein gewisses Hör-Risiko nicht zu scheuen, werden begeistert sein. Alle diejenigen, die Filmmusik ausschließlich mit ausschweifenden Themen und Melodien ala John Williams hören, sollten lieber die Finger von der CD lassen.

Der Film trägt im Deutschen den Namen 'Der Grenzwolf', Hauptdarsteller sind Charles Bronson und Ed Harris, Regie führte Jerrold Freedman. Der Film geriet zu Recht schnell in Vergessenheit, da uninspiriert und stromlinienförmig.

Ganz im Gegensatz zur Musik.

Von einer musikalischen Grenzlinie,

Rick Deckard

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