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Antwort 2: Se7en Revisited - Ein Dialog zum Film von David Fincher

Veröffentlicht von Alan Lomax Rick Deckard Blog auf 5. Oktober 2010, 17:03pm

Kategorien: #Filme

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Ich bin gespannt auf Ihre Meinung. Wird der durchschnittliche Zuschauer eher mit Summerset oder eher mit Mills sympathisieren? Und wenn ja, haben Sie einen Tendenz?

Schwierige Frage, da mit den Charakteren um Summerset und Mills eigentlich beide grosse Pole abgedeckt werden. Ich weiss nicht in wie weit Andrew Kevin Walker (der Drehbuchautor) Wert auf eine solche Differenzierung gelegt hat. Ich glaube der Grad der Sympathisierung geht einher mit der Identifikation aufgrund eigener Ansichten und v.a. des Alters und der Lebenseinstellung. Insofern wird sich der durchschnittlich "kluge" Zuschauer tendenziell mit Summerset sympathisieren.

Summerset wartet nur noch auf seine 7 Tage bis zur Rente, kennt die Gräuel und Grausamkeiten des Lebens (siehe seine Aussage zu dem Mann mit dem Hund, der überfallen wird!) und v.a. der Grossstadt und warnt von Anfang an sowohl seinen Chef, als auch seinen neuen Kollegen Abstand von dem Fall zu halten, bzw. diesen abzugeben, weil er ahnt welche Dimensionen er in sich birgt. Er selbst will ihn nicht übernehmen und bittet auch darum seinen jungen Kollegen davon zu verschonen, aber beide, sowohl sein Chef als auch Mills lehnen dies ab.

Der Charakter des Summerset ist sehr besonnen, geprägt vom Leben, in der Lage zu reflektieren (siehe sein Gespräch mit Paltrow im Diner hinsichtlich der Schwangerschaft und seiner Vorgeschichte) und abzuschätzen, was machbar ist und was nicht. Ein Tor, wer sich auf soviel Lebenserfahrung nicht einlässt und davon lernt. Mills ist in höchstem Mass impulsiv und immer wieder warnt ihn Summerset Emotionen aussen vor zu lassen, selbst das kann Mills nicht, was ihm schliesslich, und das ist eines des boshaftesten ( und genialsten) Enden der Kinogeschichte überhaupt, zum Verhängnis wird. 

Genau diese Diskrepanz macht Se7en so sehenswert, denn diese Einstellungen der beiden zum Leben sind frappierend unterschiedlich. Man denke an den unglaublichen, ja fast lässigen Kommentar von Summerset, als er Ernest Hemingway am Ende zitiert. Die Beiläufigkeit mit der er dieses Zitat von sich gibt lässt einen lange nachdenken: 'Die Welt ist so schön und wert, dass man um sie kämpft!' "Dem zweiten Teil stimme ich zu!" Das zeigt in einem Satz seine Geisteshaltung.

SPOILER:

Se7en wurde immer wieder mit Nihilismus in Verbindung gebracht, also die Ablehnung jeglicher Werte und Gesellschaftsordnungen. Dem muss man zustimmen und sich fragen in weit sich diese Haltung auf unsere Gesellschaft übertragen lässt und man diese Einstellung übernimmt oder kritisiert. In diesem Zusammenhang ist der Dialog zwischen Doe und den Polizisten im Auto am Ende entscheidend. Trotz des Wahns dem der Mörder verfallen ist, ist er in der Lage seine Taten innerhalb seines Kosmos zu rechtfertigen und wenn man sich selbst beobachtet gehen einem ähnliche Gedanken durch den Kopf, wenn man die Nachrichten liest und hört. Ich frage mich auch hier in wie weit die Meinung von A. K. Walker und auch Fincher mit eingeflossen sind? Doe hat nicht unrecht wenn er sagt, dass man heute Menschen nur dann erreicht, wenn man sie mit einem Vorschlaghammer trifft, ein freundliches Tippen auf die Schulter reiche nicht. Vorbehaltlos will ich eine solche Meinung natürlich nicht übernehmen, aber es steckt viel Wahrheit darin!

Welchen Stellenwert hat Se7en eigentlich in Ihrem filmischen Kosmos?

Ich frage deswegen, da er abgrundtief düster, alles verneinend ist und keinen Funken Hoffnung in sich trägt. Die Fotografie von Kameramann Darius Khondji, das Setting des Films in einer unbenannten Metropole, die Dunkelheit, die grün-braunen Töne, der ewige Regen tragen viel zur berühmten Atmosphäre des Films bei und somit auch wie der Film aufgenommen wird. Diese Optik und der Inhalt, die Handlung stehen im Vordergrund, die schauspielerischen Leistungen weniger, bis auf Kevin Spacey, der eine höchst beeindruckende Performance abliefert, natürlich dem Clou geschuldet, dass sein Name im Vorspann nicht auftaucht und er sich selbst in dieser unglaublichen Sequenz im Polizeirevier stellt. Als ich den Film das erste Mal sah war das ein Schock allererster Güte. Man muss schon sagen: Ein Geniestreich! Kein Zuschauer hätte diese Wendung erwartet und das schlimme ist, dass man bis zum schockierenden Finale nichts, aber auch nichts erahnt. Sehr geschickt, wie das Drehbuch die Konzentration auf die Unterhaltung zwischen den Polizisten und Doe lenkt.

Was mich betrifft, ich halte Se7en für ein Meisterwerk.

Rick Deckard

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