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Anthony Mann - El Cid

Veröffentlicht von Alan Lomax Rick Deckard Blog auf 6. April 2010, 09:05am

Kategorien: #Filme

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Es ist interessant zu beobachten, wie sich die Wahrnehmung von Filmen im Laufe von Jahren ändert und ob die alten Klassiker neuen und veränderten Sehgewohnheiten Stand halten können. Im Falle von 'El Cid' muss ich das zu Gunsten des Filmes bejahen, wenn auch ich im Vergleich zu früher bei Filmen genauer hinsehe. Als Jugendlicher der ich diese Filme zuerst sah, war man natürlich in hohem Masse beeindruckt von dem Film als Gesamtwerk: Die nach wie vor imposante und vortrefflich komponierte Musik von Miklos Rozsa, die Epik, die monumentalen Bilder von Kameramann Robert Krasker ('Der Dritte Mann') und natürlich auch Charlton Heston und Sophia Loren in ihren schönen Kostümen. Beeindruckend waren natürlich auch die Action- und Kampfszenen, die auch nach Jahrzehnten nichts von ihrer Dynamik eingebüßt haben.

Heute schaue ich, bedingt durch die vielen Jahre mit der Beschäftigung des Mediums Kino und Filme, viel genauer hin. Bewusst, aber auch unbewusst. Der Blick hat natürlich die Unschuld verloren und es entgeht einem kein Detail. Diesen kritischen Blick mit in die Bewertung des Films einbezogen muss ich sagen, dass der Film auch heute noch zu beeindrucken weiss. Mit einer Laufzeit von 3h ist er jede Minute unterhaltsam und hat bis auf ein oder zwei Szenen keinerlei Längen. Der Film erzählt die Geschichte des spanischen Volkshelden und Ritters Rodrigo Diaz de Vivar der als 'El Cid' in die Geschichte einging und zeigt seinen Kampf gegen die maurischen Besatzer und seinen Versuch Spanien und die Krone in diesem Kampf zu einen. Charlton Heston war nie ein Method Actor gewesen, konnte trotzdem aber immer als Held auf der Leinwand überzeugen. Seine Darstellung wirkt jetzt im Vergleich zur ersten Betrachtung etwas hölzern, aber die Präsenz ist ungebrochen. Merkwürdig ist die Chemie zwischen ihm und Sophia Loren, die als seine Frau Jimena nicht nur als Stichwortgeberin agiert. Ursprünglich wollte die Loren die Rolle nicht spielen und zwischendurch bot man diese, glaubt man den Quellen, Lieselotte Pulver (!) an. In den intimen Szenen zwischen den beiden sieht man die Gesichter der beiden bei den Kussszenen immer der Kamera zugewandt, Wange an Wange, was etwas befremdlich wirkt. Ich recherchierte und las, dass Heston nicht viel Zuneigung für seine Darstellerin empfand, was u.a. daran gelegen haben soll, dass die Loren zwischen den Takes italienische Speisen zu sich genommen haben soll, deren Geruch Heston nicht ausstehen konnte. Soviel zum Klatsch und Tratsch. Dies bei Seite gelassen, funktioniert die Kombination aber gut.

Beim Betrachten des Films kamen bei mir immer wieder Vergleiche hoch zum 'Kingdom of Heaven' Film von Ridley Scott, '300' und anderen neuzeitlichen Monumentalfilmen. Aktuell erscheint ja gerade 'Clash of the Titans' als 3D Remake im Kino, wenn auch kein Historienepos. Nach all den Jahren sehe ich bei diesen Filmen keine wesentliche Weiterentwicklung bis auf die CGI und die authentischere Darstellung. Natürlich haben diese Filme ein im Vergleich zu 'El Cid' monströses Budget und technisch die neuesten Möglichkeiten, aber im Endresultat sind sie "gleich". Die Frage ist, ob diese neuen Monumentalfilme den Status eines Klassikers erreichen werden und ob man sie nach Jahrzehnten auch so würdigen wird, wie beispielsweise 'El Cid'. Martin Scorsese, der "heimliche Initiator dieses Blogs", setzte sich für die Restauration dieses Films ein und hält ihn für "one of the greatest epic films ever made." Wenn ein begnadeter Regisseur so etwas sagt, dann muss da etwas wahres dran sein, wenn auch nicht alle "Kritiker" seine Meinung uneingeschränkt teilen.

Interessant ist die Karriere des Regisseurs Anthony Mann, der bei 'El Cid' Regie führte. Erst drehte er B-Filme und Krimis, bevor er dann zu einem der besten Western-Regisseure avancierte mit James Stewart als einem seiner beständigen Hauptdarsteller. Erst nach einigen eher unbedeutenderen Filmen drehte er 'El Cid' und im Anschluss einen weiteren Monumentalfilm mit 'Der Untergang des römischen Reiches'. Mann führte auch zuerst Regie bei 'Spartacus', bis er auf Grund von Streitigkeiten mit Kirk Douglas von Stanley Kubrick ersetzt wurde. B-Filme, Krimis, dazwischen die Musiker-Biografie 'Die Glenn Miller Story' und dann zwei epische Monumentalfilme. Kann man schon als versiert bezeichnen!

Hätte ich bloß mehr Zeit, dann könnte ich den ganzen vortrefflichen Audiokommentar hören, der hier wirklich Sinn machen würde und der von Bill Bronston und dem Historiker Neal M. Rosendorf eingesprochen wurde. Es sollen unterschwellig auch Bezüge zur 'Cold War' Ära (!) in den Film mit einbezogen worden sein. Aufschlussreich ist auch die Tatsache, dass der Film auch immer wieder versucht die Vereinbarkeit verschiedener Religionen anzusprechen und für ein gemeinsames Miteinander. Dafür gibt es mehr als eine Szene in dem Film und ist im Vergleich zu 'Kingdom of Heaven' der ja eine ähnliche Thematik angeht, filmhistorisch fast schon als visionär anzusehen. Gleich zu Beginn des Films weigert sich Rodrigo zwei Mauren, die er gefangen nimmt, zu töten und schenkt ihnen das Leben um weiteres Blut vergiessen zu vermeiden. Er schliesst in den politischen Unruhen der Reconquista sogar Freundschaft mit ihnen, was natürlich am Hof für einen Affront sorgt. Vielleicht ist der Grund für diese Weitsicht auch die Biografie von Philip Yordan, einer der Drehbuchautoren, der als polnischer Immigrant in die Staaten einwanderte und während der MacCarthy Ära in Paris lebte, sowie Drehbücher für Kollegen schrieb, die auf dem Index standen.

Der stets überragende Herbert Lom, welcher als Inspektor Dreyfuss in den 'Rosarote Pather Filmen' persönlich zur schauspielerischen Legende wurde, spielt hier den Widersacher und Part des Bösewichts. In seinen raren Momenten im Film ist sein Gesicht zur Hälfte bedeckt, nichts desto trotz liefert er eine erstklassige theatralische Leistung. Der Film betreibt hier natürlich plakative Schwarz-Weiss Malerei, aber vielleicht ist das aus Gründen der Dramaturgie in einem solchen Film auch notwendig: Ben Yussuf (gespielt von H. Lom) und seine ewig gestrig denkenden Mannen sind alle in schwarz gehüllt und umgeben von Skeletten toter Tiere an den Streitwagen. Das wirkt etwas naiv in der Darstellung und ist etwas, was einem früher so nicht ins Auge fiel. Da glaubte man als Zuschauer noch an die Unterscheidung zwischen 'gut & böse'. Jetzt wirkt das etwas überzogen. 

Die Kampfszenen, sowohl die Mann gegen Mann Duelle, als auch die grosse Schlacht um Valencia sind beeindruckend gefilmt und merkwürdigerweise misst man bei solchen Szenen die ganzen pompösen Effekte von heute nicht, wenn auch diese heute optisch ausserordentlich beeindruckend sind (siehe '300', 'Herr der Ringe' und andere). Das liegt vielleicht daran, dass die Geschichte, die Charaktere und die Darsteller so packend sind. Auf jeden Fall sind diese Action Szenen sehr imposant und beeindruckend gefilmt und kommen wahrscheinlich auf der grossen Leinwand (der Film wurde im 70 mm Format/ Technicolor gedreht) vollends zur Geltung. Aber auch die leiseren und Szenen mit viel Dialog wirken keineswegs veraltet. Das liegt natürlich auch an der fantastischen Musik von Rozsa! 

'El Cid' hat allen meinen Ansprüchen nach Jahrzehnten Stand gehalten und zeigt damit die zeitlose Qualität dieses Films, seines Regisseurs und aller anderen an diesem Film beteiligten Künstlern. Wie es damals En Vogue war, beginnt der Film mit einer Ouvertüre, hat eine Intermission Music und eine Exit Music. Man muss sich an das langsame Tempo wieder gewöhnen nach den Stakkato Schnitten der Neuzeit und fängt dann erst an den Film zu geniessen. Nach 3h war man Zeuge eines Films einer vergangenen Epoche, deren Auswirkungen man aber noch immer auf der Leinwand sehen kann und die keineswegs vergessen ist.

Grosses Kino! Grosse Musik!! 

Rick Deckard

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