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Musik, Kino, Kultur, Radio


F.W. Murnaus Faust – Kölner Philharmonie – 30. April 2013 - Musik: Ensemble Resonanz

Veröffentlicht von Alan Lomax Rick Deckard Blog auf 31. März 2013, 00:21am

Kategorien: #Filme

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»Licht und Schatten üben ihre vibrierende Magie aus. Rauch umwickelt die kleine Stadt wie der dunkle Mantel von Mephisto. Pestschwaden strömen aus. Die mächtige Gestalt des alten Faust ragt im Auditorium hervor, scheint fast das Rahmenwerk des Bildfeldes und die Leinwand zu durchbrechen.« (Lotte H. Eisner)

1992 habe ich während der Berlinale meinen ersten F.W. Murnau Film im Kino gesehen. In der Retrospektive wurde „Schloss Vogelöd“ gezeigt. Zuvor hatte ich natürlich bereits „Nosferatu“ gesehen und später dann „Der letzte Mann“, „Tartüff“, "Sunrise" und schließlich einen meiner ewigen Lieblingsfilme „Tabu“.

Nun gab es am Ostersamstag in der Kölner Philharmonie die Gelegenheit sich das Meisterwerk "Faust" in der rekonstruierten Fassung mit neuer Filmmusik anzusehen. Tobias Schwenke war für die Komposition, Christoph Altstaedt für das Orchester zuständig. Das Orchester war „Ensemble Resonanz“ welches nach eigener Aussage eine Schnittstelle zwischen Kammerorchester und Solistenensemble bildet. Doch zur Musik und zur möglich geglückten oder missglückten Funktion später mehr…

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Vorerst muss Goethe Fans gesagt werden, dass Sie mit Murnaus Verfilmung keine Freude haben werden. Menschen die „Faust“ erwarten, sollten Goethes „Faust“ lesen! Menschen allerdings die großes Kino erwarten, werden mit dem wohl genialsten aller alten Meister, nämlich Murnau, am meisten Freude habe. Denn, der 1888 in Bielefeld geborene, Perfektioist hat nichts dem Zufall überlassen. Gesichter, Landschaften, Schnee, Licht, Feuer, Wolken – sind nach seiner Vorstellung aus der genauen Kenntnis ihrer Wirkungsweise heraus gestaltet oder umgestaltet (Eric Rohmer). Murnau’s Filme zu rezensieren macht wenig Spaß und Freude. Primär nicht, weil in der Literatur und der Filmkritik ad1 alles gesagt wurde, was man sagen kann und muss und ad2 niemand in der Lage ist die Schönheit der Bilder und die Referenz zur Literatur und Kunst Murnaus in Wort zu fassen.

Ich werde natürlich nicht aufgeben und es trotzdem tun. Dafür sind die Eindrücke und visuellen Erlebnisse zu stark, zu prägnant und zu spektakulär. F.W. Murnau hat das Kino erfunden! Soviel steht fest! Etwas weniger subjektiv! F.W. Murnau hat das Kino, wie wir es heute kennen, mit erfunden. Schnitt- und Tricktechnik, Kamerafahrten und Lichtinszenierung sucht seines Gleichen und kann mit dem modernen Kino noch immer mithalten.

Die berühmteste und rührigste aller Filmkritikerinnen Lotte H. Eisner hat die einzig wahre Monographie über unseren Daily Hero geschrieben. Viele andere die es ebenso versucht haben, kleiden sich nur mit seinem Namen. Zeitgenössische Kritiker -waren Theaterkritiker- hatten also keine Ahnung vom Film, heutige Filmkritiker, haben noch nie einen Stummfilm gesehen und gelten daher auch nicht.

Hören Sie also mir und Lotte H. Eisner zu! (...entschuldigen Sie diese Arroganz, aber ich wollte immer mal mit Lotte in diesem Zusammenhang und in einem Satz erwähnt werden und einige seiner Wünsche sollte man sich doch immer selbst erfüllen.)

Um das Genie Murnaus zu verstehen, muss man die Zeit verstehen, in der er gelebt, gearbeitet hat. Die Stummfilmzeit öffnete Wege der Rückkehr in künstliche Paradiese. Zumindest für Visionäre. F.W. Murnau nahm am ersten Weltkrieg als Pilot teil, ging nach Amerika, weil er ein Angebot von W. Fox(!) bekam, scheiterte, u. a. auch weil er darstellender Homosexueller war, lernte die Schönheit der Inseln Boa-Boa kennen, verliebte sich in einen Minderjährigen und starb bereits 1931, als der Tonfilm noch in seinen Kinderschuhen steckte. Murnaus Biographie ist ein Kurzfilm. Vollgesteckt mit unerwarteten Drehungen und Wendungen. Im Gegensatz zu seinen Filmen, die ehr expressionistisch sind. Filme aus Deutschland waren damals, Filme für die Welt.

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So wurde auch "Faust" kritisch beäugt und insbesondere auf seine Internationalität von den deutschen Kritikern untersucht:

"Das Ganze sicherlich eine Meisterleistung des deutschen Films. Eine Leistung mit Wenn und Aber, aber eine Leistung. Das Publikum wird hier mit den Fachleuten der gleichen Meinung sein. Es wird das Werk mit innerer Anteilnahme sehen. Wird vielleicht von ihm tiefere Wirkung haben, als der Fachmann, der vor lauter Analysieren nicht zum reinen Genuß kommt. Die große Frage aber derer, die an der Entwicklung des Films interessiert sind, nämlich ob dieser Film auch über Europa hinaus von Wirkung sein wird, ist nicht ohne weiteres zu beantworten. Es sprechen da die Dinge mit, die hier schon vielmals erörtert wurden. Aber schließlich machen wir ja derartige Werke in erster Linie für uns, können sie leider nicht oft machen, weil der Film ein Geschäft mit der Kunst ist, bei dem die finanzielle Seite an erster und damit auch an letzter Stelle steht."


Interessant wie ich finde. Überhaupt habe mich gerade dabei ertappt, alte Filmkritiken aus den 1920er Jahren zu lesen. Sehr interessant, ist die Sichtweise und die vielen unglaublichen Parallelen zum heutigen Standard.

"Faust" im Jahre 2013, bei so einer schöner Aufführung an einem Samstagabend, in der wohlfühl Philharmonie, wirkt wie ein Experiment. Klar, er ist Kitschig, begeistert aber an dem naiven Spaß den die Filmemacher an den damaligen Möglichkeiten hatten. Auf mich wirkt er außerdem merkwürdig verfahren, fast zerstreut. War Murnau bereits gedanklich in Hollywood? Während den Dreharbeiten schauten angeblich Douglas Fairbanks und Mary Pickford des öfteren in Babelsberg vorbei. Dort standen auch schon Murnaus gepackte Koffer. Alles etwas hektisch und doch getrieben. So wirkt der Film.

Murnau hatte die Kamera zwar im Kopf, aber beim "Faust" nicht mehr im Herzen. Die ungleichen Bewegungen, die holprigen Schnitte, die katastrophalen Extreme in der Inszenierungen und die nicht einheitliche Perspektive, machen dieses technische Meisterwerk für junge Kinobegeisterte heute Uunsehbar. Es sei denn die "Zeit im Raum" ist einem wichtig und man liebt wie ich diese Traumarbeit, in der noch nicht aufgebauten Traumfabrik.

Es ist ein wenig schade, dass so sagen zu müssen. Insbesondere weil Murnau eben auch Autor war und nicht nur technikverliebt. Beim "Faust" wird dies aber nicht klar und so unterstelle ich mal den Machern des Abends, diesen Murnau Film ausgewählt zu haben, weil im Prinzip jegliche Art von Experimenteller Musik, die expressive Funktion, unterstreicht. Mit anderen Worten, die Wahl der Musik bleibt beliebig und Mittel zum Zweck: Rummelplatz! Stummfilm und Orchestermusik für ein intellektuell bewusstes Publikum, welches aber an diesem Abend kein Verständnis für die Kunst und die Poesie eines Murnau verstehen wird. Aus dem Zusammenhang gerissen, könnte man auch sagen.

Dramaturgie wird vergessen! Der Film "Faust" als Bildunterlage für ein, sicherliches brillantes "Ensemble Resonaz", gewählt, allerdings um den Michelangelo des deutschen Stummfilm zu einer Plattform zu degradieren.

Man muss verstehen, dass der Filmemacher F.W.Murnau ein Klassiker ist, der ins Museum gehört und den man Bild für Bild umarmen muss. Seine Filme zu sehen ist wie die Rückkehr zu den Quellen. Eines Meisters wird man um so weniger überdrüssig, die Bewunderung läßt um so weniger nach, je weiterer, man sich zeitlich, von ihm entfernt ist, das ist eine allgemeine Regel. Es gibt nicht den Filmemacher, der eines Tages aufhören wird. Den Anfang des Kinos zu ignorieren, würde bedeuten, dass man des Kinos überdrüssig geworden ist. Der Film "Faust" steht für sich alleine. Ein musikalisches Spektakel wird nicht benötigt.

Ein einsamer Alan Lomax im Museum der alten Helden, diesmal mit Wunsch auf die Musik zu verzichten!

Alan Lomax

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