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Klute - Alan J. Pakula

Veröffentlicht von Alan Lomax Rick Deckard Blog auf 6. September 2009, 08:42am

Kategorien: #Filme

Einen Satz liesst man häufig in Zusammenhang mit Filmen aus vergangenen Dekaden: 'Solche Filme werden nicht mehr gedreht'. Dem muss man uneingeschränkt zustimmen. 'Klute' ist ein ausserordentlich vielschichtiger Film, der so in seiner Art heute keinen Zuschauer mehr ins Kino locken würde, es aber in den 70'er Jahren getan hat. Das hatte seine Gründe. Amerika war durch Vietnam und den Watergate Skandal zutiefst verunsichert und in den Grundfesten erschüttert und dieses Misstrauen spiegelte sich auch in den Filmen des New Hollywood wieder. 'Klute' gehört mit den nachfolgenden 'Zeuge einer Verschwörung' (The Parallax View mit Warren Beatty in der Hauptrolle) und 'Die Unbestechlichen' (All the President's Men mit Redford & Hoffmann) zu der so genannten 'Paranoia Trilogie' des Regisseurs Alan J. Pakula. Aber nicht nur er reflektierte die Stimmung, sondern auch andere Regisseure wie Francis F. Coppola mit 'Der Dialog' und Sydney Pollack mit 'Die 3 Tage des Condor'. Pakula selbst war Sohn jüdisch-polnischer Einwanderer und wurde in der Bronx, New York geboren. Später zog es ihn über das Studium an der Yale University nach Hollywood, wo er 1962 für die Produktion des Films 'Wer die Nachtigall stört' für einen Oscar nominiert wurde. In der Folgezeit, v.a. in den 70'er Jahren, drehte er die 3 o.g. Filme, die nicht nur alle uneingeschränkt mehr als nur sehenswert sind, sondern sowohl allein als auch im Verbund als Meisterwerke tituliert werden müssen. Insbesondere seine beiden folgenden Filme mit Warren Beatty, Robert Redford und Dustin Hoffmann sind und gelten als die besten (Polit-) Thriller die je gedreht wurden. Ich bin auch uneingeschränkt dieser Meinung und beide Filme zählen zu meinen Favoriten.

'Klute' ist der von Donald Sutherland gespielte Charakter eines Privatdetektivs, der von einer Familie, deren Oberhaupt auf mysteriöse Art und Weise verschwindet und den mit ihm verbundenen Konzern beauftragt wird diesen zu suchen. Die Spur führt ihn nach New York zu einem Callgirl mit Namen Bree Daniels, gespielt von Jane Fonda. Und das ist eine Meisterleistung der Schauspielerin: Ein höchst komplexes Porträt einer Frau, die Fonda ausserordentlich vielschichtig und facettenreich spielt. Sie umgeht sehr geschickt das Klischee Daniels als 'Hure mit Herz' oder ruchlos zu spielen, sondern schildert in dem Film das Leben einer jungen Frau, die sehr verwundbar aber auch fordernd zugleich ist. Dieses Wechselspiel aus einem Höchstmass an Sensibilität und Aggression wird perfekt und absolut glaubwürdig von Ihr dargestellt. Es gibt mehrere Sequenzen in dem Film in denen Jane Fonda improvisiert und damit dem Film schauspielerisch seine Qualitäten leiht. Somit genügt und erfüllt sie nicht die klassischen, chauvinistischen Kinofantasien, sondern liefert ein grandioses Porträt einer Frau. Viele der Widersprüchlichkeiten Ihres Charakters werden im Gespräch mit der Therapeutin im Film wunderbar erklärt, Sequenzen, die Fonda auch zum grossen Teil improvisierte. Eine mutige und bravourös gespielte Rolle die ihr zu Recht den Oscar einbrachte. Donald Sutherlands bewusst zurückgenommenes, "provinzielles" Spiel ist der perfekte Gegenpart und diese vielgerühmte Harmonie zwischen Schauspielern.

Der Film ist ein grosses Verdienst des 'Director of Photography' nämlich Gordon Willis. Sowohl seine Bilder aus 'Der Pate' und seinen Nachfolgern als auch zu den Woody Allen Filmen, insbesondere 'Manhattan', machten den Kameramann weltberühmt. Er war auch ständiger Begleiter von Pakula. In 'Klute' nimmt er den Zuschauer mit auf eine voyeuristische Reise und führt ihn direkt und unmittelbar in das Geschehen. New York wurde selten so dunkel, bedrohlich und beklemmend dargestellt, für einen Freund des Urbanen wie mich ein Hochgenuss, aber auch für alle Freunde und Liebhaber des Kinos: Fantastische Perspektiven die er schafft, Verlagerungen der Tiefenschärfe, Bilder im Gegenlicht, die vielen Sequenzen fast schon einen comichaften Charakter verleihen. Ganz grossartige und visionäre Kunst. Menschen werden in Hochhäusern im Gegenlicht gefilmt, weiter unten fliesst der Hudson in der warmen Abendsonne an New York vorbei: Das sind nur einige der Höhepunkte dieser Meisterleistung. Dann wiederum filmt er die Charaktere von ganz nah, die Zimmer sind dunkel und mit einem Minimum an Restlicht werden so bedrohliche, fast surreale Stimmungen aufgebaut. Wunderschöne Bilder in Cinemascope Format. Nein, solche Filme werden nicht mehr gedreht.

Nicht zu vergessen der Score von Michael Small mit seiner hauchenden, summenden "psychedelischen" Frauenstimme, dem nervösen, kränkelnden Piano und der Marimba, aber auch der warmen und umschmeichelnden Trompete mit dem Hauptthema. Eine mehr als perfekte musikalische Untermalung des Films und dadurch ein Garant für den Suspense und Erfolg.


'Klute' ist zuvorderst ein Thriller, der sich aber nicht in eine Genre drücken lässt, da er Elemente eines Thrillers, aber auch einer Love Story (es gibt eine unglaublich schöne Sequenz mit Sutherland & Fonda auf einem Gemüsemarkt), als auch einer präzisen Charakterstudie enthält. Insofern ist er nur bedingt einem Genre zuzuordnen. Aber er ist auch ein kleines Stück Geschichte, da er eine Atmosphäre in einem Land der Bedrohung, Bespitzelung, Verunsicherung, des Eindringen in die Privatsphäre mit den Mitteln der Kunst, besser gesagt des Kinos verewigt hat.

Rick Deckard 

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