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Bands aus Hannover, ein Nachruf! - "Darf ich kassier'n?" / ich sagte: "Nee," und "noch'n Bier!" / nach einer Stunde war'n's schon vier / und in Hannover war ich dicht und außer mir…" Blumfeld

Veröffentlicht von Alan Lomax Rick Deckard Blog auf 26. August 2009, 14:39pm

Kategorien: #Populäre Musik




Der hannoveraner Musikszene eilt ein schlechter Ruf voraus. Scorpions, Fury in The Slaughterhouse, Heinz Rudolf Kunze, Mousse T.

 

Aber wer kennt schon:

 

African Tam Tam, Abstürzende Brieftauben, Fury in The Slaughterhouse (sic!), Terry Hoax, Gay City Rollers, The Young Bucks, Remain in Silence, Darwins, Storemage, The Cretins, Funkanatic, Boskops, Kamerun News, Krone der Gastlichkeit, The 39 Clocks, Rotzkotz, Splizz, Fun Fun Crises, Hans-A-Plast, Der Moderne Man, Daily Terror, The Jinx oder Mythen in Tüten...???

 

Hannover war in den 80ziger Jahren so was wie die Hochburg des Punks (Chaostage, Bärchen und die Milchbubies/haben es sogar in die Bravo geschafft!, Rotzkotz) und natürlich “The Cretins” die bereits 1978 zu den ersten und wichtigsten deutschen Punkbands gehörten.

 

Außerdem gab es mit No Fun Records eines der ersten deutschen Indipendentplattenlabels in Deutschland. Hollow Skai gründete das Unternehmen bereits 1979 und brachte wesentliche Alben der deutschen Independentgeschichte heraus. U. a. die 39 Clocks die mit ihrem experimentellen minimal Rock bis heute eine der besten deutschen und meistbeachteten Schallplatten ist. Die Band „Der moderne Man“ wurde sogar zweimal von John Peel eingeladen, sind aber nie angekommen (Nachzulesen in Hollow Skais Buch: Alles nur geträumt: Fluch und Segen der Neuen Deutschen Welle).

 

Ungläubige werde nun sagen, dass sind keine relevanten Bands. Und wie sieht es mit Graham Coxon und Alex James von Blur aus? Doch dazu später mehr…

 

Im Gegensatz zu meiner geliebten neuen Heimatstadt Köln, hat Hannover in den massgeblich musikalischen, wichtigen siebziger und achtziger Jahre, eine lebhafte und historische Szene gehabt. Ich bin gespannt auf die Aufzählung der Gegenteile und wütenden Dementi!?

 

Oftmals muss ich mir –obwohl ich seit fast 18 Jahren in Köln wohne und mir nie das Gegenteil bewiesen wurde- anhören, dass Hannover eben nur die Bands kommen, die ich im ersten Satz genannt habe. Ehrlich gesagt, gerne steige ich meist in das Gespräch mit ein und mache mich lustig über die Scorpions, weil es Spaß macht, aber die Realität sieht wie immer anders aus, wenn man sich erst mal in der Tiefe mit einigen Dingen beschäftigt, keine Vorbehalte hat und ganz insbesondere Empathie zu seinen Mitmenschen entwickelt und hinterfragt.

 

Hannover hat schon immer ein Imageproblem gehabt. Die meisten Mythen und ungesehen Eindrücke von Hannover kann ich bestätigen. Ich habe lang genug dort gelebt.

 

Aber eine eigene musikalische Vergangenheit in Frage zu stellen ist in dem Zusammenhang schwierig und soll mit diesem Eintrag, wie versprochen gerade gerückt werden. http://lomax.over-blog.de/article-35290082.html

 

Irgendwann 1987 hat sich das Stadtbild von Hannover innerhalb weniger Tage radikal verändert. Kaum eine Ampel, kein Fahnenmast, keine Mauer, überhaupt kein Papierkorb und keine Laterne an der nicht folgendes Foto zu sehen war:



 

Toni Fontanella der später einer meiner besten Freunde wurde, hat mit seinen Bandkollegen von Storemage in wenigen Tagen mit wahrscheinlich 100.000 kleinen Aufklebern die ganze Stadt zugeklebt. Zufällig traf ich ihn dann zum ersten Mal bei Musicland, dem damaligen besten Plattenladen der Stadt. Ich sah ihn, wie er Flyer für eine Konzertankündigung an der Kasse hinterlegte. Damit war er der einzige zeitgemäße Mensch der so etwas tat, Flyer hatte sonst niemand. Wir kamen schnell ins Gespräch und ich bin direkt 2 Tage später bei meinem ersten Storemage-Konzert im „Labor“ gewesen. Anschließend haben wir unzählige Biere getrunken und sind Freunde geworden. Storemage wurde meine erklärte lokale Lieblingsband und werden immer auf dem Soundtrack meines Lebens sein.

 

Zu der Zeit habe ich mit der lokalen Musikszene so gut wie gar nicht beschäftigt. Aus Arroganz, aber auch aus Unwissenheit. Storemage haben mich von der ersten Note beeindruckt und begeistert. Ihr damaliger „Power Pop“ war mit keiner anderen Band zu vergleichen. Das Trio war derzeit musikalisch unerreicht. Es gibt noch immer Schlagzeugparts von Toni und einige Riffs von Kürsche, die nicht nachspielbar sind und für exzellente musikalische Fähigkeiten stehen. Storemage waren immer für Überraschungen gut. Die Grundstruktur der Songs sind immer simpel und melodiös. Der Versuch mit drei Instrumenten etwas besonderes entstehen zu lassen, schubkarrenweise Police-Harmonien, Pschedelia und überdrehte Geräusche abzuladen gelang immer wieder. Die Musik von Storemage war zu der Zeit in Hannover ständig um uns. Kein Konzert ohne uns, keine Party und kein Mixtape ohne mindestens 2 Storemage-Songs. Toni war zudem ein unermüdlicher Kämpfer für seine Band, der keine Gelegenheit zur Vermarktung ausgelassen hat. Somit gab es auch einige überregionale Teilerfolge zu verzeichnen, u. a. ein Auftritt beim Roskilde Festival und eine kleine Tour durch Frankreich. Das Ende war in jeglicher Hinsicht unschön und dramatisch. Ein anderes Thema

 

Mit der Begeisterung und Verfolgung der Band bei jedem Konzert ist damals eine Bandfreundschaft entstanden, die über das Fantum hinausging. Somit lernte ich „Backstage“ bei Konzerten andere Bands und Musiker aus Hannover kennen.

 

Zudem habe ich mit dem „deutschen Rob Gordon“   http://lomax.over-blog.de/10-categorie-10684175.html damals versucht ein Fanzine aus dem Boden zustampfen. „Subjective“ sollte das Werk heißen. Wir haben derzeit jeden Musiker in Hannover interviewt der das Wort „Instrument“ auch nur buchstabieren konnte und somit die Szene kennengelernt. In der zweifelsohne die „Abstürzenden Brieftauben“ und „Fury in The Slaughterhouse“ die populärsten und erfolgreichsten waren.

 

Aber das war zu einer Zeit, als die musikalisch-historisch wichtige Zeit der Hannover Bands bereits vorbei war.

 

Bereits 1980 erschien die erste 39 Clocks Single „DNS“ bei No Fun Records. Die 39 Clocks sahen damals optisch wie Velvet Underground aus. Lange bevor es überhaupt ein New York Revival gab, weil in New York, die CBGB’s Bands auch gerade erst wieder anfingen, die psychedelische Direktheit und einfache Produktionstechnik wiederzuentdecken.

 

Die hannoversche Band Hans-A-Plast hatte immerhin ein Rockpalast Auftritt. So weit ging es mit den 39 Clocks nicht. 1998 berücksichtigte der Regisseur Hans-Christian Schmid auf dem Soundtrack zu seinem Film „23 – Nichts ist so wie es scheint“ der weitestgehend in Hannover spielt, die Band 39 Clocks.

 

„Melancholisch-stimmungsvoll, eine durchtuckernde Rhytmusmaschine hat oft etwas Depressives an sich. Einfache, ständig wiederholte Figuren auf verzerrter Gitarre ('DNS'). Fast noch besser eine sinistere Fassung von 'Twist & Shout' genannt 'Twisted & Shouts', die elegische Melodie wechselt langsam zu einem spitzen Kreischgeräusch. Überzeugend. Leider in englisch“, schreibt Hans Keller in der Sounds 1980.

 

Zu meiner Zeit zwischen 1987 – 1992 wurde hingegen immer wieder versucht Hannover zur kommenden Pop- und Rockmetropole zu stilisieren. In dem Zusammenhang werden auch heute noch Scooter und Mousse T. genannt. Die zeitlich und inhaltlich nicht dahin passen und zudem eine befremdliche Mixtur darstellen.

 

Bekannte Bands aus Hannover fallen mir nicht mehr ein. Und beim zugegebener Weise unregelmäßigen studieren der Stadtmagazine fallen mir keine vermehrten lokalen Konzerte auf.

Anfang der neunziger Jahre, war Hannover die einzige Stadt in Norddeutschland, „in der nach 3 Uhr noch was geht.“

 

Das Café Glocksee, das Musiktheater Bad, UJZ Korn und Silke Arp bricht waren damals unsere Konzertclubs.

 

Wenn ich so an die Bands und Konzerte von damals denke, glaube ich das Musik damals noch nicht stilistisch so festgefahren und strukturiert war. Die Bands waren viel offener, was musikalische Einflüsse und Ideen betrifft. Und textlich bewegt man sich außerhalb der gängigen Schemata. Die eigenen Ideen und Bedürfnisse standen im Vordergrund und nicht die Szene-Erwartung potenzieller Hörer, die es zu befriedigen gilt. Viele Bands aus Hannover waren von musikalischer Offenheit und Experimentierwut getrieben.

 

Eigentlich wollte ich nicht nach Hannover, sang einst Bernd Begemann passend dazu vielleicht die versprochene Geschichte zu Blur: Graham Coxon wurde in Rinteln einem Stadtteil von Hannover geboren und Alex James war in den 80ern als Austauschschüler auf der Albert-Einstein-Schule in Laatzen/Hannover.

 

Kaufempfehlungen

7 Inch: Cretins – Samen im Darm „Wiederveröffentlichung: 12 Inch EP 2006/Re-Force Records / RE010

CD: Sampler – No Fun Hit oder Niete VÖ: Sireena Records

CD: The 39 Clocks – Paint it Dark

CD: Der Moderne Man – Drama Spiel und Blut

Buch: Alles nur geträumt: Fluch und Segen der Neuen Deutschen Welle – Hollow Skai

CD: Fury in the Slaugtherhouse – Fury in the Slaughterhouse

Sampler: Abstürzende Brieftauben – Ist es Wirklich schon so spät?

Album (rar): Storemage – John Dave Thomson (1988) und EP: Happy Day (1992)

LP: Fun Fun Crises – Youg Rebels Vol.3.

LP Sampler: From the Middle of Nowhere/1987/Bad Rec.004-LP0355

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