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www.lomax-deckard.de

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"Wir handeln mit Träumen" - Sir David Lean

Veröffentlicht von Alan Lomax und Rick Deckard auf 17. März 2009, 12:00pm

Kategorien: #Filme


"Ich kenne keinen Regisseur der nicht auf die Knie geht wenn man von 'Bridge over The River Kwai' und von 'Lawrence of Arabia' spricht. Ich empfinde sehr viel Hochachtung für diesen Mann. Ich denke er hat ein viel breiteres Vokabular für Filme als viele Regisseure, einschließlich mir selbst. Er ist der Letzte einer Generation von klassischen Künstlern. Er und Kurosawa."

Steven Spielberg.


Samstag, 22:15 Uhr, 1982


Das Columbia Logo. Man erkennt einen Mann, der in der Garage eine Motorradfahrt vorbereitet. Die Titelsequenz. Um wen es sich handelt erkennt man nicht. Er fährt sehr schnell auf einer Landstrasse und hat einen Unfall. Man sieht den Verunfallten nicht, aber an Hand der Brille die in den Zweigen baumelt ist augenscheinlich, dass er bei dem Unfall ums Leben gekommen ist. Schnitt. Einer der Gäste wird über einen gewissen Colonel Lawrence nach der Trauerzeremonie interviewt. Schnitt. Rückblick. Man erkennt zwei junge Männer in einem Keller in Cairo die sich gelangweilt unterhalten. Ein Kamel zieht am Fenster vorbei. Einer dieser beiden Männer ist der Protagonist, der kurz zuvor in der Eingangssequenz verstarb. Er bekommt einen Auftrag. In freudiger Erwartung diesen zu erfüllen sieht man nun das Profil dieses Mannes das die ganze Leinwand füllt und ein Streichholz welches er in Händen hält, er lässt es niederbrennen und pustet es aus, es wird still..., man hört den Hall des Geräusches, die Leinwand wird schwarz,..., ganz leise ertönt eine Musik, in der Ferne dieser schwarzen Leinwand sieht man die Sonne aufgehen, die Musik schwillt zu einem Crescendo an und zwei Menschen reiten zu einer majestätischen Melodie durch die Wüste. Einer ist Beduine, der andere Thomas Edward Lawrence.

Dieser Schnitt nach dem auspusten des Streichholzes wurde zu einem der bekanntesten der Filmgeschichte. Die Cutterin hiess Anne V. Coates. Fotografiert wurde diese Sequenz wie der gesamte übrige Film von Frederick A. Young, produziert von Sam Spiegel, geschrieben von Robert Bolt und der Regisseur ist der Mann oben rechts: David Lean. Der Film heisst 'Lawrence of Arabia'.

Er wurde zum Auslöser meiner Begeisterung für das Kino. Ich war überwältigt von soviel Schönheit. Bilder, Musik, Schauspieler und Handlung. Es war ein einzigartiger Rausch der Sinne und Gefühle und das Kribbeln welches er verursachte ist nur dem vergleichbar, wenn man verliebt ist. Ich war hingerissen von dem was ich da zu sehen bekam. Er löste in den folgenden Jahren eine Lawine des Interesses für das Medium Kino aus.

Wie war jemand in der Lage einen solchen Film zu drehen? 

Spielberg bezeichnet Lean in seinem Zitat als einen Künstler und genau das ist die Antwort auf die Frage.

Nur wer genug Leidenschaft mitbringt, nur wer eine Vision vor Augen hat, nur wer keine Mühe scheut und sich mit seinem Talent bis an die Grenzen verausgabt (Kameramann, Regisseur und die Darsteller warteten zuweilen Tage in sengender Hitze auf die richtige Einstellung), nur so jemand vermag am Ende einen solchen Film fertig zu stellen. Das Bild (incl. der Szene) oben ist nicht grundlos der Aufhänger für diese Zeilen. Sie ist neben vielen anderen eine der spannendsten und sprichwörtlich atemberaubendsten Sequenzen des Filmes und verdeutlicht mit welcher Hingabe der Kameramann Freddie Young und David Lean an der Komposition der Bilder arbeiteten: Man erkennt 2 Menschen, die in die Ferne sehen. Da sie mit dem Rücken zum Zuschauer stehen gleitet auch dessen Blick in die Weite und sucht. Das Prinzip ist ein sehr bekanntes aus der romantischen Malerei, sehr häufig als Stilmittel auch von Caspar David Friedrich bei seinen Gemälden benutzt. Die Personen auf diesen Bildern sitzen oder stehen mit dem Rücken zum Zuschauer, "ein Zustand der Entrückung", dadurch wird der Betrachter gezwungen mit Ihnen in die Ferne zu sehen, Blicke werden geleitet: Sehnsucht. Eines der elementaren Bestandteile der Romantik und eben jene ist ein essentieller Bestandteil des Filmes nebst vielen anderen Aspekten. Das soll nur veranschaulichen wie präzise und höchst künstlerisch die Leinwand genutzt wurde. So lässt sich erkennen warum Spielberg von Lean schwärmt: Es ist die Handschrift eines Könners, eines Meisters und deswegen werden solche Filme (und nur solche) 
als 'Meisterwerk' bezeichnet.

Die Synergie von Musik, Schnitt und Kameraführung ist absolut beeindruckend und hoch effektiv. Genauso wie der charismatische und smarte Hauptdarsteller Peter O' Toole, der es schafft eine äußerst beeindruckende schauspielerische Leistung zu liefern. Lean gelingt das Kunststück trotz der imposanten Schauwerte eine sehr interessante und neuartige Geschichte zu erzählen, die tief in die Seele des Protagonisten blicken lässt. Die kunstvoll balancierte Mischung aus Epik und innerer Zerrissenheit des Titel gebenden Helden macht die Einzigartigkeit des Filmes aus.

Deswegen auch die Überschrift des Beitrags. Das was Lawrence hier zu Stande bringt ist 'Larger than Life' und wer wenn nicht wir träumen davon in unseren Leben einmal das zu tun? Überlebensgross! Ein Held! Und eben weil es utopisch ist gehen wir ins Kino und sehen uns "unsere Träume" auf der Leinwand an. Gehen sie konform mit unseren Wünschen und Gedanken, dann haben alle Beteiligten im wahrsten Sinne des Wortes richtig "gehandelt". Und wenn ein solcher, äußerst schwieriger, Akt über Grenzen hinaus mit seinem Inhalt
alle Menschen erreicht, dann werden solche Filme zu einem Welterfolg.

'Lawrence of Arabia' wurde ein solcher. Mit Preisen überhäuft, von Kritikern geliebt und von Regisseuren wie Spielberg verehrt. Ein sehr unterhaltsamer, spannender und ungemein beeindruckender Film. Nicht zuletzt wegen der famosen musikalischen Untermalung von Maurice Jarre, der die Partitur in einem romantisch-orientalischen Idiom schrieb und die neben seiner Musik zu 'Dr. Zhivago' (ebenfalls von David Lean) einen sehr hohen Wiedererkennungswert besitzt. Nicht nur untermalt sie Action Sequenzen, sondern macht auch das Innenleben dieses 'Übermenschen' im Sinne Nietzsches "sichtbar". Aber auch hier bleibt zu erwähnen, dass Lean die Musik perfekt in den Film integrierte und ein Gespür dafür hatte, wann sie den gewollten Effekt erzielt und wann Stille von Vorteil ist. Jarre, der jüngst auf der Berlinale geehrt wurde, lieferte das tonmalerische Pendant zur Wüste, zu ihrer Härte und Unbarmherzigkeit, aber auch ihrer Schönheit. Wie der Film ein Meisterwerk.

Neben O'Toole spielen Alec Guiness und Anthony Quinn bedeutende Rollen und ein junger, weites gehend unbekannter Schauspieler, dessen Verkörperung des 'Dr. Zhivago' weltbekannt wurde: Omar Sharif.

Auch wenn viele der Leser hier nicht die gleiche Leidenschaft wie ich oder Lomax für den Film teilen, kann ich Ihn jeden, der sich auch nur im entferntesten für das Kino interessiert ans Herz legen. Für die, die genug haben von 200 Schnitten in der Minute, verwackelten Handkameras, dröhnender Musik und dünnen Handlungen, ist der Film eine willkommene "Abwechslung". Er zeigt nämlich wie faszinierend ein Film sein kann, auch wenn das Erzähl-Tempo nicht rasend schnell ist. Auch wenn er für die grosse Leinwand gedreht wurde erzielt er seine Wirkung auch auf dem heimischen Bildschirm, vorausgesetzt er wird nicht durch Werbung unterbrochen.

'Lawrence of Arabia' ist der Beginn einer Reihe meiner Top 10 Favoriten.

Cineastische Grüsse,

Rick Deckard


Bildquelle: Copyright Columbia Pictures; Bradley Smith/ Corbis

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