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Francoise Cactus – Adieu pour toujours

Veröffentlicht von Alan Lomax Rick Deckard Blog auf 19. Februar 2021, 13:07pm

Kategorien: #Elektronische Musik, #Essay, #Feuilleton, #Independent Musik, #Kommunikation, #Popmusik, #Populäre Musik, #Radio

Francoise Cactus – Adieu pour toujours

Ich kann mich noch sehr gut an die ersten Konzerte der Band Stereo Total Mitte der Neunziger Jahre hier in Köln erinnern. Francoise Cactus und Brezel Göring waren sofort in unseren Herzen. Es war die Zeit der Popkomm und als für immer wichtige Bands in unser Leben traten: Blur, Pavement, Blumfeld, Tocotronic u.v.a.

Köln hatte die Spex, das Intro, Viva, gute Clubs und war anderen Städten in Deutschland wie Hamburg und Berlin immer eine Nase voraus, was Popmusik anging. In diesen Zeiten waren wir immer auf der Suche nach dem nächsten Kick. Live, auf Platten, für das eigene Ego. Viele Bands die geblieben sind, hatten wir damals schon wieder auf den Haufen gelegt. Es standen schon wieder neue vor der Clubtür. Abgearbeitet wurde dieser Haufen erst sehr viel später und so hieß es jeden Abend: Doors open….

Und es gab Bands, deren Liveauftritte in unsere DNA übergegangen waren und bei deren Ankündigungen gar nicht gefragt wurde, ob wir gehen, wir gingen. Stereo Total gehörten dazu.

Francoise Cactus war damals den meisten von uns schon aus Zeiten der Universen Weser Label und Vielklang Label, in der Gesellschaft der Mimmies, der Lolitas und natürlich den Zitronen bekannt. Punkrock sozialisierte sich da gerade mit komischen Bands (ich möchte das Wort Fun-Punk bewusst vermeiden), den in Wirklichkeit war, dass das Biotop für die Annährung deutscher alternativer Musik an verschiedene Musikgenres in Punk-Tradition.

Die Herausforderung der damaligen Bands war es nicht ihren kreativen Output zu finden, denn der war Tonnenweise vorhanden. Es galt ehr sich sich von der aufkommenden Deutschttümelei im Mainstream abzusetzen, sich zeitgleich aber auch mit den technischen Studioneuerungen zu auseinanderzusetzen. Viele damals große deutsche Bands, die in unseren Herzen sind, scheiterten leider an dieser Tatsache und an ihrer selbstgefälligen Haltung, vieler Innovationen gegenüber.

Heute würde man die Musik von Stereo Total vielleicht als Elektro-Trash-Pop bezeichnen. Das gefällt vielleicht nicht jedem, zeigt aber, dass die beiden Berliner Musiker, nicht stillstanden.

Brezel bastelte bereits an Beats und Samplern rum, als andere die Geräte noch für Toaster gehalten haben. Und seine Liason mit der wundervollen Francois Cactus als Duett, war in der Form auch tatsächliche eine der ersten, die aus unterhaltenden und künstlerischen Sicht, Sinn gemacht hat. Cactus französischer Akzent, Ihr Charme und diese bewusst lässig-gewollte Haltung. So wollten wir auch sein.

Mir hat das Wort „Trash“ im Zusammenhang mit Popkultur nie gut gefallen. Und nur, weil sich Musiker einer gewissen Ernsthaftigkeit verweigern, wurde aus diesem Ansatz, etwas banales. Eine schlimme falsche Wahrnehmung.

Juke-Box-Alarm ist mein Stereo Total Lieblingsalbum. Die Platte sollte eigentlich „Party-Antikonformist“ oder „Delirium in Hifi“ heißen. Aber Juke-Box-Alarm ist auch toll. Die Scheibe war zuerst in Japan erfolgreich. Und ich schätze, dass diese auf Flohmärkten dort noch gut zu finden ist. Wenn es dort überhaupt Flohmärkte gibt? Und überhaupt K-Pop. Obwohl kein ganzheitlicher Ansatz, fällt mir gerade eine Nähe zu einer meiner Lieblingsbands der letzten Jahre Kero Kero Bonito ein. Insbesondere bei der Verwendung der rappeligen Synthezisern und bei den ganzen schönen Melodien aus der Twistwelt. Juke-Box-Alarm ist natürlich auch das Hitalbum der Band. Aber zu recht. Es bleibt zeitlos, ist unfassbar unterhaltsam und nährt noch immer die Vorstellung bzw. die Philosophie des genialen Dilletanten.

Damals unterlag die Cactus natürlich ihrer charmanten und selbstauferlegten Lolitarolle. Und es wäre unfair einen Nachruf zu schreiben, ohne zu erwähnen, dass diese Frau ein Gesamtkunstwerk und ja auch eine Kollegin war. Ihre Radiosendung bei radioeins hat eine große Seelenverwandtschaft zu meinem Heimatsender 674FM und unserer eigenen Sendung musikabend gezeigt. Francois Cactus hat nur Vinyl aufgelegt und tolle völlig unbekannte Werke aus Frankreich gespielt und sich merkwürdigen Elektrotracks angenommen.

Unikum, Original, Künstlerin, Lo-Fi-Entertainerin, Autorin und Hörspielproduzentin. Und vielleicht die heimliche Ikone des deutschen Untergrunds. Forever, ever ever....

Küsse aus der Hölle der Musik

Alan Lomax

 

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