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Der Fall Collini

Veröffentlicht von Alan Lomax Rick Deckard Blog auf 2. Februar 2020, 13:49pm

Kategorien: #Filme

Der Fall Collini

Wenn Du dich mit mir unterhalten willst, definiere Deine Begriffe.

Voltaire.

Für mich ist dieser Satz mittlerweile zur Maxime im Alltag geworden.

Wie definiert man Gerechtigkeit? Was ist Gerechtigkeit? Bis vor einiger Zeit war ich davon ausgegangen, dass es sich um einen normativen Begriff handelt, bis ich mich mit einem Richter unterhielt, der gegenteiliger Auffassung war. Seiner Meinung nach ist Gerechtigkeit ein subjektiv gefärbter Begriff: Was für den einen "gerecht" ist für den anderen "ungerecht". 

Was ist Gerechtigkeit? Eine philosophisch anmutende Frage, die losgelöst vom menschlichen Wesen nicht zu beantworten ist.

In Der Fall Collini werden wir Zeuge, wie ein älterer Mann einen anderen tötet. Es wird schnell klar, dass es sich nicht um einen "Who dun it"- Kriminalfilm handelt, sondern dass es vielmehr um sein Motiv geht, dessen Entwicklung und Bewertung. Das alles im Kontext der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland und des Rechtsstaates.

Ich habe den Film vor Monaten gesehen und sein Thema lässt mich bis heute nicht los. Am Ende ist man erschüttert über die Wahrheit und wieder und wieder kehrt man bei seinen Gedanken zurück zu der Eingangs gestellten Frage. Vielmehr wird man dann getrieben von einer weiteren Frage: Wenn man sich im Klaren darüber ist, was Gerechtigkeit ist, wie setzt man sie um?

Regisseur Marco Kreuzpaintner verfilmte den 2011 erschienenen Roman von Ferdinand von Schirach, ein Autor, der mich immer mehr fasziniert, weniger wegen seiner Bücher - ich lese keine Romane - vielmehr wegen der aufwühlenden Themen, derer er sich annimmt. Von Schirach ist eine sehr interessante Persönlichkeit, wenn man das überhaupt behaupten darf, ich sah jüngst eine Reportage im ZDF über ihn, in der er zusammen mit Benjamin von Stuckrad-Barré interviewt wurde. In dieser Reportage erfuhr man auch viel über den Menschen von Schirach. Sehr aufschlussreich.

In Kenntnis dessen erscheint auch der Film mit seiner Handlung klarer. Kreuzpaintner gelingt es einen äusserst spannenden, aber auch auch sehr aufwühlenden und bewegenden Film zu inszenieren, der am Ende keinen kalt lässt, zu ergreifend ist die Geschichte.

Gerichtsthriller sind ein eigenes Genre und die Filme aus diesem Genre wussten nahezu immer überzeugend zu unterhalten, einige haben auch Klassiker-Status erreicht, wie z.B. Zeugin der Anklage von Billy Wilder oder Eine Frage der Ehre von Rob Reiner. Der Fall Collini hat durchaus das Zeug zu einem Klassiker. Er hat eine sehr dramatische Geschichte zu erzählen. Zwangsläufig muss ein Film gegenüber einem Roman Abstriche machen, es ist ein anderes Medium mit einer zeitlichen Restriktion. Auch, wenn ich das Buch nicht gelesen habe, so scheint es, dass es den Machern gelungen ist, die Essenz des Werkes zu filtern und filmisch umzusetzen.

Die Produktion ist über dem Durchschnitt dessen, was man mit Filmen dieser Art für gewöhnlich verbindet. Elias M'Barek ist als junger Anwalt in seiner Rolle sichtlich überfordert und bekommt Grenzen aufgezeigt, nichtsdestotrotz weiss er zu überzeugen, was viel mehr an den Dialogen, als seiner Schauspielkunst liegt. Heiner Lauterbach ist ein Profi. Beeindruckend hingegen ist Franco Nero, der kaum einen Satz sagt, aber auf dessem Gesicht sich die ganze Tragweite der Geschichte abspielt.

Wenn Sie den Begriff Gerechtigkeit in eine Suchmaschine eingeben, dann werden Sie überrascht sein, wie vieldeutig dieser Begriff ist, und wie unterschiedlich er definiert wird. Schauen Sie sich den Film an und beantworten Sie die Frage für sich selbst.

Rick Deckard

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