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THE PROFESSIONALS von Richard Brooks - Teil VI der Retrospektive

Veröffentlicht von Alan Lomax Rick Deckard Blog auf 16. Juli 2019, 10:50am

Kategorien: #Klassiker

THE PROFESSIONALS von Richard Brooks - Teil VI der Retrospektive

Auf den ersten Blick vermag der Wechsel von einem reaktionären Actionfilm der 80er Jahre zurück ins Jahr 1967 sprunghaft und beliebig erscheinen, ist er aber nicht.

Der von Richard Brooks inszenierte Spätwestern ("spät" im Sinne von zeitlich als auch inhaltlich) war einer der ersten Filme, der erste Western überhaupt, der sich kritisch zum Engagement in Vietnam äusserte. Die Anzahl der Truppen im fernen Osten wurde Ende der 60er Jahre erhöht und zusehends wurde die Intervention kritisch beäugt, von der Politik, aber auch von Künstlern und Filmschaffenden.

Bei THE PROFESSIONALS wird zuerst gedacht und dann geschossen. Anders wäre es den Protagonisten nicht möglich, in einer unwirtlichen Fremde zu überleben. Hieran erkennt man, wie sich Gesinnungen im Kino im Laufe der Jahrzehnte veränderten und welchen Einfluss sie v.a. auf Filmschaffende hatten.

Das Ziel dieser Retrospektive ist es nicht, Filme unter einem bestimmten historischen Aspekt zu beleuchten, es gibt keinen roten Faden, sondern sie beschäftigt sich mit lange nicht mehr gesehenen Filmen, die stillschweigend in den Kanon der beliebtesten Filme aufgenommen wurden, jedoch bislang keine Würdigung auf diesem Blog erfuhren.

Es bereitet Freunde, sie wiederzusehen und nach Jahren, gar Jahrzehnten neu zu bewerten. Da sich nicht nur die Zeiten ändern, sondern mit ihnen auch eine persönliche Entwicklung voranschreitet, stellte sich mir die Frage, ob sich dadurch auch in der Rezeption eine Änderung ergibt und ob es diese Filme schaffen, die Folgen der Zeit zu überdauern.

Ich erinnere mich nur allzu gut THE PROFESSIONALS (Die gefürchteten Vier) das erste Mal im Fernsehen gesehen zu haben. Prägende Darsteller, gerade im Western, waren von Beginn an Größen wie John Wayne, Gary Cooper, James Stewart. Regisseure wie John Ford, Howard Hawks und Anthony Mann bestimmten die Seh- und Sichtweise. Über die Jahre vollzog sich stetig aber langsam ein allmählicher Wandel und zu diesem trugen Filme wie THE PROFESSIONALS und v.a. auch VERA CRUZ bei.

Gab es bei den ersten Western des Golden Age klare Unterscheidungen zwischen gut und böse, klare moralische Werte, so wurden diese Vorstellungen allmählich verwässert und schliesslich in neue Bahnen gelenkt. Mit Ende der 60er Jahre und Beginn der 70er trat eine gewisse Ernüchterung im Western-Genre ein. Es gab sie nicht mehr, die Helden, die locker den Colt aus dem Halfter zogen, alle Bösewichte erledigten und am Ende dem Sonnenuntergang entgegen ritten. Die Native Americans spielten so gut wie nie Rolle, wenn man überhaupt von einer kritischen Auseinandersetzung mit dem Genozid im US-Amerikanischen Western sprechen darf. Meistens waren sie nur "Wilde", die es auszurotten galt.

Der Einfluss von Sergio Leone auf den amerikanischen Western war unübersehbar, bereits Mitte der Sechziger Jahre begann der italienische Meisterregisseur mit seiner "Dollar-Trilogie" Furore zu machen, die dann im Meisterwerk ONCE UPON A TIME IN THE WEST kumulierte und ein ganzes Genre unter sich begrub. Danach ging im Western eine lange Zeit nichts mehr. Doch das ist ein anderes Thema, was es aufzuarbeiten gilt.

THE PROFESSIONALS von Richard Brooks - Teil VI der Retrospektive

Die Eröffnung von THE PROFESSIONALS ist grossartig!

Gleich zu Beginn hört man, noch während das Columbia Logo die Leinwand ausfüllt, Kastagnetten und Percussions, die die Aufmerksamkeit des Zuschauers erhöhen. Was für eine Dynamik! Besser kann man eine Spannung nicht aufbauen. Hollywood hatte längst aufgehört Titelsequenzen noch vor der eigentlichen Filmhandlung zu präsentieren und so werden uns die 4 Hauptcharaktere des Films gezeigt und die haben es in sich, v.a. Lee Marvin und Burt Lancaster!

Marvin ist groß (wie fast immer!) und Lancaster steht ihm keinen Deut nach. Ich musste mehrfach vor Freude lachen, weil die Körpersprache dieser beiden Schauspieler einmalig ist. Diese Zurschaustellung von Machismo und Virilität ist einzigartig. Das erste Mal sitzen beide nebeneinander, nachdem Marvin Lancaster aus einem Gefängnis freigekauft hat, wortlos überreicht der von Marvin gespielte Charakter Burt Lancaster eine Flasche Whisky: Mehr coolness geht nicht. Die Chemie zwischen beiden stimmt, auch wenn sie vollkommen gegensätzliche Charaktere darstellen. Auf der einen Seite der disziplinierte und militärisch erfahrene Söldner, auf der anderen ein Weiberheld und prinzipienloser Abenteurer. Sensationelle Performance von beiden und überaus sehenswert. Bei den anderen beiden handelt es sich um den Hollywood-Veteranen Robert Ryan, der fast immer in Nebenrollen besetzt wurde und Woody Strode, der vornehmlich in Monumentalfilmen und Western Einsatz fand. Als Gegenspieler Jesus (!) Raza wurde der "ewig unterschätzte" und auf stereotype Rollen festgelegte Jack Palance (Kult!) besetzt. 

Gemeinsam machen sich die vier in ein unwirtliches und fremdes Land auf, um die entführte Frau eines vermögenden Geschäftsmannes aus den Händen des mexikanischen Banditen Raza zu befreien.

Dass der Film als Klassiker überzeugt, liegt nicht nur an den fabelhaften Hauptdarstellern und an Brooks, der auch das Drehbuch schrieb, sondern ebenfalls an allen weiteren Beteiligten: Maurice Jarre schrieb eine einprägsame Filmmusik im klassischen Western-Idiom, angereichert um lateinamerikanische Elemente mit einem melodischen und eingängigem Thema. Kameramann war der überragende Conrad L. Hall (ein Meister seines Fachs), der die Ödnis und karge Landschaft mit fantastischen Panoramen einfing und erwähnenswert nicht zuletzt der begnadete Cutter Peter Zinner, der mit THE GODFATHER und THE DEER HUNTER in die Geschichte eingehen sollte. Hier waren nicht nur auf der Leinwand Profis am Werk!

Regisseur Richard Brooks ist ein zeitloser, perfekt inszenierter Western gelungen. Brooks war einer der wenigen Regisseure, neben dem genialen Billy Wilder, der Regisseur und Autor in Personalunion war. Beeindruckend an THE PROFESSIONALS ist, mit welcher spielerischen Leichtigkeit, ohne jegliches Pathos und ohne moralinsaure Dialoge der Regisseur seine Kritik in diesem Western unterbringt! Grosse Kunst. 

THE PROFESSIONALS ist ein grandioser und äusserst unterhaltsamer Film mit kritischen Untertönen und er wirkt heute noch mit seinen Statements und in seiner Machart modern.

Überhaupt ist Richard Brooks ein zu wenig diskutierter, sehr vielseitiger und technisch äusserst versierter Regisseur. Zu seinen grossen Filmen zählen CAT ON A HOT TIN ROOF, LORD JIM, IN COLD BLOOD und BITE THE BULLET. Er prägte von Mitte der 50er bis in die 70er Jahre eine Ära mit seiner Handschrift.

Rick Deckard

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