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POINT BLANK - Ein Meisterwerk von John Boorman

Veröffentlicht von Alan Lomax Rick Deckard Blog auf 24. Februar 2019, 14:03pm

Kategorien: #Klassiker

POINT BLANK - Ein Meisterwerk von John Boorman

POINT BLANK des britischen Regisseurs John Boorman aus dem Jahr 1967 ist ein Meisterwerk, einer der besten Filme, die ich je gesehen habe.

Die Euphorie wurde noch grösser, als zu lesen war, dass David Lean seinem Landsmann in einem Schreiben zu dem Film gratuliert habe.

Lee Marvin

Der 1924 in New York geborene und 1987 in Tucson, Arizona verstorbene Schauspieler ist eine Legende. Eine Ausnahmeerscheinung und ein Typus, den es schon seit langem im Kino nicht mehr gibt. Heute erkennt man bei den Bart tragenden Weicheiern nicht mal mehr ihr Geschlecht. Konservativ, altes Patriarchat, Machismo? Von mir aus! Ich sehe das in einem filmischen Kontext und nicht generalisierend und schon gar nicht diskriminierend.

Marvin ist eine Wucht. Mit gnadenloser Härte, Zielstrebigkeit und ohne einen Funken an Barmherzigkeit geht der von ihm gespielte Charakter des Walker auf einen Rachefeldzug. Mit der Gerissenheit eines Raubtieres schreitet Walker zur Jagd.

Unbeirrbar.

Unbestechlich.

Furios!

POINT BLANK - Ein Meisterwerk von John Boorman

Die Erzählweise

Immer wieder ging mir beim Betrachten des Films die Begrifflichkeit Avantgarde durch den Kopf. Die Art der Erzählweise ist "ungewöhnlich" für die ausswingenden 60er Jahre, wenn auch Hollywood sich vom Mief der Vergangenheit längst gelöst hatte. Es gibt keinen einzigen Charakter in dem Film, der einem sympathisch ist. Jedes Subjekt ist auf irgendeine Art verkommen, kalt, leblos. Ein Kardinalfehler würde man meinen, denn der Zuschauer giert ja nach einer Projektionsfigur!

Trotz der unkonventionellen Vorgehensweise funktioniert der Film aber dennoch, vermutlich wegen der packenden Geschichte und des archaischen Elementes der Rache. Wenn es so etwas wie Moral gibt, dann nur die eines jeden Einzelnen, ohne einen gesellschaftlichen Konsens. Faszinierend im Übrigen die Querverweise von Boorman und seinen Drehbuchautoren zum Kapitalismus! Von einer Kapitalismus-Kritik zu sprechen, wäre jedoch zuviel des Guten.

Es gibt eine lineare Erzählweise, aber der Film unterbricht die Konventionen, in dem er immer wieder die Zeitebenen wechselt, sich (Alb-)Traum und Realität vermischen und den Zuschauer beunruhigen. Diese Abweichung sorgt für Irritationen, aber nicht im negativen Sinn, sondern die nicht-lineare Erzählweise zeigt, welche Möglichkeiten im Film verborgen liegen. Sam Peckinpah arbeitete ähnlich.

Aus diesen Szenen bricht immer wieder eruptive Gewalt hervor. Mit unglaublicher Brutalität gehen die Gegner aufeinander los. Es gibt keine Gnade. Weder physisch, noch psychisch.

Eine Paradebeispiel für eine innovative Form des Dialogs ist der Moment, in dem Walker seine Frau aufsucht. Der Clou an dieser Szene ist, dass alle Fragen, die Walker und auch dem Zuschauer durch den Kopf gehen, von der Ehefrau beantwortet werden, ohne dass Walker die Fragen stellen muss. Mit kalter, stoischer Miene sitzt er auf dem Sofa und hört unberührt zu. Was für eine Szene!

POINT BLANK - Ein Meisterwerk von John Boorman

Kamera und Schnitt

Was der Kameramann Philip H. Lathrop und der Cutter Henry Berman zeigen ist Kunst. Ich habe selten einen Film gesehen, der mich optisch so beeindruckt hat, wie POINT BLANK. Von der ersten Einstellung des Films bis zum Abspann ist jede Einstellung, jedes Bild pure Ästhetik. Die Ausleuchtung, die dunklen Szenenbilder, aber auch die hell erleuchteten sind von einer faszinierenden Schönheit! In einer Szene, als Beispiel, sieht man Marvin rechts in einem sonnendurchfluteten Bild auf einem Friedhof stehen und im Hintergrund erkennt man in der Weite der Landschaft einen Highway, auf dem sich Autos bewegen, die Sonne spiegelt sich in den Fenstern der Fahrzeuge. Das sind für mich immer auch Zeitreisen in die Vergangenheit; zu einem bestimmten Punkt hat es da so ausgesehen! Wiederholt ist Marvin in einer solchen Einstellung zu sehen. Ich musste an Michael Mann und seinen berühmten Ausspruch denken:

"Ich finde Industrielandschaften romantisch!".

Regisseur und Kameramann arbeiten durch den ganzen Film hindurch mit spiegelnden Flächen, zerbrochenen Spiegeln, durchsichtigen Scheiben, man erkennt die Schauspieler über diese Projektionen nur indirekt. Das verursacht einen surrealen Eindruck.

Die Titelsequenz ist eine einzige Augenweide. Die Zeitebenen springen hin- und her, die Bilder sind Psychodelia pur und die Momente, in denen Marvin eingefroren wird, brennen sich förmlich in die Netzhaut ein. 

Sensationell!

Wie effektvoll Kamera und Schnitt miteinander harmonieren und agieren, kommt in einer Szene zum Ausdruck, in der Marvin schnellen Schrittes einen stylisch designten Flur hinunter schreitet. Der Rhythmus und der Klang des Geräusches seiner Absätze werden bald zu einem Synonym für Zeit, Ersatz für Filmmusik und kurz bevor es enervierend wird, hört das Klackern der Absätze wieder auf. 

Phänomenal!

Ein Wort noch zu Johnny Mandel, der den Soundtrack schrieb. Das ist mitnichten Musik zum Hören abseits des Films, aber im Film, für den die Komposition geschaffen wurde, funktioniert sie blendend! Atonal. Disharmonisch.

Fazit

POINT BLANK ist, und endlich trifft diese Formulierung auch zu: 

Ganz  g r o s s e s  Kino!

In weiteren Rollen sind Keenan Wynn, John Vernon und eine sehr junge Angie Dickinson zu sehen, die, wie ich gestern las, lange Jahre mit einer weiteren Legende verheiratet war: Burt Bacharach. So schliessen sich immer die Kreise.

John Boormans Masterpiece.

Aus San Francisco, Los Angeles und von Alcatraz,

Rick Deckard

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