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www.lomax-deckard.de

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Alexandre Desplat - Filmkomponist

Veröffentlicht von Alan Lomax Rick Deckard Blog auf 3. Januar 2019, 10:03am

Kategorien: #Filme, #Kommunikation, #Orchestrale Musik, #Filmmusik, #Scores

Quelle: https://variety.com/2015/artisans/awards/danish-girl-alexandre-desplat-music-1201662338/

Quelle: https://variety.com/2015/artisans/awards/danish-girl-alexandre-desplat-music-1201662338/

Bei dem Track MR. MOUSTAFA aus dem Wes Anderson Film “The Grand Budapest Hotel” werden wir
mitgenommen in eine ferne Welt. Und zwar nicht in eine geografische, sondern in die Welt des
Hotelbesitzers Zero Moustafa, der sich strikt weigert den alten Kasten dicht zu machen, da dieser die
letzte Verbindung zu seiner verstorbenen Frau ist. Die feine kleine Melodie erinnert nach
mehrmaligen Hören in der Ferne an Erik Satie’s Komposition Gymonpédies. Sehr europäisch, sehr
warm, sehr einfach, einfach schön.

Überhaupt steht Alexandre Desplat mit seiner Vorliebe für europäische Themen und Melodien, eher
einem Georges Delerue und Maurice Jarre nahe, als weniger dem amerikanischen Filmscorebuch.
Häufig wird dem Filmmusikkomponisten vorgeworfen, dass er ein Vielschreiber ist, was in der Szene
der Filmmusikhörerschaft nicht so angesagt ist. Zumindest wird diese verbale Peitsche oft gezogen,
wenn man Reviews zu seinen Kompositionen liest. Mir ist das relativ egal, solange ein Musiker damit
beweist, dass Quantität Qualität sein kann.

Der halbe Grieche Desplat hat einen Hang zu Balkan-Instrumenten und osteuropäischen Tönen.
Häufig verwendet er das Cimbalom. Das Instrument hat seinen Ursprung in Ungarn und wird ähnlich
wie das Zymbal mit Klöppeln geschlagen. Hört man sich nun angefangen bei “Das Mädchen mit den
Perlenohrringen” (2003) hin zu “Isle of Dogs – Ataris Reise” (2018) die Mehrzahl seiner Scores an, gibt
es viele musikalische und thematische Überraschungen. Als eine kleine Anleitung zum Einordnen der
Meilensteine empfehle ich die Werke für “Der fantastische Mr. Fox” (2009), “The Ides of March”
(2011), “Moonrise Kingdom” (2012), “Monuments Men” (2014) und eben “Isle Of Dogs”, ebenfalls für
Wes Anderson aus dem letzten Jahr. Nur eine persönliche Empfehlung, ohne Anspruch, die mir aber
sehr gut geholfen hat, die Entwicklungsschritte von Alexandre Desplat zu verstehen.

Insbesondere faszinierte mich dabei die fast mathematisch nachvollziehbaren Schritte der
Filmmusiken zu den Wes Anderson Filmen zu “The Fantastic Mr. Fox” über “Moonrise Kingdom”, hin
zu “The Grand Budapest Hotel”. Aufmerksames Zuhören wird belohnt mit einer kleinen Exkursion zu
osteuropäischen Motiven und deren zum Teil komisch bis irrsinnige Weiterentwicklung zum
vorliegenden Stoff zu einer Art popkulturellen Underscoring, in dem Fall die Welt von Wes Anderson.
Aber hier hört die Welt des Alexandre Desplat nicht auf. Zu einem meiner Lieblingsscores hat sich die
großartige Kriegs-Partitur zu “The Monuments Men” entwickelt, bei der man vor Ehrfurcht erstarrt.
Die Erinnerung an das große alte Golden Age Kino keimt auf, als wir Märsche aus Filmen wie “The
Great Escape”, “Das dreckige Dutzend”, “Agenten sterben einsam”, “Die Brücke von Remagen” oder
“Paris Is Burning” von Maurice Jarre (womit wir wieder bei den Europäern sind) gehört haben, als
wenn es Punkrock wäre. Frech, energiegeladen, dynamisch, ironisch und überhaupt nicht mit
militärischen Ideen verbunden. Sondern mit der „Zackigkeit“ und „Lächerlichkeit“ des Marsches, der
aber doch so verlockend ist.

Die Musik von Alexandre Desplat spielt sich mühelos in den Universen der kleinen, feinfühligen und
scheinbar einfachen Partitur für kleinere europäische Filme ab, schwebt aber auch mühelos in der
Liga eines John Williams oder eines Jerry Goldsmith. Beleg dafür ist die Filmmusik zu den beiden
ersten Teilen der Harry Potter Reihe und der brachialen Wucht zu dem Godzilla Film (2014) von
Gareth Edwards mit all den doppelt besetzen Instrumenten des großen Orchesters.

Insbesondere bei den zuletzt genannten Filmen sollten Kritiker noch einmal genau hinhören um den
Desplat Touch zu entdecken und um nachvollziehen zu können, dass wir es hier eben nicht mit einem
weiteren musikalischen Antidot wie Hans Zimmer zu tun haben, sondern vielmehr einen Künstler
hören zu hören dürfen, der es versteht -auf der Suche nach einem eigenen Stil- bei so vielen
musikalisch möglichen Elementen, ein eigenes Tempo mit verschiedenen komplexen Kontrapunkten zu bewahren, ohne auf die regelmäßig und dann schnell langweilig werdenden üblichen
Wirkungsweisen der Filmmusik in Instrumentierung und Funktionalität vieler anderer zu setzen.
Diesem Dilemma waren eben auch die großen Komponisten Williams und Greenwood, Hans Zimmer
ausgesetzt, die für “Star Wars”, “Phantom Thread” und “Dunkirk” ewig gleichen Mustern folgend von
Desplats Musik zu “The Shape of Water” folgerichtig niedergerungen wurden.

Wissen Sie, ich habe in den vergangen Jahren wenig Filmmusik gehört. Es gab Zeiten, da habe ich
mich komplett verloren in diesem Genre. Aber Zeit und Muße hat mir gefehlt, um wieder so tief
einzusteigen, dass ich mich nicht nur mit der Emotion, sondern auch mit der Bedeutung der Wirkung
ohne und mit Film auseinandersetzen konnte. Alexandre Desplat war im letzten Jahr ein wirklich
großartiger Wiedereinstieg in diese Welt, da er mich auf eine Reise (etwas theatralisch)
mitgenommen hat. Denn um ehrlich zu sein, vieles hatte mich auch gelangweilt, da oftmals gleiche
Motive, Themen und Wirkungen in der Filmmusik verwendet wurden. Auch eine Frage des Geldes,
mit zeitgleicher Einschränkung der künstlerischen Möglichkeiten.

Seine Musik zu entdecken und auch mich dem zu widersetzen, was ich an Neid, Missgunst und
schnellem Abtun in Bezug auf den französischen Komponisten gehört und gelesen haben, hat mir viel
Freude bereitet. Kollege und Filmmusikkenner Rick Deckard ist ein großartig beschreibender Autor
über die Wirkung von Filmmusik. Lesen Sie einmal seine vielen Blogeinträge auf diesen Seiten zu
diversen Scores. Deckard hat nicht nur das feine Ohr für die Besonderheit der Partitur, sondern auch
eine rhetorisch sehr stark untermauerte Meinung zu den zentralen Themen der Filmmusik: Wirkung,
Eigenständigkeit und Manipulation.

Filmkomponisten sind immer auch zeitgenössische Komponisten, deren Kunst und Ansehen von allen
musikalischen Künsten am wenigsten gewürdigt werden. Schostakowitsch, Prokofiev haben
inzwischen einen hohen Status. Mikós Rózsa, Dimitri Tiomkin, Bernard Herrmann sind bereits fast
wieder vergessen, Elliott Goldenthal, Michael Nyman, James Horner oder Elmer Bernstein kennen
fast nur Gelehrte. Einzig und allein Ennio Morricone und John Williams erhalten in der Öffentlichkeit
eine geringe Anerkennung. Wobei die europäische Musikszene hier doch noch immer eher die Nase
rümpft und große Filmmusikkonzerte mit viel TamTam in O2- und Lanxess-Arenen vermarktet
werden, als dass sie dort stattfinden wo sie hingehören, nämlich in die Konzerthäuser und
Philharmonien dieses Landes.

Und man kann nur froh sein, dass es noch Produktionen wie die Filmmusik zu Guillermo del Toros
”The Shape of Water” (2018) gibt. Alexandre Desplat hat den Score mit dem London Symphony
Orchestra in den Londoner Abbey Road Studios eingespielt. Dabei ist auch etwas für Liebhaber von
zeitgenössischer Orchestermusik: Eine der wohl schönsten Kompositionen stellt der Titel “You’ll
never know” dar, den die bekannte Sopranistin Renée Fleming arrangiert und gesungen hat.
Vielleicht kann so der Transfer dieser unglaublichen schönen, tiefen und romantischen Musik in die
Konzerthäuser stattfinden.

Zugegebenerweise habe ich “The Shape of Water” von Guillermo del Toros noch nicht gesehen. Mir
war ehrlich gesagt die Geschichte bisher eine Spur zu klebrig. Sicherlich ist dieser Eindruck völlig
falsch. Musikalisch färbt Desplat hier offensichtlich eher Stimmungsbilder ein. Dabei hat er auch den
Mut weniger stringent seine Fähigkeit, ein große Orchester zu arrangieren und hat neben der Wahl
von Renée Fleming, auch eine gute Hand bei der Wahl der furiosen Jazzsängerin Madeleine Peyroux
bewiesen, die das schöne “La Javanaise” singt und sogar Klassiker von Andy Williams und dem
tatsächlich etwas abgehangenen Glenn Miller einsetzt.

Desplat wurde nun neun Mal für den Oscar nominiert, zwei Mal hat er ihn gewonnen. Oftmals wird
der Jury in Hollywood unterstellt, dass sie keine Ahnung hat und auch gewissen Mustern nachgeht.
Ich gehörte selbst zu diesen Kritikern, verabschiede mich aber auch davon, denn mit Alexandre Desplat glaube ich auch wieder an die Oscars. Denn hier wurde tatsächlich mal bewiesen, dass sich
Musik verändern und weiterentwickeln muss. “The Shape of Water” war eine mutige und innovative
Entscheidung. Der Oscar für “The Grand Budapest Hotel” sowieso.

Aus Paris, Athen und Hollywood
Alan Lomax

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