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HALDERN POP 2018 – I FEEL ENERGY

Veröffentlicht von Alan Lomax Rick Deckard Blog auf 15. August 2018, 13:57pm

Kategorien: #Populäre Musik, #Konzerte, #674.fm, #Haldern Pop, #Festivals, #Kettcar, #Seun Kuti, #Sleaford Mods, #Sampa The Great, #Festivalbericht

HALDERN POP 2018 – I FEEL ENERGYHALDERN POP 2018 – I FEEL ENERGYHALDERN POP 2018 – I FEEL ENERGY
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Es ist spät geworden und das Festival ist fast vorbei. Auf der Mainstage werden gleich die SLEAFORD MODS das HALDERN POP 2018 beenden. Zuvor haben KETTCAR bewiesen, dass sie eine große deutsche Band sind, die sehr weit weg vom Durchschnitt jeden erreichen können, der sich auf die Hamburger einlässt. Mit dem aktuellen Album Ich vs. wir hat die Band viele Fehler der Vergangenheit beseitigt und bestreitet mit dichtem Sound und Selbstsicherheit ein famoses Konzert. Und der Satz: „Humanismus ist nicht verhandelbar“ musste mal gesagt werden.

Danach herrscht vorerst die berühmte Kehrausstimmung die man von Dorffesten her kennt. Marcus Wiebusch texte einst die richtige Beschreibung dafür: „Am besten auf Schützenfest, reimt sich immer noch Karneval!“. Viele Besucher sind müde und betrunken. Aber nicht nur die Besucher. Einsam, torkelt JOE CASEY, der Sänger der am frühen Nachmittag grandios aufspielend Band PROTOMARTYR, vor der Bühne rum. Noch immer hat er seinen schlecht sitzenden schwarzen Anzug an. Noch immer hält er sich an einer Flasche Königs Pilsener fest, obwohl er bereits bei dem Auftritt einige davon vertilgt hat.

CASEY und seine Band kommen aus Detroit und machen krachigen, wütenden Postpunk. Sie singen von Ungerechtigkeit, fordern und predigen. Eine Band bei der man Polemik, schnell mit Wahrhaftigkeit verwechselt. Die sich aber den noch am Nachmittag von der Schönheit und dem Frieden des Festivals hinreißen lässt und sogar erwähnte, dass dies ein schöner Tag ist.

Eine halbe Stunde zuvor erklärte der immer sympathische REIMER BUSTORFF (Kettcar) etwas umständlich, wie er den Tag auf dem Festival verbracht hat. Wie dem auch sei…, der betrunkene Sänger Joe Casey sieht verzweifelt aus, aber auch irgendwie glücklich. Wie eigentlich alle Menschen auf dem Festival zu diesem Zeitpunkt. Dass sich in diese Reihe der gut gelaunten Menschen, dann auch noch der scheinbar ewig meckernde JASON WILLIAMSON einreiht, wirkt fast unglaubwürdig in dieser Nachbetrachtung. Auch sein Kompagnon ANREW ROBERT LINDSAY FEARN der meist schlecht gelaunt aussieht, wenn er hinter seinem Laptop steht, kommt aus dem Grinsen während des Auftritts als Teil des Duos SLEAFORD MODS nicht raus.

Und ja, die Leute vor der Bühne tanzen. Sie tanzen einfach drauf los und lassen sich von den Beats treiben. Alle genießen diesen Moment unabhängig davon, was und wer da gerade auf der Bühne steht. Und auch die sonst, sensibleren MODS aus Nottingham, deren gute Laune, auch mal schnell in echte Wut wechseln kann, kommen mit dieser Party am Ende des drei tägigen Festivals klar und feiern mit uns allen. Auffällig dabei ist, dass WILLIAMSON für seine Verhältnisse wenig schimpft und viel tanzt und uns immer wieder zeigt, wie viel Spaß auch sein Schwanz an dem ganzen hat.

DIE ZEIT hatte über die SLEAFORD MODS geschrieben, dass sie die Stimme ihrer Generation sind. Also Männer die (wie ich) zwischen 40 und 50 Jahre alt sind, überall Leben, nichts können, nichts wollen und nach Feierabend solange im Pub rumhängen wie es geht. WILLIAMSON spricht bzw. weckt „uns“ normaler Weise auf und erinnert uns an unsere eigene Verdummung. Es tut immer so gut, sie zu hören und zu sehen. Und man kann sagen, dass sie sich verbessert haben. Die Beats sind bei noch mehr Minimalisierung, abgestimmter mit einigen sehr, sehr guten Basslines versehen und bieten auf einmal kaum zu überbietende Dub-Pattern auf. Und die Songs sind schneller geworden. Tanzbarer! Es ist toll, dieses Konzert! Ein echt großartiger Moment in Haldern. JOE CASEY habe ich leider nicht mehr gesehen und für ARIEL PINK hatte ich keine Kraft mehr. Es war ein langer Tag, ein langes Wochenende…

Fast klassisch begann der Donnerstag mit einem herben Landregen, viel Planung der Konzerte und jeder Menge Alkohol. Erstaunlich, dass ich mein erstes Ziel die DIRTY PROJECTORS tatsächlich noch erleben konnte, ohne ähnlich wie JOE CASEY vor der Bühne aufzufallen. Aber dieses Licht, die Stimmung auf dem Reitplatz und die Erwartung haben mich schlagartig wieder nüchtern gemacht. So wie es jedes Jahr ist, wenn ich das Rund der Mainstage erstmalig betrete.

Es ist fabelhaft! Hier wurde Geschichte geschrieben. Denn im Prinzip ist dieser alte verstaubte Platz zwischen den Linden, einer der am besten gebookten Open-Air-Clubs der Welt. Von einem Festivalgelände zu sprechen, wäre absurd. Betritt man dieses Rund erstmals im Leben oder eben einmal im Jahr, steigen einem nicht nur die Nackenhaare vor Glück Richtung Himmel. Es ist zudem dieses Gefühl, wenn einfach alles klar ist und alles richtiggemacht wurde, von jedem der da gerade in diesem oft beschriebenen und gelobten Haldern Universum unterwegs ist.

DIRTY PROCETORS! Bier geholt und vor die Bühne. Meine Erwartungshaltung ist grenzenlos hoch. Und wird komplett bestätigt. Vielleicht könnte man die DIRTY PROJECTORS als die Band der Stunde bezeichnen. Das aktuelle und letzte Album sind nicht weniger als zwei sehr große Meisterwerke. Man kann die Musik schnell als typischen Break-Up-Temporären-Quatsch abtun. Nimmt man sich aber die Zeit, z.B. LITTLE BUBBLE von der Vorgänger Scheibe oder THATS A LIFESTYLE von der aktuellen Platte LAMP IT PROSE mehrfach zu hören, wird man wunderbare Strukturen entdecken, die heute in den wenigsten Popsongs zu hören sind. Teils kommen da unglaubliche STEELY DANeske Anleihen raus. Teils Harmonien wie ich seit BRIAN WILSON nicht mehr gehört habe. Und manchmal werden auch Erinnerungen an die TALKING HEADS wach. Ich bin sprachlos!

Bemerkenswert ist die scheinbar plausible Liveumsetzung der ja nicht ganz einfach zu spielenden Musik. Ich hatte befürchtet, dass da eine gewisse Ambition entsteht die der Qualität nicht standhalten kann, aber es kommt noch größer, fetter, empathischer. Gegen Ende des Sets spielen die New Yorker I FEEL ENERGY und KEEP YOUR NAME, welches tatsächlich an QUINCY JONES Produktionen um MICHAEL JACKSON erinnert. Es ist wirklich unglaublich was diese Band kann und wie sie das alles umsetzt. Von wegen ambitioniert?! Nicht umsonst schlägt sich die ganze Musikwelt von den CARTERS bis BJÖRK darum von der Band produziert oder geremixt zu werden. Samples aus den Songs der neun Alben der Band sind eh bereits in jedem zweiten Track der HIPHOP-Welt verankert. Der Frontmann Dave Longstreth strahlt, sieht zufrieden aus und irgendwie erinnert er mich an den jungen David Byrne.

Ich empfehle dringend allen Kritikern und Skeptikern und gleichzeitigen Liebhabern von Popmusik das Erkunden dieser Band, die nicht radikaler ist als viele andere, aber eben furchtloser und vielleicht eben besser und somit nachhaltiger bestehen werden als viele andere.

Das Line-Up des diesjährigen HALDERN POP wurde im Vorfeld wieder von vielen kritisiert. In allen Varianten. Ich, aber bleibe dabei, dass die Eigentümlichkeit des Bookings dieses Festival besonders in diesem Jahr in der Gesamtheit besonders gemacht hat. Bereits bei meiner Vorankündigung zum Festival, hatte ich die Probleme anderer Festivals genannt, überhaupt noch Headliner und Bands zu finden die das Publikum überraschend findet oder eben die Größe haben, so eine Bühne, wie sie auch in HALDERN steht, zu bespielen. Abgesehen von den ganzen anderen Locations des Festivals die man immer wieder in Frage stellen kann oder eben nicht, wenn man frühzeitig dort ist, einen guten Platz hat und die Band der Stunde auftritt.

So war es offensichtlich bei der Berliner Ausnahme-Band HOPE, bei dem amerikanischen HIP HOP Künstler ASTRONAUTALIS und der tollen alternativen Rockband ROLLING BLACKOUTS COASTAL FEVER, deren Konzerte ich aus diversen Gründen nur aus der Ferne betrachten konnte. Schade, aber die Nachrufe und Videos versprechen großes.

Wie eigen die Zusammenmengung von Festivalchef Stefan Reichmann wirklich ist, verrät der kurz beschriebene Freitag.

Die Mischung ist dann auch der Ausdruck der Vielfältigkeit und auf keinen Fall die Eigentümlichkeit der Beliebigkeit!

Ich beginne den Tag mit einem starken Kater und dem unendlichen Wunsch schlafen zu können. Nach ein paar lustigen Bemerkungen meiner Reisegruppe, einem Frühstücksrum und ein paar Bier, lacht der Tag und ich nenne mich ab sofort selbst JOE CASEY. Ich lache auf dem Weg zum Festivalgelände, hole mir ein Bier und stehe schon wieder vor der Mainstage. Neben mir vier englische Ladys, die aber die Ladys der Manchester Band THE SLOW READERS CLUB sind. Das Wetter ist großartig und die Band spielt hymnischen Breitbandpop und erinnern an viele andere bekannte Musikgruppen. Was aber völlig egal ist, denn die Briten sind gut und im Prinzip sind sie auch temporär eine Gegendarstellung der aktuellen Musik. Altmodisch, besser klassisch, vielleicht zeitwidrig. Ein tolles Konzert, tolle Ladys, beste Stimmung.

Alles klappt wunderbar und ich stehe rechtzeitig, bei meinem zweiten großen geplanten Ziel SAMPA THE GREAT um zehn vor Fünf in der ersten Reihe des Spiegelzelts. SAMPA THE GREAT eigentlich SAMPA TEMBO ist eine aus Botswana stammende und in Australien lebende HIPHOP Artistin die das Genre nicht neu erfindet, aber mit politischen Verortungen und einer sympathischen Bescheidenheit, ehr an Lauryn Hill  erinnert, die sie auch als Ihr Vorbild bezeichnet und covert. Band, Sound, der Flow von SAMPA und die Attitüde der Band sind phantastisch. Das Album BIRDS AND THE BEE9 ist eine fantastische globale Musikplatte und wurde nun bestätigt. Für mich eines der Highlights in diesem Jahr. Dankbar bin ich natürlich für die Möglichkeiten, solche Acts im kleinsten substantiellen Rahmen zu sehen.

Den wundervollen CURTIS HARDING konnte ich anschließend nur noch eine halbe Stunde bewundern, aber es fällt mir zunehmend schwerer, das eine Konzert so schnell wieder abzuschalten und mich auf ein Neues einzulassen. Was ich von dem Slop ‚n‘ Soul Künstler hörte war groß.

Volle Konzentration also, auch von der Kondition her, auf SEUN KUTI & EGYPT 80. Immer noch eine meine Platten des Jahres und vom Spektakel her bestimmt das Konzert des diesjährigen Festivals. Ich habe nicht durchgezählt aber > als 15 Musiker müssten es schon gewesen sein. Kuti ist großartig, energetisch, tief verwurzelt in seine Welt und die Band famos polyrhythmisch, so dass es mal wieder tanzen hieß.

Überhaupt ist es in diesem Jahr auffällig gewesen, wie häufig ich meine Hüften geschwungen habe, nach den vielen Jahren der jammernden und ehr traurigen Bands und viele Groschen suchende Blicke auf den Boden. Ich bin glücklich, eine Tanzmaschine voller Energie.

Bis jetzt war es immer so, dass ich wirklich erst ein paar Tage nach dem HALDERN Wochenende sagen kann, ob es wirklich besser war als….

…was aber auch daran liegt, dass ich nachdem ich wieder mal nüchtern bin, mein Magen mich wieder als Mensch gut findet und ich ausgeschlafen bin, den ganzen Wahnsinn vermisse oder froh bin zurück in der Realität zu sein. Dieses Jahr war eines der Jahre HALDERN, welches ich bereits am Montag vermisst habe und Realität gar nicht gut ist.

Tortzdem: Ein gutes Zeichen für die alte Lady und den alten Tanzbären. Danke HALDERN….

„Ich bin noch lange nicht zu alt für den Scheiß“

Alan Lomax

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