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Musik, Kino, Kultur, Radio


Die Blumen von gestern – Chris Kraus

Veröffentlicht von Alan Lomax Rick Deckard Blog auf 13. Juli 2017, 17:28pm

Kategorien: #fil

Die Blumen von gestern – Chris Kraus

Kürzlich habe ich in einem Filmbuch einen Satz über die Kunst der Filmkritik gelesen, der hängen geblieben ist und sinngemäß Folgendes aussagt: „Eine Filmgeschichte in Worten wiederzuerzählen und dann zu entscheiden, ob der Film gut oder schlecht ist, ohne zu versuchen den Geist der Gesichte zu verstehen und diesen in Einklang mit der künstlerischen Aussage des Filmes zu bringen, ist keine Filmkritik.“ 


Wir kleinen blog-Schreiber haben es da natürlich einfacher als ein professioneller Journalist und Filmkritiker, der für die großen Blätter oder Onliner schreibt. Denn erstens lesen das hier nicht so viele Menschen und die wenigsten Leser halten einen für jemanden, der eine begründete Ahnung hat. Der Vorteil liegt auf der Hand: man kann seine subjektive Sicht darstellen und gegen alle Konventionen der geordneten Filmkritik verstoßen. Wäre ich ein bezahlter, ernsthafter Filmkritiker, würde mich diese behäbige Art und Weise und die ja auch zum Teil niedrige Qualität der Texte sehr nerven. Berechtigung!? Nun, das muss sich jeder selbst beantworten.
Und dann gibt es ja noch einen wesentlichen Faktor der Freiheit. Blogger können schreiben, worüber sie wollen. Und somit gibt es Filme, die sich leicht besprechen lassen oder sogar euphorisch einfach oder es gibt Filme, die so miserabel sind, dass sie sich leicht zerfetzen lassen und man einfach mal wieder seine gescheiterte Psyche an den Start bringen kann.


Aber es gibt auch Filme, die man sieht und die es einem schwer machen! Schwer zu erklären, warum sie einen persönlich berührt haben oder schwer zu beschreiben, warum man sie gut fand, obwohl offensichtlich die ganze Kinowelt einen anderen Streifen gesehen hat, ihn anders verstanden hat.


Zuletzt ging mir das so mit MANCHESTER BY THE SEA oder mit diesem angeblichen Jazzmusikfilm über den Schlagzeuglehrer und seinen Schüler. Ich kenne den Titel, möchte aber mit der Nichtnennung meine Arroganz suggerieren. Auch sowas darf man machen, wenn man einen eigenen Blog hat, der ja auch eine gewisse persönliche Seite des Autors darstellt oder seine  – für andere Menschen eher nervig – eigene Meinung. Und das in Zeiten, wo die Kontroverse ungern thematisiert wird, insbesondere vor einer Menge von Leuten, bei der man sich doch lieber liberal, ruhig und lösungsorientiert verhält als emotional.


Vielleicht erinnern Sie sich noch an den letzten deutschen Film, der hier verrissen und trotzdem von der ganzen Welt abgefeiert wurde: TONI ERDMANN! Eine Filmkomödie, über die ich mich permanent geärgert hatte, weil sie den Zuschauern eine Welt von Charakteren zumutet, die nicht nur nicht interessant und lustig, sondern zudem extrem gestört und nervig sind. Und es ist in erster Linie das nicht plausible Verhalten der Hauptdarsteller, das die meisten Zuschauer offensichtlich lustig fanden und ich eben nicht! Merkwürdiger Weise war sich die deutsche Filmpresse aber weitestgehend einig.


Bei dem aktuellen Film DIE BLUMEN VON GESTERN verhält es sich ehrlich gesagt ähnlich. Und es stimmt sogar, wenn MATTHIAS DELL vom Spiegel, den Film als schwer, danebengegriffen bezeichnet. 
Und sind wir doch ehrlich! Eine Komödie funktioniert eben nur, wenn man schwer daneben greift. Somit gibt es bei diesem Genre auch den geringsten Konsens unter Zuschauern und Kennern. Weil eben Humor und Überzeichnung  jeder Mensch für sich selbst unterschiedlich wie kaum etwas anderes interpretiert.

 

Die Blumen von gestern – Chris Kraus

Nehmen wir doch z. B. mal zwei Grundlagen der filmischen Komödie und eine Testzielgruppe von ca. 50 Zuschauern, repräsentativ aus allen Bevölkerungsschichten und allen Milieus. Wir zeigen dieser Testgruppe, einen Ausschnitt aus Charlie Chaplins THE KID und aus W.C. Fields NEVER GIVE A SUCKER AN EVEN BREAK. Ich tippe, dass nicht mehr als 10 % über die Sequenz lachen können, wenn UNCLE BILL auf der offenen Aussichtsplattform (!) eines Flugzeugs sitzt, seine heiß geliebte Whiskyflasche runterfällt und er von der Aussichtsplattform hinterher springt. 90 % aber über den Tramp lachen werden und auch zu recht über einige der besten Slapstick Sequenzen der Filmgeschichte.


Genauso können Sie es mit weiteren Filmen erproben. Ich nenne noch ein Beispiel, damit die Logik zwischen den vergleichenden Filmen klar wird: DER ROSAROTE PANTHER (1963) und RAT RACE – DER NACKTE WAHNSINN (2001). Ich schätze ein Verhältnis von 25 % zu 75%. Oder EINS, ZWEI, DREI (1961) und GOOD BYE LENIN (2003). Ich schätze 20% zu 80%.


Und das ist noch nicht mal eine Beurteilung, sondern eine theoretische Vermutung meinerseits, eine These. Denn und da bin ich mal objektiv, ich kann über all diese Filme lachen. Mein Lieblingsgag überhaupt ist aber der mit FIELDS Whiskeyflasche. Ein total absurder Moment. Abgesehen davon, dass es wohl niemals eine Aussichtsplattform auf einem Flugzeug geben wird, ist das Verhalten von BILL ebenso krank, weil er einer banalen Flasche, sein Leben opfert. Ich finde so was lustig! Andere wohl überhaupt nicht. Die Gründe werde ich nun nicht aufführen.


Worauf will ich also hinaus? Einerseits auf die Schwierigkeit, einen Film als gut, lustig und gelungen zu beschreiben, vielleicht sogar als romantische Komödie, in dem es um einen völlig verhaltensgestörten Enkel eines SS-Mörders geht, der mit der Enkelin eines Holocaust-Opfer verkuppelt wird, die ebenso verhaltensgestört ist wie er. Holocaust, deutsche Vergangenheit, Juden und Humor von Deutschen sind noch immer der schmalste Grat, den man humoristisch gehen kann in diesem Land! Darüber zu schreiben, kann einen mit ins Verderben reißen, obwohl man natürlich überhaupt nicht mal ansatzweise Antisemit ist. Andererseits ist es ebenso schwer zu erklären, was denn lustig daran sein kann, wenn in diesem Film Sätze fallen wie: „Holocaust-Forscher mit Humor sind wie ein Popo ohne Loch!“.


In erster Linie würde man den Machern des Filmes wohl einen gewissen Mut zusprechen, da sie versuchen Grenzen zu überwinden und eine neue Seite des Buches, wie wir mit der Vergangenheit umgehen aufschlagen. Aber man könnte auch in zweiter Linie danach fragen, wie es überhaupt dazu gekommen ist, dass wir Deutschen unseren Humor verloren haben! Und wenn man mich fragt, ist die Antwort ebenso simpel wie irritierend:
 

Die Blumen von gestern – Chris Kraus

Mit den blöden Nazis haben wir auch unsere besten Humoristen verloren. Und zufälliger Weise, waren das alles jüdisch stämmige Filmemacher wie Billy Wilder, Ernst Lubitsch usw. Denken wir doch nur mal an die wohl beste Komödie über die Nazis von Lubitsch: „TO BE OR NOT TO BE“. Ein Meisterwerk sondergleichen. Jede Sequenz, jeder Dialog, ein magischer Volltreffer in das Lachvakuum eines guten Menschen! Obwohl er in grauenvoller Umgebung (Warschau), zu einer grauenvollen Zeit (1939) spielt. 


Spontan fällt mir auch der Film DIE NACHT DER GENERALE von Anatole Litvak ein, der sich statt mit Massenvernichtung und Faschismuskritik, mit einem Mordfall auseinandersetzt und kein Zeitbild, sondern nur Unterhaltungswert vermittelt. Der Film wurde bei der damaligen Kritik zerrissen, wie ein Blatt im Wind. Dabei ist der Film ein Meisterwerk! Mal ganz abgesehen davon, dass Filmnerds sich allein daran erfreuen können, dass der ermittelnde SS-Kommissar Major Grau, von OMAR SHARIF gespielt wird. Das muss ja eigentlich schon reichen, um zu verstehen…


Es wird trotzdem Kenner, Kritiker und Zuschauer geben, die das nicht als amüsant empfinden und sich lieber schockiert darüber zeigen, dass der ungeheuerliche Generalleutnant Tanz (Peter O’Toole, grandiose Schauspielerische Leistung!!!) mordend und auch natürlich schlimm ein ganzes Wohnviertel in Warschau auf übelste Weise vernichtet. Muss das also sein?


Bin ich ein schlechter Mensch, weil ich Litvaks Film als überdurchschnittlich gut bewerte? Bin ich ein heimlicher Alkoholiker, weil ich FIELDS für seinen Einsatz um die Flasche verehre? Das alles hat nix mit dem Film, meiner aufrichtigen politisch völlig einwandfreien liberalen Haltung und meiner Liebe zum Kino zu tun. Das alles hat damit etwas zu tun, dass man sich erstmal selbst erklären muss bevor man sich mit einer guten Geschichte über einen Holocaust-Forscher auseinandersetzt, der sich in seine Praktikantin verliebt und auch schon mal Sätze sagt wie: „Polen, dass ist das Land der Putzfrauen!“. Es ist eben erst dann richtig lustig, wenn es so einer sagt und nicht Max Mustermann aus der Kneipe nebenan.
 

Die Blumen von gestern – Chris Kraus

Noch schlimmer als Komödien zu drehen ist es also über diese zu schreiben! Und am allerschlimmsten wird es, wenn man erklären will/muss, warum etwas lustig ist und warum nicht! 


Nun den zweiten Teil „warum nicht“ kann ich mir in dem Fall dieses Filmes ersparen und für einen erneuten Verriss von TONI ERDMANN aufheben. Schlimm ist natürlich auch eine mögliche Aussage „Dann lass es doch“!. Schließlich will doch jeder mündige Bürger und Kinogänger, selbst entscheiden, was lustig und was nicht lustig ist. Und ob etwas gut oder nicht gut ist.


Nur, dafür gibt es eine Grundvoraussetzung! Man muss sich dem öffnen und versuchen sich darauf einzulassen. Natürlich soll und muss jeder Mensch selbst entscheiden, was er sich ansieht. Aber oftmals sind diese Entscheidungen einseitig und wenig vom Verstand geprägt, sondern häufig von der Vorliebe, also von der eigenen Logik. Es geht darum, auch mal in den Dissens zu gehen, um sich eine Meinung zu machen. Auch wenn das schwer fällt. Ich weiß wovon ich spreche!


Aber ich bin ein positiver und offener Mensch. Insbesondere der deutsche Film reizt mich immer wieder. Ich möchte gerne verstehen, warum so viele Streifen nicht funktionieren, die aus diesem Land kommen und häufig dann erfolgreich sind, wenn sie über Mund-zu-Mund-Propaganda groß gemacht wurden, aber dann häufig einfach nicht gut sind. Ich werde TONI ERDMANN müde und nehme mal ein Till Schweiger Beispiel: HONIG IM KOPF! Ein Film, dem man außer seiner Banalität und seinen Klischees nichts vorwerfen kann. Gut gemacht, sogar einige Male lustig. Ich verstehe das und habe ihn gerne zu Ende geguckt. Ich bin selbst von der Demenzkrankheit in meinem familiären Umfeld betroffen. Andere, die das auch erleben oder erlebt haben, werden mir bestätigen, dass diese fürchterliche Krankheit bei einem Menschen aber im Verlauf auch so komisch, liebenswürdig und durch geknallt sein kann, wie es Hallervorden dort darstellt. Jemand, der niemals etwas mit einem dementen Menschen zu tun gehabt hat, wird das abstoßend finden. 


Die rationale Entscheidung diesen Film nicht zu sehen, wäre also nachvollziehbar. Dennoch haben ihn alleine in Deutschland mehr Menschen gesehen, als in Europa in den letzten 50 Jahren daran gestorben sind. Also nicht an einem Schweiger-FIlm, sondern…Sie verstehen schon!


DIE BLUMEN VON GESTERN war kein Kassenerfolg. Auch war, wie bereits erwähnt, die Kritik nicht davon begeistert. Aber? Der Film ist kontrovers. Das ist schon mal gut! Ein Attribut, welches man den wenigsten deutschen Filmen zuordnen kann. Denn der Film versucht, uns die dritte Generation darzustellen, wie wir mit dem Thema Nationalsozialismus und Holocaust umgehen. Auch das ist gut in Zeiten, in denen das Thema schulisch, gesellschaftlich und immer noch verantwortungsschuldig in den Hintergrund tritt. 


Weiterhin: Kraus ist direkt, provoziert und versucht, die „offizielle Vergangenheitsbewältigungskultur“ (Die Zeit) in Frage zu stellen. Aber besonders gut ist das Timing des Filmes. Und das Timing einer Komödie ist der wesentlichste Bestandteil und wichtigste Baustein für eine sehr gute Komödie. Die Dialoge sind zum Teil bizarr, immer schneller gesagt als nachgedacht und letztendlich furios auf den Punkt gebracht.


Lars Eidinger und Adèle Haenel müssen alle deutschen Filmpreise der Welt gewinnen, denn ihre Darstellung ist komisch, witzig und immer überraschend und sehr körperlich zum Teil overacted, was aber durchaus Sinn macht.


Erinnern Sie sich an den Anfang meines Textes! Mir geht es bei der Besprechung dieses Filmes um eine Richtigstellung, denn er ist zu Unrecht im Vergleich zu vielen anderen deutschen Komödien zu schlecht und auffällig häufig zu wenig analytisch besprochen worden.


Natürlich ist der Film kein Meisterwerk und er hat auch viele dramaturgische Schwächen sowie Handlungsverläufe, die recht merkwürdig sind. Ich kann mir auch vorstellen, dass diese hektischen, lauten und überbordenden Charaktere dem ein oder anderen mächtig auf die Nerven gehen. Zudem ist das Thema kontrovers, weil man es von allen Seiten angreifen kann.


Ich bin der Meinung, dass man den Film schützen oder zumindest zum Diskurs stellen sollte, damit sich jeder eine eigene Meinung macht. Denn die ist es zu diesem Thema, zu dem Verhalten und in dem Kontext noch immer wert. Und ganz nebenbei: Wenn Chris Kraus in diesem Genre weiter machen sollte, noch etwas lernt und er die Chance bekommt, weiterhin frei zu agieren, haben wir es mit ihm tatsächlich mit einem ungeheuren komödiantischen Regisseur zu tun, der mehr als talentiert ist, weil er sein Handwerk versteht. 
Diesmal aus Polen
Alan Lomax

 

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