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ARRIVAL von Denis Villeneuve: Meisterwerk oder Ultra-Trash?

Veröffentlicht von Rick Deckard auf 20. April 2017, 21:30pm

Kategorien: #Filme

ARRIVAL von Denis Villeneuve: Meisterwerk oder Ultra-Trash?

Einen Tag nach der Betrachtung von ARRIVAL liegt ein grosser Zwiespalt vor und wie der Begriff es in sich trägt herrscht Uneinigkeit darüber, ob ich Zeuge eines Meisterwerks wurde oder ob der Film in der Kategorie "Ultra-Trash" abgelegt werden wird. Das sind durchaus extreme Pole und die (Film-)Welt ist nicht schwarz-weiß, sondern besteht aus verschiedenen Grautönen, aber Denis Villeneuve macht es einem nicht leicht, wahrlich nicht.

Science-Fiction ist ein extrem schweres Genre und der Grat zwischen Gelingen und Misslingen ist sehr schmal. Alan Lomax und mit ihm fast alle Kritiker auf der Welt sind sich einig darüber, dass Villeneuve einen grossartigen, neuartigen, wenn nicht gar wegweisenden Film gedreht hat. Sie mögen recht haben, ich sehe es (in wahrsten Sinne des Wortes) anders.​​

ARRIVAL hat folgendes auf seiner "Haben" Seite:

Villeneuve ist ein Meister der dramatischen Inszenierung, das steht ausser Frage. Der Film ist in einigen Sequenzen brillant, gar atemberaubend inszeniert. Ich habe mich selbst immer wieder dabei ertappt, wie ich sprichwörtlich die Luft angehalten habe. Schnitt, Kameraführung, Beleuchtung und das Tempo zieren die Handschrift eines Könners, eines Künstlers, der nicht nur über eine Begabung verfügt, sondern diese höchst innovativ umzusetzen weiß. Davon zeugte auch einer der besten Thriller aller Zeiten: SICARIO.

Regisseur und Drehbuchautor Eric Heisserer gehen einen zentralen Punkt mit viel Faszination und Innovation an: Wenn Ausserirdische auf unserem Planeten landen, wie werden wir uns dann mit ihnen verständigen (können)? Zeitgleich wird diese Frage der gelingenden oder misslingen Kommunikation damit verknüpft, was das Ergebnis einer solchen Kommunikation sein könnte? Hier schlägt "Science" voll zu Buche, denn die Antwort auf diese Fragen wird filmisch verblüffend beantwortet und ist zeitgleich das bestechende Element von ARRIVAL:

Was ist Zeit?

Christopher Nolan beschäftige sich genau mit diesem Thema in seinem Meisterwerk INTERSTELLAR und näherte sich mit dem zur Zeit verfügbaren Wissen. Villeneuve beantwortet die Frage, in dem er Wissen mit Fiktion verknüpft und die Antwort ist so neuartig und so überraschend, dass einem die Luft weg bleibt. Grandios!

Als ich den Film sah, kam mir einer der grössten Philosophen in den Sinn, den ich nicht nur sehr bewundere, sondern der sich meines Erachtens mit einem der wichtigsten Themen der Menschheit beschäftigte: Sprache. Ich kann nur empfehlen sich mit diesem brillanten Denker zu beschäftigen. Von ihm stammt einer der bedeutendsten Sätze aller Zeiten:

"Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt."

Über diesen Satz kann man nicht nur lange nachdenken, sondern er erfasst in der Gänze die Kernproblematik von ARRIVAL. In dieser Beziehung ist dem Regisseur und seinem Drehbuchautor filmisch wahrlich grosses gelungen.

ARRIVAL hat folgendes auf seiner "Nicht-Haben" Seite:

Die Handlung ist murks, wenn nicht Quatsch. Die Erzählung ist durchsetzt von Ungereimtheiten und logischen Fehlern, dass einem die Haare zu Berge stehen. Der grösste Fehler liegt darin, und das ist zeitgleich die grösste Schwäche des Films, dass das Kernelement der Sprache und der Kommunikation gekoppelt ist mit dem Schicksal der Protagonistin. Ob hier zugunsten des Mainstream nachgegeben wurde, oder ob die Buchvorlage es so gefordert hat, kann ich nicht ersehen. Aber die Erkenntnis, die die Wissenschaftlerin aus den Kontakt mit den Aliens gewinnt ist bar jeglicher Vernunft und Nachvollziehbarkeit. Purer Unsinn.

Geschickt entziehen sich der Regisseur und der Autor jeglicher Erklärungen, denn die Kernfrage wird im Film nicht beantwortet, vordergründig ja, aber nicht nachhaltig: Woher kommen die Aliens, wer sind sie, was wollen sie und wenn Amy Adams keine flashbacks sondern flashforwards hat, warum können dann die Außerirdischen nicht die Zukunft in 3000 Jahren voraussehen und ihr eigenes Schicksal und das der Menschen gleich jetzt ändern? Das ist zu billig und verantwortungslos.

Genau aus diesem Grund ist 2001 von Kubrick von so zeitlos genialer Qualität.

Krakenwesen, die Tinte in die Gegend sprühen und "Abott & Costello" genannt werden ... das ist wirklich Schund allererster Güte. Warum können die beiden Komiker nicht erkennen, dass Sprengstoff vor ihnen deponiert wurde und wenn sie es erkennen, warum warnen und retten sie die beiden Wissenschaftler so kurz vor Schluss? Chinesen und Russen werden als militant dargestellt und alle anderen Völker frönen dem Pazifismus? Ganz peinlich wird es, wenn unterschwellig suggeriert wird, dass wir Menschen in allem Fremden eine Bedrohung sehen und es lieber heute als gestern vernichten würden. Nun habe ich wahrlich kein philanthropisches Menschenbild, aber ich kann mir kaum vorstellen, dass Menschen so dumm sein werden, wenn Aliens auf unserer Erde landen.

Fazit:

Denis Villeneuve hat sich übernommen. Dieses Genre ist wirklich nur etwas für Visionäre. Ansätze sind bei ARRIVAL zu erkennen und fürwahr ist der Kanadier brillant, wenn es um die dramatische und packende Inszenierung geht, aber er sollte bei seinen Leisten bleiben und sich langsam entwickeln. Sprünge von einem Genre zum anderen bedürfen schon einer ganz grossen Meisterschaft und die besitzt Villeneuve definitiv (noch) nicht.

Daher stimme ich meinem Kompagnon in seiner Besprechung in einem einzigen Punkt zu und er hat das wohlweisslich an das Ende seiner Besprechung gestellt, klug und filmisch bewandert wie er ist:

Auch ich habe sehr grosse Bedenken, ob es die richtige Entscheidung war eine Fortsetzung von BLADE RUNNER zu drehen ... , denn dieser Film ist kein Film, sondern ein Kunstwerk.

Ich hoffe aber, dass Villeneuve mich vom Gegenteil überzeugen wird.

Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Aus einem Überraschungsei,

Rick Deckard

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