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Musik, Kino, Kultur, Radio


Jóhann Jóhannsson

Veröffentlicht von Alan Lomax Rick Deckard Blog auf 10. Januar 2017, 18:59pm

Kategorien: #Orchestrale Musik

Jóhann Jóhannsson

Wer Musik sammelt, sucht und entdeckt, kennt dieses Gefühl das sich bei einem einstellt, wenn man einen besonderen Künstler entdeckt hat. Seltsam ist es meist, wie sich die kleinen Wahrnehmungspartikel langsam zu einer Intensität zusammensetzen. Die erste Musik des Isländischen Komponisten Jóhann Jóhannsson habe ich dem Film PRISONERS von Denis Villeneuve gehört. Eigentlich hatte ich bereits genug damit zu tun, meine grundsätzliche Faszination für diesen Film in Schranken zu weisen. Abgesehen von seiner tiefen Dramatik und der Spannung hat mich sofort die einzigartige, düstere, quälende melancholische Stimmung in den Bann gezogen. Natürlich trägt dazu erstmal Villeneuves Kinogenie bei. Beim nochmaligen Hinsehen, fällt aber auf, das für diese traurige Laune, insbesondere die minimalistische Orchestermusik dazu beiträgt den Film wie eine todesangstschleifende Drohne wirken zu lassen.

Hohe Geigen, niedrige Cellos, Chöre und eine merkwürdige an eine Harmonika erinnerndes Instrument bestimmen das Leitthema. Beim späteren Hören des Scores, ohne Film, fällt sofort das edle und zugleich liturgische „Vaterunser“ auf. Dann später bei dem Titel THE KEEPER mit seinen Posaunen und Cellos und bei dem in das Hauptthema überführte END-Titel ist es endgültig um mich geschehen: Ebenso wie Filmmusikkenner Rick Deckard neige ich ehr zur Melodie, aber in diesem Fall tragen mich diese elendigen, dissonanten und auf eine zerreißende Art des Elends, schnurrenden Töne, in eine neue musikalische Welt. 

Mit herkömmlicher Filmmusikkomposition hat das nichts zu tun. Aber gleichzeitig verstrickt sich Jóhannsson’s Score auch nicht in unendlich langweilige Soundteppiche oder avantgardistische Strukturen, sondern hinterlässt einen erstmal fassungslos, dann gekoppelt mit der Textur des Filmes doch wieder moderat, weil es der Komposition und dem Arrangements gelingt, die intensive und schwierige Gefühlswelt der Filmcharaktere besser zu verstehen oder zumindest besser annehmen zu können. 

 

Monate später sitze ich im Kino und sehe den neuen Denis Villeneuve Film THE ARRIVAL. Zwischenzeitlich habe ich noch seinen ausgezeichnete Film SICARIO (2015) gesehen und auch Jóhannsson’s Score dazu gehört. Allerdings ehrlicher Weise wieder weggelegt, weil es an Zeit gemangelt hat, mich damit auseinander zusetzen. Dennoch ich war vorbereitet! Um beider Männer Genie war es mir also inzwischen bewusst und sie wissen es selbst: Steht man davor, eine persönliche Ikonisierung vorzunehmen, was ja auch durchaus einen monetären Aspekt hat, will man Bestätigung. Das ist bei der kaufbaren Kunst nicht anders als bei dem Vertrieb von anderen Konsumgütern. 

Die sogenannte kognitive Dissonanz, die in mir (und bei anderen auch) eine Diskrepanz zwischen dem erwarteten und tatsächlichen Nutzen des Produktes verursacht wird. Das Nachkaufverhalten von SICARIO hat meine „Dissonanz“ also erstmal reduziert, aber nach den neuen Informationen zu THE ARRIVAL wurden die positiven Aspekte um den Isländer, aber auch um den grandiosen Regisseur Villeneuve erneut reduziert. 

Bereits bei der ersten Kamerafahrt in THE ARRIVAL durch den Vorgartenähnelnden Wald, die im Haus der Linguistin Dr. Louise Banks (Amy Adams) endet, lässt einen der erneut brachiale Klang –bis hier her würde ich nicht von Musik sprechen– des Isländers, ein zartes Gemüt, wie mich,  devot in den Kinosessel versinken. Vielleicht erinnert sich der ein oder andere an John Williams Musik zu Steven Spielbers Jurrasic Park. Wer den Streifen damals in einem guten Kino gesehen hat, wird THE RAPTOR ATTACK niemals vergessen. Die Wucht des Orchesters, die Tieftöne, die nicht mehr durchs Ohr, sondern durch den Körper wahrgenommen wurden und zeitgleich für immer in den Knochen geblieben sind, hatten da noch etwas mit Orchestrierung zu tun. Bei Jóhannsson muss man von einer anderen noch kompletteren körperlichen Wirkung sprechen. Der Komponist nutzt dafür analogen Bandmaschinen, die er quasi permanent übereinander spielt. Nicht unbedingt zu vergleichen mit einem Loop, sondern ehr mit einer Sound-On-Sound-Aufnahme. Quälende Schleifen, lassen in dem schönen Haus der Professorin das schlimmste vermuten. Dabei ist das Haus am See das Refugium, der Rückzugsort. Verstörend, dass Villeneuve und Jóhannsson die gleiche Kamerafahrt und die gleiche Soundwelt in der Muschel, sprich dem Ufo, bei der ersten Begegnung mit den Aliens,  erneut aufnehmen. Die ständigen Drum-Pattern sind minimalisch elektronisch und halten die Spannung, passen zeitgleich zu dem schicken und ja auch irgendwie nordischen Design des Filmes. Interessant ist die Verwendung der Percussioninstrumente, die das Thema Holz aufnehmen und sich ungeniert, wie damals die tiefen Basstöne von Williams, ins menschliche Gesäß drechseln. 

Wenn man sich das Werk dann losgelassen vom Film anhört, könnte man von einer transzendentalen Erfahrung sprechen, die durchaus eine Spirituelle Bedeutung hat und haben soll. 

 

Kurz bevor THE ARRIVAL ins Kino kam, hat Jóhannsson mit ORPÉE sein Debut bei der Deutschen Grammophon gegeben. Bereits im Februar darf er sein Werk in der gerade eröffneten Elbphilharmonie in Hamburg präsentieren. Das Konzert ist ausverkauft. Es wird wahrscheinlich ein fest der zeitgenössischen Klassischen Musik werden. Denn das ist es was der Isländer macht. 

Durchaus kammermusikalisch entworfene Musik, die ehr auf die hypnotische Kraft des Sounds setzt, als auf eine gereifte Komposition. Dabei ist es aber so, dass die Entdeckung des Musikers, durch keine weitere Aufreihung, auch die eines nordischen Klangkünstlers ist, der vielleicht auch mal nebenbei in einem Ambientclub auflegt, sondern wir es mit einem Komponistengenie zu tun haben, der ehr ins große Konzerthaus gehört um seine Schöpfungen zu präsentieren, als in einen Club, da Jóhannsson immer ein Ziel und ein Kontext verfolgt, eine Geschichte erzählt, aber nicht den Moment ohne Bild erklären will. 

Verzeihen und hinterfragen muss man bei diesem Komponisten nichts. Zu stark scheint seine Aura zu sein, zu groß und vielfältig ist inzwischen sein gesamt Werk und zu emotional ist der Eindruck des Schreibers dieser Zeilen. 

Eine sehr spannende zeitraubende und codierte Entdeckung!

Zum Ende diesmal ein Anspieltipp auf der soeben erschienen Platte ORPHÉE von Jóhann Jóhannsson: ORPHIC HYMN!!! …denn Unterschied (welchen Unterschied!?) werden sie feststellen…

Alan Lomax

 

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