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Musik, Kino, Kultur, Radio


VINYL – Terence Winter / Martin Scorsese / Mick Jagger

Veröffentlicht von Alan Lomax Rick Deckard Blog auf 14. November 2016, 18:05pm

Kategorien: #Fernsehen

VINYL – Terence Winter / Martin Scorsese / Mick Jagger

 

Rockgeschichte(n) und fiktionaler Film ist/sind von jeher ein schwieriges Thema. Vielleicht gibt es eine Handvoll Filme, die sich authentische, unterhaltsam und künstlerisch mit dem Thema auseinandersetzen und funktionieren.

Besonders schwer wird es, wenn echte Rockstars in den Streifen auftauchen oder der Film das Leben eines Ikonen thematisiert. Bei den Blockbustern WALK THE LINE oder RAY gelang das halbwegs. Bei guten Filmen über das Genre wie z. B. CBGB von Randall Miller ist das ehr niedlich oder wie bei dem besten Film über Rockmusik überhaupt ALMOST FAMOS sind kurz Auftritte der Pseudo Bowies oder Bob Dylans unwichtige Staffage, weil der Film mit seinen Figuren überragt.

Ikonen wie Bowie, Reed, Joey Ramone, Andy Warhol, Ian Curtis… sind einfach noch zu präsent in unseren Köpfen und zu tief in unseren Herzen verwurzelt, als das wir eine Darstellung erlauben oder objektiv hinnehmen würden.

VINYL spielt im New Yorker Musik-Business der 1970er Jahre. Im Mittelpunkt steht der Chef des fiktiven Plattenlabel American Century Records, der im Prinzip eine weitere charakterliche und selbstzweifelnde Adaption der beiden bekannten Serienhelden Don Draper (Mad Men) und Tony Soprano (Sopranos) ist. 

Richie Finestra heißt die zentrale Figur im Umfeld des Rockbusiness zu einer Zeit als das Business das erste Mal vor einem Wechsel stand und sich Leitende Angestellte Gedanken über das Change Mangement machen mussten, obwohl sonst nur Drogen, Party und Spaß ohne Betriebswirtschaft auf der Meetingagenda stand. Denn die alten Rockstars und Bands werden dem Musikpublikum und –käufern langweilig. Auch der gesellschaftliche Umbruch fordert einen Wechsel vom Glamrock hin zu neuen Sounds und mehr Rebellion. Die Meltingpoints New York und Berlin geben den Ton an. Die ersten Punkbands klopfen an die Tür. Bowie lässt Ziggy Stardust sterben und mit Disco kommt ein lukrativer, erst kommerzieller, dann künstlerisch wichtiger nächster Schritt auf die Schreibtische der Entscheidungen der A&R-Manager der Welt. Eine spannende Zeit.

Und natürlich waren Scorsese und Mick Jagger damals dabei, stehen somit nicht nur für die historisch echte Erinnerung, sondern sind auch künstlerisch und monetär in der Lage diese alten Momente umzusetzen. Das gelingt z. B. grandios als Finestra mit seiner Devon und zwei Freunden Warhols Factory besuchen und Velvet Underground spielen. Und entweder war es der zur melancholie neigende Drehbuchautor Winter oder der schon mal sehr flekmatische Produzent Scorsese der die brachiale Idee hatte, dass die beiden Hauptfiguren es auf dem Klo treiben, ihre Eheprobleme unter starken Drogeneinfluss und den Klängen von Run Run Run vergessen, später dann aus dem Rausch aufwachen und neben sich im hinreißenden Sonnenschein während einer Cabriofahrt durch blumenbewachsende Felder, Karen Carpenter sitzen sehen, während sie das wundervolle Yesterday Once More singt. Diese Sequenz bestätigt noch einmal die großen Möglichkeiten einer solchen Serie, wie man sie seit den Sopranos und Mad Men nicht mehr gesehen hat. Die Zeit bleibt stehen, im Nacken stellen sich die kleinen Haare auf und die Tränen liegen auf der unteren Wimper. Furios! Musik zu kompilieren macht ergibt wieder einen Sinn.

Dieses Niveau aufrecht zu erhalten gelingt den drei Showrunnern leider nicht kontinuierlich und man merkt der ganzen Staffel die erzählerische Gradlinigkeit der Zerrissenheit zwischen Jagger, Winter und Scorsese an. Ein Grund weshalb es auch keine zweite Staffel geben wird. Vielleicht ist das aber gar nicht so schlimm. Denn sieht man isch die 10 Folgen direkt hintereinander an, funktioniert der Transfer ein wenig und man fühlt sich in einem sehr guten Scorses Film, obwohl Schnitt und Dramaturgie natürlich für das TV-Format ausgelegt sind. Aber Vinyl ist zu aufmerksamkeitstark, zu bunt, ausgestattet mit Devotionalien das jedem Sammler einer abgeht und hat letztendlich auch einen solch bemerkenswerten Soundtrack, dass es tatsächlich gilt, diesen durchzuhören um bleidende Entdeckungen zu machen.

Star der Serie ist der Schauspieler Bobby Cannavale der bereits in der Serie Boardwalk Empire (ebenfalls Scorsese und Winter) für nachhaltigen Eindruck sorgte. Der Schauspieler fliegt quasi durch den Film und nutzt dabei seine unglaubliche Präsenz und Ausstrahlung. Er stattet, den innerlich zerrissen Charakter Finestra, dabei mit allen Facetten der Dramatik aus und punktet mit allen spielbaren Elementen die es gibt. Eine meisterhafte Performance und festgebucht für kommende Filme über das organisierte Verbrechen in New York.

Als Musikfan ist meine Meinung und Perspektive auf die Serie subjektiver und deutlich euphorischer. Denn es ist gar nicht das dargestellte Wissen von Scorsese und Mick Jagger über die Zeit und deren Patina oder Terence Winter wunderschöne Art und Weise Geschichten zu erzählen. Vinly präsentiert sich zu dem als Liebhaberei für Musikinteressierte. Die Schallplattenreihen in den Büros, die wunderschönen alten Stereoanlagen und Instrumente, die Liebe zum Detail bei Auftritten, Proben, Studiosessions und der letztendlich stattfindende Transformationsprozess der Story im Einklang mit der Musikentwicklung vom leicht behäbigen Rock zu spannenden neuen alternativen ist schlicht weg  euphorisierend und ansteckend.

An der Stelle könnte man natürlich nun überlegen wie eine zweite und dritte Staffel aussehen könnte. Natürlich klopft am Ende der ersten und letzten Staffel der Mythos CBGBs an die Tür. Parallel könnte die Handlung zu den Unruhen des Blackouts in New York von 1977 hinführen, mit allen zusammenhängenden gesellschaftlichen und politischen Entwicklung, bis hin zu den Rassenproblematiken und der Entwicklung HipHop Musik, bis später die Serie unter der Last des Dialogen krepiert und alte Recordmänner wie Finestra und Zak Yankovich (Ray Romano) wirklich am System scheitern. Herr Scorses ich würde den Job von T.W. übernehmen. Sogar ohne Honrar (ist ja der Zeit modern) und nur für den Ruhm!

Hätte wenn aber, Ponyhof und Kettensäge! Alles eine Frage der Betrachtung! Nehmen Sie es so, wie es hier geschrieben steht, ausnahmsweise einmal als sehr gute Unterhaltung. 

Aus dem Presswerk

Alan Lomax

P.S.: Natürlich lebt diese Serie von der Musik und der Soundtrack ist wirklich bemerkenswert. Eben auch weil er durchdringen ist von echten und gecoverten Songs von interessanter Dimension. So verscuht sich z. B. Julian Casablancas an Lou Reed und wir lernen James Jagger (!) als Sänger der durchaus interessanten, aber fiktiven Pre-Punk-Band Nasty Bits kennen. 

Absoluter musikalischer Höhepunkt und vielleicht sogar die beste Disco bzw. Tanznummer der letzten 30 Jahre ist der Song KILL THE LIGHT von Alex Newell & DJ Cassidy (with Nile Rodgers) der für die Serie produziert wurde und ähnliche Versuche von Pharell Williams und Daft Punk echt als aussehen lassen (und das sage ich als großer Verehrer von Williams und Daft Punk), weil der Song groovt wie die Wildsau, Authentisch ist und alles bei einem auslöst, nur nicht dass man beim zuhören irgendwie bewegungslos bleibt. Bitte, biite hören sie diese Nummer so laut es geht.

"Und wenn nichts weiter überbleibt, als ein Song fürs Leben, hat sich das alles gelohnt". Alan Schlomax

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Rick Schdeckard 11/15/2016 11:08

Exzellente Nummer. Habe mich schon gewundert, wo Ihr Beitrag zu dieser Serie bleibt. Scorsese ist ja fast schon Pflicht. Gerade heute habe ich auf der Zugfahrt einen Artikel im rollenden Stein über das Studio 54 gelesen. Richie Finestra? Sagenhaft, was für Namen sich die Autoren immer ausdenken! Ich hatte kurz überlegt mir die Staffel 'reinzudreschen, allein wegen Martin Scorsese, aber sie kennen ja meine Meinung zum Serienwerk ... .

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