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Musik, Kino, Kultur, Radio


RECTIFY von Ray McKinnon und DEATH ROW von Werner Herzog

Veröffentlicht von Alan Lomax Rick Deckard Blog auf 22. November 2016, 16:35pm

Kategorien: #Fernsehen

RECTIFY von Ray McKinnon  und DEATH ROW von Werner Herzog

Laut einer Statistik der Initiative gegen die Todesstrafe war es 18. Hinrichtung im Jahr 2016 in den USA. In Texas gab es sieben Hinrichtungen, in Missouri, Alabama und Florida je eine. Der Wert ist zwar der niedrigste seit 1991, aber auch die Todesstrafe ist Wahlsieger. Drei Bundesstaaten stimmten weiterhin für die Todesstrafe. Und es ist nicht nur Trump der daran festhalten will, es wäre auch Clinton gewesen. Der einzige Punkt, wo sich beide einig waren.

Einig ist sich auch das Publikum was die Dramaserie RECTIFY angeht. Sie wird vom Massenpublikum bisher abgelehnt. Ebenso wie American Crime (Staffel 1+2) oder The Americans, bleibt es weiterhin schwierig, sperrige Themen in den Mainstream bzw. in die Prime Time zu bringen. 

Das Phänomen ergibt sich nicht nur in Amerika, sondern auch bei den deutschen Streaming Diensten. Trash-, Comedy- und Krimiserien sind einfacher zu verdauen. 

Wer will sich in seinem Feierabend schon mit Daniel Holden (Aden Young) beschäftigen der aus dem Gefängnis entlassen wurde, wo er 19 Jahre seines Lebens verbracht und aufgrund einer angeblich von ihm begangenen Vergewaltigung in der Todeszelle sterben soll. 

 

 

RECTIFY von Ray McKinnon  und DEATH ROW von Werner Herzog

Zuletzt hat sich der deutsche Filmemacher Werner Herzog dem Thema, bewundernswert ruhig und urteilsfrei, genähert. In seiner Doku-Serie „Death Row“ hat er fünf Häftlinge besucht, die auf ihre Hinrichtung warten. „Ich bin gegen die Todesstrafe, aber das bedeutet nicht, dass ich Sie mag!“, sagt Herzog in einem der ersten Gespräche mit einem Inhaftierten. 

Ebenso verhält es sich im Spiel bei Rectify. Die Frage ob Daniel Holden schuldig oder unschuldig ist stellt sich im Prinzip gar nicht, wenn man es versteht die Serie richtig zu sehen, sondern man wird förmlich dazu aufgefordert, erst einmal die Umstände und das gescheiterte Leben der Verurteilten, des Verurteilten, aber auch deren Angehörige, Familien und das Umfeld zu verstehen. 

Dokumentarfilm und Serie gelingt es übrigens dabei nicht allzu bedrückend und deprimierend zu sein, sondern von einer menschlichen Basis ausgehend, dass Thema Todesstrafe zu behandeln, soweit das überhaupt möglich ist.

Rectify beeindruckt dabei mit einer glanzvollen ruhigen, fließenden und aber dennoch ultra-spannenden Erzählung und grandiosen Schauspielern, allen voran Aden Young. Man könnte von einer Idealbesetzung sprechen, den seine Physiognomie kann gleichzeitig sympathisch lächeln, aber auch höllisch gefährlich aussehen. Wenn er z. B. zufällig ein Kind im Bus anlächelt, könnte man als Zuschauer in Schockstarre verfallen. Den Zustand der Seele so durch Gesichtszüge zu vermitteln ist sagenhaft.

Natürlich treffen wir in der Kleinstadt in der Holden mit seiner Familie lebt auf die typischen stereotypischen Rednecks und Wutbürger. Aber auch auf die verständnisvolle Seite der Bevölkerung die es durchaus gibt und versteht, dass die Todesstrafe nicht nur ein politisches Problem ist. 

Rectify hat famose Momente und ist bedingungslos zu empfehlen. Es wäre schade, wenn diese Serie über das Leben, nicht über den Tod, in den Serverfarmen der Streamingdienste verschwindet. Man sollte ihr eine Chance geben, sie empfehlen, verbreiten und über sie diskutieren. 

Werner Herzogs Dokumentation ist dabei durchaus als Begleitmaterial zu verstehen, aber natürlich nicht so geplant gewesen. Aber es passt, beide Serien gibt es auf NETFLIX zu sehen. Und beide stellen Fragen, ohne Frage zu stellen. Teilweise sogar humorvoll, niemals verurteilend oder dämonisierend zu einem Thema, welches wir permanent auf der Agenda haben sollten und nicht verdrängen dürfen. 

Showrunner Ray McKinnon sollte man, wenn man sich für das zeitgenössische Kino interessiert übrigens auf dem Schirm haben. Bisher wird er nur einigen Nerds etwas sagen, aber schon bald wird man sich um ihn streiten. 

Und es kann nicht unerwähnt bleiben, dass RECTIFY mit der wohl besten und interessantesten Filmmusik ausgestattet ist. Gabriel Mann nutzt die stilvolle und ruhige Erzählweise von McKinnon gekonnt mit einer minimalistischen Orchestrierung, die aber eminent vor sich hin wabert. Es ist schön, dass das Bewusstsein und die Formatierung der Musik für eine Erzählung sich hier mal wieder in den Vordergrund, drängt. Mann’s Einfälle insbesondere bei der Verwendung des Cellos sind furios und absolut erwähnenswert für kommende Oscar bzw. Grammy-Verleihungen. Selten so etwas stimmig und kunstvolles im oftmals unmusikalischen Serienalltag gehört...

Aus Paulie, Georgia

Alan Lomax

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