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Musik, Kino, Kultur, Radio


Sleepers – Barry Levinson

Veröffentlicht von Alan Lomax Rick Deckard Blog auf 12. Oktober 2016, 17:11pm

Kategorien: #Filme

Sleepers – Barry Levinson

Bei der Vielzahl der Filme die ich mir zurzeit „rein‘ dresche“ (Rick Deckard) gilt es nach wie vor auch darum, festzustellen, was einen großen Film unter einem sehr großen Film stehen lässt und warum ein sehr, sehr großer Film, eben so groß ist. „Groß“, liebe Nicht-Kinoliebhaber, steht hier stellvertretend für „unvergesslich“, „zeitlos“, „meisterhaft“ oder „der beste …. aller Zeiten“.

Natürlich kann es im Sinne von „groß“ nur ein paar Streifen geben. Womit sich bei uns Kinoliebhaber auch automatisch ein Wettrennen einstellt, welches man persönlich mit der Leinwand führt. Und auf der ewigen Suche ist.

Es gibt Filme die einen vor vielen Jahren regelrecht umgehauen haben. Etwas später aber, ihre Größe nicht bestätigen konnten, da man die erneute Sichtung aus einer anderen persönlichen Perspektive sieht oder der Film -in sich- nicht im Gleichgeweicht von Detail und Gänze steht.

Insbesondere viele Filme der 1980ziger und 1990ziger Jahre fallen derzeit bei mir durchs Raster des großen Wurfs, weil sie dem Anspruch eines zeitlosen Meisterwerks, einem Film den man auch noch in 100 Jahren seine gesamte Kunst zutraut, nicht standhalten.

Man selbst, als Cineast, entwickelt sich ja auch täglich weiter. Ständig lernt das Gehirn, Herz und die Seele hinzu. Jeder Film den man sieht ist eine weitere Schulstunde. Jeden Gedanken den man zu dem Gesehen hat, wird selbst hinterfragt und aus einer mehr und minder gelernten Weisheit bestätigt oder eben vergessen.

„Vergessen“ ist ein Wort, dass wir Film- und Kinoliebhaber gar nicht mögen! Denn per se sind wir Romantiker, Bewahrer und Renaissance Menschen. Wir ärgern uns über die Dummheit der Menschen, wenn Sie z. B. nicht einen einzigen Martin Scorsese Film nennen können oder gar Alfred Hitchcock mit Mel Brooks verwechseln. Gleichsam editieren wir aber auch. Oder sammeln und archivieren, tauschen uns aus.

Nichts würden wir aus der Hand geben, von dem Erlebten im Kinosaal, wenn es dunkel wird, der Vorhang sich öffnet und endlich die Studiologos erscheinen, damit wir uns mindestens 90 Minuten aus der realen Welt weg Beamen können.

…und dann? Wir bleiben sitzen! Wir lesen die Credits, wir hören die Musik, ärgern uns über die Ignoranz der Frühaufsteher, möchten eigentlich nicht zurück, brauchen länger um aufzuwachen. Große Sequenzen werden abgespeichert, extreme Geschichten und Augenblicke sind bereits für immer im eigenen Körper manifestiert. Und von da an lässt sich nichts mehr ändern. Außer eben, dass man 20 Jahre später, anders über das gesamt Kunstwerk des Filmes nachdenkt und die ein oder andere Einzelsequenz nicht mehr ausreichend ist um dem Film ein „groß“ zu bescheinigen.

Einer der wenigen Filme, um mal ein Beispiel zu nennen, ist „The Shawshank Redemption“ (1994) von Frank Darabont. Es ist egal, wie häufig man dieses Drama sieht, er bleibt, dreht sich permanent in Kopf und Herz und wird besser und besser...

Sleepers – Barry Levinson

1996 bringt der amerikanische Filmregisseur Barry Levinson den Film SLEEPERS mit Top-Besetzung in Cast & Crew raus. De Niro, Hoffman, Kevin Bacon, Brad Pitt, Kamera Michael Ballhaus, Musik John Williams.

Im ersten Teil des Filmes lernen wir die vier Protagonisten als Jugendliche kennen, die Mitten in New York aufwachsen, während sich außerhalb von „Hell’s Kitchen“ -im Jahr 1968- die Welt verändert. Ein spontaner Streich bringt sie für ein Jahr in ein Erziehungsheim, wo sie auf Sean Nokes (Bacon) und seine Gefängniswächterkollegen treffen, die den vier Jungs fortab das Leben zur Hölle machen.

Obwohl uns Levinson die schlimmen Ereignisse die im Keller des „Wilkinson Home for Boys“ nicht zeigt, ist der Mittelteil des Filmes schlicht weg unerträglich. Kameramann Ballhaus und der Regisseur entscheiden sich für die sogenannte suggestive Kamera. Vereinfacht gesagt: …wir Zuschauer bekommen nur einen Eindruck von den Vergewaltigungen und Folterungen die sich dort abspielen. Fragmentierte Momentaufnahmen, die das Ganze nicht erträglicher machen, sondern das Geschehene noch schlimmer machen im Auge/Bauch des Betrachters. Ein gelungener Schachzug der Filmemacher.

Cut! Wir befinden uns im Jahr 1984. Zwei, der Jungens, sind inzwischen Profikiller geworden. Zufällig treffen sie ihren Peiniger Nokes in einem Restaurant und richten ihn hin. Der letzte Teil des Filmes handelt von dem Gerichtsprozess, den die beiden anderen Freunde des Quartetts zu manipulieren wissen, um ihre Freunde frei zusprechen und an den restlichen Wärter ebenso Rache zu nehmen.

Die epische, detaillierte Erzählstruktur wird von der Off-Erzähler-Stimme zusammengehalten. Die rückblickende Erzählweise erinnert sehr an Scorsese, was man dem Film aber nicht vorhalten darf. Denn der Streifen nimmt seine Berechtigung aus den, gut gewählten visuellen Kunstgriffen und wird die Zeit überdauern. Und es gibt ein paar Sequenzen, neben den genannten „Tunnelsequenzen“ die wirklich unvergesslich bleiben. Nicht zuletzt sind diese aber Ballhaus zu verdanken, der sich für jedes Kapitel und somit den unterschiedlichen Epochen ein unterschiedliches visuelles Konzept überlegt hat, welches wohl in jeder Filmhochschule thematisiert wird und natürlich John Williams Musik, der hier einen seiner distanziertesten, aber dennoch eindrücklichsten Scores geschrieben hat.

Und dann gibt es Sequenzen wie diese:

Ein wichtiger Begleiter der Jungs in der Geschichte ist Pater Bobby, gespielt von Robert De Niro. Lorenzo (Jason Patric) der der Erzähler ist und als Erwachsener maßgeblich den Plot ausarbeitet, findet in dem Pater nicht nur einen Freund, sondern benötigt den Kirchenmann auch, um den entscheidenden Meineid zu leisten. Um ihn zu überreden, muss er ihm die Wahrheit erzählen und sich in einem Gespräch der Vergangenheit stellen. Wieder erspart uns Levinson die Details. Und ernerspart uns einen Monolog des nicht ganz so guten Schauspielers Jason Patric. Denn die Kamera zeigt uns in einer totalen Einstellung nur das Gesicht von Bobby De Niro. Anfänglich hören wir noch Wortfragmente, die aber mehr und mehr in dem Score von Williams vermischen. Die Kamera hält weiterhin auf das Konterfei von De Niro. Es ist eine absolut erstaunliche und unvergleichliche Sequenz und ein Beispiel für die unendliche Schauspielkunst von De Niro, der die ganze erlebte Schrecklichkeit, die Hoffnung auf die Erlösung der Jungs, den Glauben an Gott, den Zweifel an der Menschlichkeit, Wut und Trauer in einem unbewegten Gesicht darstellt. Es ist ein magischer Moment, der in die Kinogeschichte eingehen muss.

Die moralische Frage und das etwas schwächere letzte Kapitel des Filmes sind nicht maßgeblich. Denn SLEEPERS ist ein Film der durchweg überqualitativ ist und dessen ersten 75 Minuten stärker sind als sein zweiter Teil. In unserer Erwartungshaltung muss sich ein Film aber bis zum Ende, bis zum Showdown steigern. SLEEPERS tut das aus fast dogmatischen Gründen nicht und Levinson gelingt somit eine seltsame neue Ökonomie.

„Ach, das ist doch der Film mit den Jungs die dann im Gefängnis vergewaltigt werden“, sagt der Volksmund. Ich sage: „…das ist der Film, der das Motiv „Rache“ versucht neu zu erzählen, dabei überhaupt nicht scheitert und durch seine fast ehrfürchtige Kopie einer Scoreses Geschichte, ein solider, aufrichtiger und sehr großer Film geworden ist.

Fat Mancho aka. Alan Lomax

 

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