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Musik, Kino, Kultur, Radio


Melanie De Biasio – Haldern Kirche – Haldern Pop Festival 2016

Veröffentlicht von Alan Lomax Rick Deckard Blog auf 16. August 2016, 17:45pm

Kategorien: #Konzerte

Foto by Alan Lomax Foundation

Foto by Alan Lomax Foundation

Es ist Freitagnachmittag bei der 33.Ausgabe des Haldern Pop Festivals. Die ersten 24 h hat es permanent geregnet. Der Campingplatz, das Festivalgelände, die Menschen sind verschlammt! Das erste Mal scheint die Sonne, durch die denkmalgeschützten Kirchenfenster der Pfarrkirche St. Georg. Bei dem Publikum das auf den Auftritt der Sängerin Mélanie De Biasio wartet ist eine gewisse Konzentration zu spüren. Es ist natürlich einerseits die andächtige Atmosphäre die die neugotische Pseudobasilika aus Backstein ausstrahlt, aber auch die Spannung auf den Auftritt der Belgierin mit ihrem Trio, dem großes vorhergesagt wird.

Ihr drittes Album BLACKENED CITITES ist in diesem Jahr in Deutschland erschienen. Erste Schubladen und Vergleiche Sängerinnen wurden gesucht und bereits gefunden. Häufig wird Nina Simone genannt oder Billie Holiday. Sie selbst ruft als Einflüsse lieber Maria Callas und eine Wesensverwandtschaft zu Mark Hollis auf. Die beiden vorherigen Alben sind rar. Auftritte in Deutschland ebenso. Man kann also, wenn man so will –unbefleckt- in diese Welt eintauchen.

Ein kurzes Klatschen. Ein Bassist, ein Keyborder/Gitarrist und ein Pianist betreten die Bühne. Dann kommt Mélanie De Biasio auf die Bühne. Recht zierlich, in der einen Hand eine Querflöte auf dem Kopf einen Flapperturban, wie ihn selbstbewusste Frauen der 1920ziger Jahren trugen. Wie ich finde eine schöne Alliteration von Frau De Biasio, der natürlich auch ein betonter Verweis auf einen Typus von Frau herstellt, dieJazz hört und sich selbstbewusst über Regeln hinwegsetzt.

Die erneut einsetzende Stille ist überwältigend. Die Sängerin beginnt die nun folgende ca. 40 Minuten lange Privatmesse mit perkussiven Atemgeräuschen und verschiedenen kurzen Ansätzen um in ihre Welt einzutauchen, die Atmosphäre aufzunehmen, vielleicht die besten Klangeigenschaften des Raumes auszuprobieren. 

Vergleiche, Schubladen zu anderen Sängerinnen? Das ständige gegenüberhalten von Beurteilungen nervt! Dennoch;…Melanie De Biasio ist weitestgehend unbekannt und jemand der das hier liest, benötigt eine Veranschaulichung, ein Bild. Ich könnte auch von Metrum und Konsonanz der Musik des Quartetts sprechen, da es insbesondere der Grundschlag und das angenehme Zusammenspiel der leisen Töne sind, die faszinieren. Aber das erst kürzlich von mir erfasste Bild aus dem Film „What Happened, Miss Simone?“ geht mir nicht aus dem Kopf. Dabei ist es insbesondere das Attribut „radikal“, welches ich verbinden möchte, denn die Verzweiflung und innere Zerrissenheit der Jazz- und Soullegende Nina Sinome kann ich an diesem Nachmittag bei der Belgierin nicht sehen. Dafür ist die De Biasio einfach zu glücklich über ihren epochalen Auftritt. 

Nach den ersten drei Songs und dem gelungen Versuch sich ein eigenes Mantra zu schaffen, bestätigt sie bereits meine Ahnung und covert Nina Simones „I’m Gonna Leave You“ ausgehend von einer merkwürdigen sitzenden, wippenden Haltung. Der Gleichschlag des nicht vorhandenen, aber durch ihr Atemgeräusche unterlegten Beats, entwickelt sich zu so viel Kraft und Vielschichtigkeit, dass sie auch ohne der körperlichen Steigerung auskommt um das Publikum und den Raum vollends einzunehmen.

Und niemand denkt in diesem Augenblick an das Ende der mental fertigen Nina Simone, der so eindrücklich beim Montreux Jazz Festival gefilmt wurde. Sondern feiert eine junge Frau deren Dämonen, nur die Ignoranten sein können, die bei diesem musikalischen Manifest von „düster Jazz“ sprechen.

Ab und zu hört man nach den Stücken, während des Klatschens ein gehauchtes „Mein Gott“ oder „das kann nicht wahr sein“ oder ein schlichtes aufmerkendes „Alter!“. Die Faszination und die Aufmerksamkeit der Zuhörer ist groß. Was auch an dem metrischen und intuitiven Gespür der Band liegt, aber auch an der Fähigkeit des Publikums zuzuhören.

Aber vornehmlich sehen wir eine überglückliche Mélanie De Biasio, die sich immer wieder den Bauch reibt, um damit auszudrücken, dass sie das alles fühlt, was hier gerade passiert und einmal sogar vor Freude aufspringt, was sie zusätzlich sympathisch macht.

Und wir haben eine Sängerin gehört die es an der Schwelle der Stille schafft auf das wundervollste zu singen, ohne dabei  die Dynamiken zu nutzen, die von herkömmlichen R’n’B Diven genutzt werden, sondern bis zum „al niente“, bis zum Nichts geht.

Ist sie in den ganz großen Momenten des kurzen Auftritts dort angekommen, rattert, zumindest in meinem Musikkopf ein leiser, nicht erklärbarer und hörbarer  4/4 Takt weiter. Hobalala! Sehnsucht!

Das Mélanie De Biasio Konzert an diesem Freitagnachmittag auf dem 33. Haldern Pop  gehört zu den eindringlichsten und ergreifendsten musikalischen Höhepunkten der Festivalgeschichte überhaupt. Vielleicht kann man sogar von einem pophistorisch wichtigen Moment sprechen, in diesen Zeit, wo sich die Darbietung der Musik und der Wunsch des Zuschauers wieder etwas mehr zu merken, zu begreifen und aufzunehmen, wieder mal verändert. Und zwar hoffentlich in die Richtung die uns die famose Sängerin mit ihrer Musik mitgegeben hat: Unabhängig welcher Gattung und Harmonik und Vergleichbarkeit.

In diesem Jahr habe ich meine persönlichen Highlights des Haldern Pop Festivals ins Vorfeld, der zusammengefassten Berichterstattung gestellt, da das Konzert von GEWALT im Tonstudio Keusgen und von MELANIE DE BIASIO in der Halderner Kirche von außergewöhnlicher Bedeutung für mich waren.

Alan Lomax

 

Einen Tag vorher zusammen mit Damien Rice auf der Mainstage

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