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www.lomax-deckard.de

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Musik, Kino, Kultur, Radio


Gewalt - Tonstudio Keusgen - Haldern Pop Festival 2016

Veröffentlicht von Alan Lomax Rick Deckard Blog auf 15. August 2016, 18:53pm

Kategorien: #Konzerte

Photos by Alan Lomax Foundation
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Ab und zu muss man mal eine Band featuren. Und zwar immer dann, wenn die Zeit gekommen ist, dass eben diese eine Band, eine außerordentliche Bedeutung und Charakteristik übernimmt/übernehmen wird. 

Außerdem verliert das Feature immer mehr an Bedeutung, da Musikinteressierte nur noch den schnellen Informationsfick haben möchten und sich nicht mehr auf die Anschauung und Abstraktion einlassen möchten. Geschichten sterben somit aus, Mythen sind für Tüten und die Bedeutung für überhaupt irgendeine Form von Journalismus stirbt.

Im Anschluß zu diesem Eintrag können Sie meine Nachlese zum diesjährigen Haldern Pop-Festival lesen. Da die Band Gewalt die Anspannung größerer Kräfte beim Zuschauer fordert, anderseits keine Rockstarträume hat, trotzdem um eine Bedeutung kämpft, muss sich Zeit, für eine Schilderung genommen werden.

Auf dem neuen Family 5 Album „Was zählt“ mahnt der große alte Mann der Mahnung Peter Hein mit folgenden Worten:

»Von den guten Zeiten / Wird gern viel erzählt. / Viele tun so / Als hätten sie es erlebt / Als wüssten sie genau / Woran es gerade fehlt. / Als hätten sie der Zukunft Hebel umgelegt.«

 

Wir stehen mit unseren verschlammten Stiefeln und Schuhen vor einem schmucken Einfamilienhaus in dem ein Tonstudio untergebracht ist. Das Tonstudio Keusgen in Haldern liegt direkt an der Zeltwiese des Festivalgeländes. 

 

Ein 360 Grad Blick verrät folgendes: Ein Bauernhof, 5 Dixie Klos, 3 Kühe, ein Bierstand, Zelte aller Sorte, entspannte Menschen in der Nachmittagssonne und vor mir eine Menschenschlange von ca. 80 Leuten. Vor mir stehen zwei Mädchen mit dem Anspruch auf Coolness. Auf die zurecht arrogante Aussage meines Blut- und Musikkumpels Ewing, dass in dieser Schlange sowie so nur Menschen stehen dürften die Ahnung haben, reagieren sie ausweichend. Aber wie soll man Menschen in Gummistiefeln mit ungekämmten Haar auch einschätzen. Wir sind in dem Moment alle gleich.

 

Die Nebentür des Einfamilienhaus wird geöffnet. Und zwar von zwei uniformierten Securitymännern. Diese sind natürlich nicht der Band geschuldet, sondern dem grundsätzlich erhöhten Sicherheitsaspekt des Festivals. Wir gehen vorbei an zwei Hasen aus Terrakotta, einem Briefkasten in dem die Familie Keusgen ihre Post bekommt und latschen über eine Türmatte auf der freundlich „Herzlich Willkommen“ steht. Im Vorraum des Studios hängen zwei Aquarelle im zarten hellrosa und blau, außerdem sind weitere Terrakottafiguren zu sehen. Sehr bürgerlich, ich möchte meine Schuhe ausziehen, damit ich nichts dreckig mache. 

 

Im Aufnahmeraum des Studios ist es dunkel. Das große Beobachtungsfenster zum eigentlichen Studio ist innerhalb von Sekunden beschlagen. Später wird eine Zuschauerin GEWALT in das Kondenswasser schreiben. Noch etwas später wird ein weiterer Spaßvogel, seine Hand darunter stempeln, diese runterziehen, umso die Hilflosigkeit eines scheinbar Flüchtenden unter dem Bandnamen darzustellen. 

 

Im Aufnahmeraum sind inzwischen ca. 80 Menschen. Die Hitze und die Luft ist unerträglich. Kaum einer spricht. Es entsteht eine merkwürdige Atmosphäre, die auch kurzweilig von einem Herren laut mit wie im Phantasialand, beschrieben wird. Damit meint er den Moment, wenn man in eine dieser neumodischen Karussell-Attraktionen kommt und nicht weiß, was einen erwarten. 

 

Einen Backstagebereich gibt es nicht. Patrik Wagner muss kurz durchs Publikum laufen um seine Gitarre zum Stimmen zu holen. Seine Bemerkung, dass es noch nicht voll genug ist, kommt bei den schwitzenden, an Sardinen in Dosen liegenden, zwar stehenden Zuschauern, nicht an.

 

Der Tonmann macht das Intro an. Es dauert fast 10 Minuten und besteht aus einer Bassdrum mit einem Grundschlag. Bumm-BummBumm - Bumm-BummBumm - Bumm-BummBumm… 

 

Kurz vor der körperlichen Unerträglichkeit, betreten Patrik Wagner, Yelka Wehmeier und Helen Henfling die nicht sichtbar Bühne. Wir sehen nichts und hören alles. 

 

Der folgende 30 Minuten lange Auftritt wird aus folgendem Grund legendär:

 

Meine Musiksozialisierung begann Anfang der 1980ziger Jahre. Die unterschiedlichen Einflüsse und Gründe dafür, können Sie schon bald in einem Buch nachlesen. Der wichtige Aspekt und Einfluß Punk darf dabei nicht fehlen. Ich könnte ausholen, würde mich aber auf Hilsbergs Label ZickZack und der einfach halt wegen auf das selbsterlebte und wahrgenommene in Hannover (No Fun Records, Kornstraße und Chaostage), sowie der Düsseldorfer Szene um den Ratinger Hof beziehen wollen.

 

Um diese halbe Stunde fassen zu können und einen Satz sagen zu dürfen, dass das legendär war, sollte man sich weiterhin mit deutschen Bands aus den 1990ziger Jahren aus Hamburg beschäftigt haben und sich eine gesunde Portion Wut ansammeln lassen haben, von dem was in Deutschland danach gekommen ist. Wiederum mit einige Band aus Hamburg, Berlin, ohne Namen zu nennen.

 

Außerdem sollten zwei Personen als Vorbilder präsent sein: Peter Hein und letztendlich Gabi Delgado-López (DAF); beide, wenn man soll will, als Väter der Legendenbildung von Gewalt dienen können und sollten, weil es ja nicht schlimm ist, sondern ehr einer netten grundsätzlichen Haltung entspricht.

 

Denn, auch wenn GEWALT keinen Rockstaranspruch haben, sie haben einen und der ist es Aufmerksamkeit zu schaffen. Und zwar Aufmerksamkeit für alles was sich nicht richtig anfühlt.

 

Die treibenden aus EBM Zeiten bekannten Beats, der tanzbare Bass und die energetischen Gitarren sind nix Neues, erfüllen aber ihren wunderbaren Zweck und bringen auch ehr unbewusste Zuhörer zum Tanzen. 

 

Und dann steht da zwischen den beiden Damen Patrick G.a.G Wagner. Leider muss er sich hier dem Peter Hein aussetzen. Ob es Peter Hein oder Patrick Wagner nun gefällt. Es soll dergleichen aber auch keine Schublade sein, denn natürlich gibt es diese nicht. Aber es gibt Ähnlichkeiten. Z. B. der leichte Dialekt, der bei Hein ehr rheinisch geprägt ist und bei Wagner so was pfälzisches hat. Beide sind ohne Frage, Männer die etwas zu sagen haben und die ich persönlich wichtig finde, weil sie sich damit beschäftigen, Menschen mit Gedankenanstößen zu beschäftigen. Und zwar so, dass die Wahrheit manchmal so ergreifend wahr ist, dass ein einzelner Satz (wie bei Hein) zum schmerzlichen temporären intellektuellen Tod führen kann oder eine Geschichte (wie bei Wagner) zu einer tatsächlichen „Schönheit der Radikalität“ (Die Zeit) führen kann.

 

Besser oder schlechter, als….! Egal! Bei Gewalt macht es aber zu dem Spaß, da sich die Songs tatsächlich nach modernen Songwriting anhören. Wagner nutzt die Sprache als Rhythmus der Kompostionen. Sind es dann nur einzelnen appellierte Wörter, winden sich die Gitarren akkurat in die Struktur. Ist es die Geschichte aus der Ich-Perspektive wie bei „Obdachlos“ (ich hoffe die Nummer heißt tatsächlich so?), so windet sich die steigernde Dramatik und Emotion der Story in die letzte Hirnwinde und lässt einen zum Schluß mit den gesteigerten Gitarren, kreischen vor Wut und Ungerechtigkeit.

 

Wir verlassen den inzwischen auf 50 Grad aufgeheizten Raum! Meine Begleitung Ewing und ich sind wortlos. Unverständlich und bis wir wieder „zurück sind“ sehen wir die Freude der Menschen auf dem sonnendurchfluteten Campingplatz, kommentieren die unüberlegte Aussage „Das war nichts!“ eines anderen Zuschauers mit einem übermüdeten, wissenden Lächeln und sprechen dann auf dem Weg zu unserem Zelt kurz über unsere Leidenschaft, über DAF, über Blumfeld, über Fehlfarben und Peter Hein und darüber wie man Erfolg definiert, über die Platte auf die wir seit langem warten und die noch nicht mal produziert ist und darüber was passieren wird, wenn diese Platte und Band an Bedeutung gewinnen wird. Und darüber wie einer wie Patrick Wagner damit umgehen wird und darüber, wie lange es dann dauern wird, dass endlich wieder einer vorbei kommt und uns den Kopf aufräumt, um unsere Gedanken, Ansprüche, unsere Wut und unsere Ängste neu ein zu Pegeln.

 

Aber noch ist es nicht so weit. Erst müssen wir diese Band noch featuren und supporten. In unserem Rahmen werden wir das tun, eben weil wir an so was glauben und es uns wichtig ist.

 

Neben dem Auftritt der Berliner Band GEWALT, wird das Konzert der unglaublichen Melanie De Biasio in die Historie des Festivals gehen. Beide Konzerte fanden abseits des Festivals und leider ohne Aufzeichnung des WDRs statt. Beide Konzerte müssen aber aufgrund ihrer Relevanz zur Zeit und Popmusik im Einzelnen erklärt werden. Somit folgt auf diesen Beitrag ein Bericht der belgischen Sängerin in der Kirche in den nächsten Tagen und dann eine Zusammenfassung der weiteren Highlights in Folge.

 

Alan Lomax

 

 

Kommentiere diesen Post

Michael Takatsch 08/20/2016 00:09

Hallo, habe gerade eine Gänsehaut beim Lesen gekriegt. Ein riesengroßer Surrogat-Fan.

Alan Lomax Rick Deckard Blog 08/20/2016 12:28

Danke für den Kommentar!

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