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Spotlight - Tom Mc Carthy

Veröffentlicht von Alan Lomax Rick Deckard Blog auf 17. Juli 2016, 11:06am

Kategorien: #Filme

Spotlight - Tom Mc Carthy

Wiedermal Boston! Die Handlung setzt im Jahr 2001 ein! Wir lernen das Spotlight-Team der Tageszeitung Boston Globe kennen. Walter Robinson (Michael Keaton), Mike Rezendes (Mark Ruffalo), Matt Carroll (Brian d’Arcy James) und Sacha Pfeiffer (Rachel McAdams) sind ein für investigative Story gegründetes Redaktionsteam. Vom neuen Chefredakteur (Liev Schreiber) bekommt das Team die Aufgabe Nachforschung zum Kindesmissbrauch eines katholischen Priesters anzustellen.

 

Schnell stellt sich heraus, dass es sich nicht um einen Einzelfall handelt, sondern um ein ganzes System von Geheimhaltung und Schweigen. 

 

Skeptisch reflektierte Kollege Rick Deckard im Mai diesen Jahres einen unserer ewigen gemeinsamen Lieblingsfilme „Die Unbestechlichen“ von Alan J. Pakula und resultierte am Ende seines Blog-Eintrags, dass „solche“ Filme (Spotlight hatte er zu diesem Zeitpunkt noch nicht gesehen) zu schnell verpuffen, weil sie nach dem schöden Mammon gieren und Sensationslust generieren wollen statt Qualität. http://www.lomax-deckard.de/2016/05/die-unbestechlichen-alan-j-pakula.html

 

Womit er ja recht hat! Denn offensichtlich trauen die Studios den Zuschauern nicht mehr zu, sich eine eigene Meinung zu bilden und einem feinen, ruhigen Handlungsverlauf zu folgen, der ohne Action, Witz und spektakulären Bildern auskommt. 

 

Und daher ist es umso erstaunlicher das es „Spotlight“ überhaupt gibt. Denn der Oscar prämierte Streifen ist im besten Sinne ein Schauspielerfilm, der das aussterbende Handwerk des Journalisten zeigt und ganz nebenbei ein erstzunehmendes Thema behandelt, welches von der Journalistenseite gezeigt wird und es so schafft ein eigenes, weniger emotionales, wütend machendes Profil zuzeigen, welches vielleicht emotional verklärt, sondern ehr an die Intelligenz des denkenden Menschen appelliert, um gegen eine solche Macht wie es die katholische Kirche nun mal ist, vorzugehen. 

 

Gleichzeitig ist dieser Punkt, das eigentliche erzählerische Wunder, welches Regisseur McCarthy hier vollbringt: Sich auf die Essenz der Geschichte zu konzentrieren und sich nicht von der gewählten Perspektive zu entfernen. Filmliebhaber mit einem Hand zum Modernen, werden diesem Motiv, Purismus und cineastisches Alter vorwerfen, ich jedoch finde, dass es eben die geschlossene, ruhige und essentielle Erzählstruktur ist, die diesen Streifen zu einem gesellschaftlich, politisch und künstlerisch wertvollen Film des Kinos macht, der sich ab sofort hinter Pakula’s Masterpiece einreihen lässt.

 

Tom McCarthy’s SPOTLIGHT ist ein bodenständiger, klassischer Film. Mit dem ewig in schlechtes Wetter getauchten Boston (McCarthy kennt sich in dieser Stadt, seit der TV-Serie THE WIRE bestens aus) hat er eine ebenso grandiose Wahl getroffen, wie mit seinem Ensemble. Und hier muss man wirklich alle nennen: Stanley Tucci hatte ich noch vergessen! 

 

Widerspruch muss nicht immer Programm sein! Denn wenn die Kirche zum Wegschauen ermahnt, ermahne ich zum Hinschauen! Dieser Film sprengt Ketten, überwindet Genres, gibt einen den Glauben ans Kino zurück und hinterlässt einen doch ärgerlich und aufmerksamer und nicht NUR wütend!

 

„Wenn es, wie man sagt, ein ganzes Dorf braucht, um ein Kind großzuziehen, dann braucht es genauso ein Dorf, um es zu missbrauchen.“ Stanley Tucci, Anwalt der Opfer

 

Alan Lomax

 

 

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Rick Deckard 07/17/2016 22:07

Danke für die Kommentierung. Verstehe.

Schwierige Frage:

Klagt man an :

- Einen einzelnen?
- Eine Institution?
- Das System (mit der Ideologie)?

Der von uns hoch geachtete Regisseur Michael Hanke sagte im Zusammenhang mit seinem Film "Das weiße Band": Wenn eine Idee zur Ideologie wird, dann wird es gefährlich!".

Man sollte (siehe aktuelle weltpolitische Lage) nicht alle und alles unter Generalverdacht stellen, das halte ich für sehr gefährlich.

In der Kirche wird es vermutlich noch Menschen geben, die "gutes" denken und tun.

Es gilt anzuklagen "den Einzelnen" und v.a. "die anderen", die still schweigen und nichts tun, denn dadurch heissen sie das, was getan wurde, als "richtig".

Bezüglich: "Open Your Mind!"

“The trouble with having an open mind, of course, is that people will insist on coming along and trying to put things in it.”
TERRY PRATCHETT

;-D

Werde mir den Film ansehen! Danke für den "Tipp"!

Alan Lomax Rick Deckard Blog 07/17/2016 23:44

Kleiner Nachtrag: OYM bezog sich auf das Thema Film im Allgemeinen Unding Zusammenhang mit Skepsis!

Alan Lomax 07/17/2016 16:52

Guten Nachmittag!
Natürlich hätte ich gedacht, dass Ihre Frage eindeutig von mir dargestellt wurde! Aber! Genau dafür ist die Kommentarfunktion ja da: ...um noch einmal nachzufragen. Denn! Wir sind keine professionellen Autoren und ich halte mich auch nicht dafür...

Natürlich bin ich emotional bewegt, denn das Thema der Kindesmisshandlung ist abscheulich und verachtenswert. Insbesondere bei menschlichen Motiven die ich nicht nachvollziehen kann und die zudem im Rahmen einer für so viele Menschen wichtigen Organisation wie der Kirche verlogen ausgenutzt wird von Priestern die ein pathologisch psychisch krankes Verhalten an die Schwächsten an den Tag legen, werde ich eigentlich emotional Wütend.

Aber das ist genau ist die Kunst von Mc Carthy (ich bezeichnete es als erzählerisches Wunder in dem Text), denn er vermeidet es weder zu schwülstig zu werden, typisches (auch das schrieb ich) Hollywoodpathos zu liefern oder gar einen dokumentarischen Stil zu wählen.

Ich wiederhole mich gerne: ...er erzählt aus der Perspektive der Journalisten, die ihren Job machen! Somit kann und muss der Film gar nicht polarisieren, denn wer will sich schon auf die Seite von Päderasten stellen? Selbst die Kirche tut das nur untergeordnet und der Vorwurf, auch hier in Deutschland, ist ja eben die Vertuschung und die Ausnutzung des Systems um, die "eigenen" Leute zu schützen.

Der Film geht übrigens genau dieser Frage nach! Macht es Sinn den einzelnen anzuklagen? Oder wäre es nicht sinnvoller und erfolgreicher, wenn man dieses umethische und unmoralische System der Kirche "dran bekommt". Eben darauf bezieht sich auch das Zitat von Tucci, welches ich genau aus diesem Grund, um die Sinnhaftigkeit des Vorgehens der Journalistengruppen noch einmal zu unterstreichen.

Eine ganzes System anzugreifen, in dem Fall die größte Organisation der Welt bzw. die sogenannte vierte Gewalt, macht nur Sinn, wenn man die in der politischen Hierarchie die Bischöfe und Kardinäle zu Fall bringt. Sonst interessiert es nur die lokal Nachrichten.

"Gesellschaftlich", "Politisch" wichtig eben genau aus dem Grund, den wir hier schon so oft kritisiert haben: Nämlich das Aussterben der Zeitungen, des geschrieben Wortes und der Macht der Information, die eben nur die Presse hat und der gehaltvolle, wohlrecherchierte Journalismus. Ohne ihn wird es keine Opposition mehr geben.

Eben dies in der Wichtigkeit, emotionslos, professionell und authentisch darzustellen ist die Kunst des Filmes.

Sie müssen nicht skeptisch sein! Dieser Film ist vom ersten bis zum letzten Take für sie gemacht!
Viel Spaß und immer dran denken: Open Your Mind
Alan Lomax

Rick Deckard 07/17/2016 13:07

Grossartig!

Bis zum vorletzten Absatz steigerten Sie mit ihrer Besprechung die (Vor-)Freude auf diesen Film Schritt für Schritt.

Der letzte Absatz mit dem Zitat von S. Tucci machte mich skeptisch. Wie ist Ihre Meinung, ausgehend von diesem Zitat, zu dieser Frage:

Driftet der Film in schwülstiges, typisches Hollywood-Pathos ab mit den üblichen Klischees, oder schaffen es Regisseur und Schauspieler die Problematik nüchtern und mit einem dokumentarischen Stil filmisch zu erläutern?

Sie erscheinen emotional sehr berührt zu sein von dem Inhalt des Filmes und dem Film selbst. Sie wissen ja, dass ich Skeptiker bin, daher:

Polarisiert der Film von Beginn an?
Liegt der Fokus auf der journalistischen Arbeit und der Recherche/ Entdeckung?
Oder verpflichtet sich der Film einer klassischen Hollywood-Dramatik mit Auflösung am Ende?

Der Film ist für Sie "gesellschaftlich, politisch und künstlerisch wertvoll" Könnten Sie das bitte noch etwas näher erläutern?

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