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Musik, Kino, Kultur, Radio


Primavera Sound 2016 – Ferris Bueller’s Day Off – Tag 2

Veröffentlicht von Alan Lomax Rick Deckard Blog auf 7. Juni 2016, 19:08pm

Kategorien: #Konzerte

Primavera Sound 2016 – Ferris Bueller’s Day Off – Tag 2

Bis heute bin ich großer Fan von John Hughes Filmen. Einige meiner späteren Lieblingsbands habe ich auf den Soundtracks zu „The Breakfast Club“ oder „Pretty In Pink“ entdeckt. In dem wohl besten aller Highschoolfilme „Ferris Bueller’s Day Off“ sieht man im Zimmer des „kranken“ Ferris ein riesiges Poster der Band Cabaret Voltaire.

Mich hatte das sofort beeindruckt und bereits wenige Tage später hatte ich das Album „Micro-Phonies“ der englischen Elektropioniere Cabaret Voltaire in der Hand. Die Single „Sensoria“ erschien aber auch auf dem Soundtrack und war fortan auf jedem meiner Mixtape der nächsten Monate.

Warum schreibt Lomax das hier? Nun ich will es kurz erklären. Wir sprechen hier von einem absoluten Blockbuster Film der 1980ziger Jahre. Das Jugendzimmer von Ferris aber ist ein Eldorado bzw. ein Panoptikum an Popunikaten. Ich selbst habe in den 1980ziger Jahren ein paar Monate am Michigan  See in der Nähe von Chicago verbracht, wo der Film auch gedreht wurde. Und wahrscheinlich wissen viele gar nicht, dass es dort das aller coolste war, europäische Popmusik zu hören. Ich weiß noch genau, wieviel Aufsehen z. B. mein New Order T-Shirt erregte. 

Vielleicht hat der verbliebene Rest-Voltaire Richard H. Kirk am Donnerstag beim Primavera Festival ähnlich obskure Überlegungen hinter seinen elektronischen Editiergeräten gehabt. Denn was dort in dem fast 2.200 Zuschauer fassenden Saal „Pau Casals“ des L’Auditori passierte, wird wohl für alle drei konzertanten Gewalten unvergesslich bleiben.

Denn der prähistorische Techno der Erfinder dieser Musik (mit vielleicht einer Handvoll Künstlern vom Rhein;-) erreichte in einer abstrakten Form die weitestgehend jungen Zuschauer, die die Performance verstanden haben, weil eben zeitgemäße Elektro-Dance-Kultur und Acts wegen ähnlichen Installationsprojekten mit Filmen, Visuals und Live-Musik bei dieser Generation sowieso funktioniert. Das die „Bleebs“ und „Clonks“ zu den teilweise tatsächlich harten Beats zudem nicht nur bei einem Kölner „Acht Brücken Festival“ funktioniert, sondern sich eben auch ein veritabler Tanzmob aus sich selbst entstehen lässt, der dann so einen Saal auch mal schnell für sich vereinbaren kann, wird wohl in die Geschichtsbücher dieses Festival geschrieben werden.

Was nach erster Zurückhaltung des Publikums passierte, war magisch. Die Zuschauergewalt tanzte, die Sicherheitsgewalt fand es nicht lustig und drängte den Mob in die Stuhlreihen zurück und was der nicht sichtbare Kirk als Künstlerische Gewalt dachte und wie der überhaupt aussieht, wird man nie erfahren, dass seine Musik aber in Zukunft wieder wahrgenommen wird wiederum schon.

Froh in einem klimatisierten Raum, eine Stunde auf weichen Theatersesseln gesessen zu haben und der musikalischen Revolte gegen Langweile wieder einmal gelauscht haben zu können, folgte der direkte Aufbruch zum großen Bühnenspektakel draußen.

Live und Bueller's ZimmerLive und Bueller's Zimmer

Live und Bueller's Zimmer

Meine offenbarte Liebe zu den Savages hatte ich bereits letztes Jahr nach dem Haldern Pop Festival manifestiert. Und so blieben mir nur ein paar entfernte, verstohlen Blicke zu meiner heimlichen Liebe Gemma Thompson (Gitarre).

Und da wir die ehemaligen Folklore Band Beirut unbedingt mal mit der gesamten Reisegruppe, entspannt bei ein paar Bieren genießen wollten, mussten wir frühzeitig ein einiger Massen logistisch und sinnvollen Platz einnehmen, der uns anschließend genügend Zeit und Raum für den Weg zu Radiohead zulassen würde. Nicht so einfach, das alles, obwohl sich beide Bühnen gegenüberstehen;…aber (ich habe nun mehrfach recherchiert und die Zahl ist immer noch nicht bestätigt) sich zwischen mehr als 90.000 Menschen lang zu schlängeln ist nicht nur schwierig, sondern auch doof.

Um es gleich vorweg zu nehmen, ich werde hier kein Wort zu Radiohead verlieren, da ich das Konzert noch bevor Karma Police gespielt wurde abbrechen musste, um pünktlich zu Tortoise zu kommen. Ein Wort aber: Diese Band rückt immer näher an mich.

2,5 h zuvor! …singt Zach Condon atemberaubend schön die Textzeilen:   “The lights go on / The lights go off /When things don’t feel right!” aus meinem Lieblingslied: “Scenic World”. 

Mit “Perth” und “Elephant Gun”, sowie “Fener” folgen direkt weitere Highlights der ehemaligen 4AD Band. Ab der Mitte des Sets und dem aktuellen Hit „No No No“ fängt es aber bereits an unruhig zu werden. Die Band sieht, wie die Zuschauer langsam aber sicher zur gegenüberliegenden Bühne pilgern und wie die Techniker ein letztes Mal das aufwendige Video-Set der Radiohead-Produktion checken. 

Beirut waren einmal die Mitauslöser einer zum Schluss sehr strapazierenden Neo-Folk-Rock-Bewegung. Gewissermaßen werden sie aber auch eine der wenigen sein, die bleiben werden, da ihr musikalisches Potenzial größer ist als das vieler anderer vergleichbarer Bands der letzten Jahre. Die neue Platte, die ebenso heißt, wie ihr aktueller Hit, ist um es mal ganz klar zu sagen, eine wunderschöne, leichte Popplatte geworden die viel beschwingte Freude bereitet. 

Mit „My Night with the Prostitute from Marseille“ und dem textlich sehr politisch geprägtem „Gulag Orchester“ verabschiedet sich die Band vom Primavera.

Was bleibt ist der Eindruck einer neuerfundenen Band. Nach einigen Schicksalsschlägen (Burn-Out, Scheidung, Tourabbruch) war die Band bereits kurz vor dem Bankrott. Schön aber zu sehen, dass Beirut immer noch in der Lage sind Glückshormone auszuschütten. Im Gegensatz zu dem Schulkameraden Ben Folds, der immer leerer erscheint, trumpft Condon auf und erinnert insbesondere bei seinen Instrumentalen Teilen an die späteren Talking Heads im Tanzbein und bei dem wunderschönen „As Needed“ sogar ein wenig an Brian Wilson der morgen mit melancholischem Charme punkten wird.

Kurz vor dem ersten organischen und körperlich Kollaps, welches solche Tage von einem fordern, dann unverhofft das musikalisch, handwerkliche Highlight mit der Postrocklegende Tortoise:

Schreibt man über Popmusik, gibt es ein paar Wörter die man nicht nutzen sollte. Diese stehen in einem roten kleinen Notizbuch, die ein jeder hat, der es dann tut, auch verwendet! Das erste Wort in diesem Buch heißt „Postrock“.

Zu wonnigen Kölner Popkomm Zeiten (Anfang bis Mitte der 1990ziger Jahre) gab es sogenannte (Platten-)label-Abende. Eines der unvergesslichsten dieser Konzertreihen war der Thrill Jockey Abend. Dort wurden Mouse On Mars, The Sea and Cake und eben Tortoise aufgefahren, die zu der Zeit gerade ihr Debütalbum herausgebracht hatten.

Das Wort Postrock hatte noch eine Bedeutung. Andere Bands wie Stereolab oder Mogwai sollten erst noch entdeckt werden. Heutzutage wird es immer schwieriger, die ständig erweiterten Tüfteleien der Bands zu verordnen und überhaupt darüber zu schreiben. Da dies nur interessiert, wenn man die Musiktheoretische Bedeutung erklären will oder man eben versuchen will zu erklären was man beim Hören empfindet. Und so fällt mir nach den ersten druckvollen, sehr Basslastigen Passagen um die beiden Drummer John Mc Entire und John Herndon, sofort ein, wie spannend doch diese 1990ziger Jahre mit ihrer stilistischer Vielfalt waren. In keinem anderen Jahrzehnt wurde so viel experimentiert, ausprobiert und fusioniert und zusätzlich auch verkauft. Niemals wieder konnten „wir“ tatsächliche neue Musik entdecken. Und somit schleicht ein leiser Wind von Nostalgie vom Mittelmeer auf, trägt den Gedanken die Band zu erklären und ihr ein Etikett zu verpassen aber auch gleich weiter in die naheliegenden Pyrenäen. 

In der Mitte der Bühne standen zwei Schlagzeuge, drum herum Vibraphone, Tasteninstrumente, Soundeffekte, Editiermaschinen, Percussion und Bassist Doug McCombs und Gitarrist Jeff Parker die wir einige Stunden zuvor auf einem kleinen Golfrolley sahen und belustigst feststellten, was das denn für eine Rentnergang sei?!

Aber von wegen Rentnergang!? Der kommende 50 Minuten Auftritt lässt mich fassungslos, euphorisch bis spät in die Nacht zurück. Ich höre den perfektesten Sound des Wochenendes. Die zum Teil doppelt eingesetzten Instrumente (Drums und Bass) verkörperten Still, Vielfalt und echt komplexe Polyrhythmen, die von den vielen Bands beim Primavera, wohl nur wenige tatsächlich spielen können. Und bei solch gewagten Aussagen ist man natürlich schnell in der Muckerdiskussion: „Steely Dandesker perfekt Auftritt mit handwerklich, rhythmisch verschachtelten und opulent arrangierte Stücken aus anderen Welten“ vs. „der schwelgerischen, kraftvollen und  atmosphärischen Kunst einer komplexen Popband wie Radiohead“ vs. vs. !

Letztendlich ist es egal, weil viele Zuschauer heutzutage ja gerne sagen, dass jede Band, ihre Berechtigung hat. „Na ja!“, denke ich dann manchmal? Warum spricht man denn von Langzeitwirkung und Seelenverwandtschaften und dem Musik hören um sein eigenes Leben in Tönen, mit Musik und Klängen von anderen auszudrücken.

Tortoise beschreiben an diesem Abend und an diesem Tag auf jeden Fall am besten meinen persönlichen Anspruch an zeitgemäßen und langfristige Musikassoziationen. 

Aus einem Schildkrötenpanzer

Alan Lomax

Lesen Sie in den nächsten Tagen auf diesen Seiten, warum es ausgerechnet Hip Hop sein musste und weshalb ich glaube, dass Brian Wilson glücklich war!

 
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