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Musik, Kino, Kultur, Radio


PRIMAVERASOUND 2015, Porto 04 – 06 JUNI 2015 by John Ross Ewing

Veröffentlicht von Ewing auf 9. Juni 2015, 17:27pm

Kategorien: #Got my eyes on you - Ewings Kolumne

Copyright John Ross Ewing Foundation

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Diesen Beitrag hat unser Freund, Weltreisender und Autor John Ross Ewing geschrieben! Danke dafür!

In diesem Jahr ist es also die kleine Schwester vom großen Primavera Sound in Barcelona geworden. Unsere kleine Reisegruppe hat sich von Köln nach Porto aufgemacht, um den besten Festival-Bookern noch weiter südlich zu huldigen. Aber natürlich auch, um den Charme dieser wunderbaren portugiesischen Stadt einzuatmen. Ein Kurzurlaub am Meer. Das andere Mehr sollte uns das kleinere, überschaubare Line Up und das Ambiente mit „nur“ vier Bühnen bieten, das Porto gegenüber BCN hat. Und dieser Plan ist absolut aufgegangen. So furios das Programm in BCN ist, ein wenig haben die überdimensionierten VIP-Bereiche und die starken Highlight-Überschneidungen doch genervt. Nun aber zur Musik:

 

DIA 4

 

CINERAMA – Palco NOS

 

Man stelle sich vor, die Wiesen der altehrwürdigen Lorelei herunterzulaufen, sich weissweinangeschickert ins Gras zu legen und den Tönen von Galaxie 500 zu lauschen.  Oder in Haldern um 18 Uhr bei halbhoch stehender Sonne auf dem alten Reitplatz die Töne von Phoenix' „Too young“ geschenkt zu bekommen. Genau so fühlt es sich an, mit einem frisch gezapften Super Bock den Hang hinunter zur NOS Bühne zu gehen, wenn die ersten Riffs von CINERAMA erklingen. Tränen der Freude. Erfüllung. Alles richtig gemacht! In BCN hat David Gedge wohl mit Orchester gespielt. Hier spielt er ein allerfeinstes Bestof -Set mit einer wieder mal neuen Band. Perfect sound, perfect suit, David im mittelblauen Anzug mit Weste. „Careless“ so dringlich. Quick before it melts, so ein Superhit. Aber auch ganz alte Sachen, wie „Dance, Girl, Dance“ hat er dargeboten. Passend zum Sommerfest am Meer, das melancholische „Aprés ski“. Angekommen in Porto.

 

MIKAL CRONIN – Palco SUPER BOCK

 

Keine langen Laufwege. Gleich nebenan tritt MIKAL CRONIN auf. Eine mitreißende Performance, die sehr gefeiert wird. Auch völlig Garagesound-, Feedback- oder Distortionabstinente Menschen können dem Konzept aufgrund der unglaublichen Melodieführung in den Songs leidenschaftlich folgen. Sein zweites Album von 2013 auf Merge hat es mir besonders angetan. Live ist der mir so noch nicht untergekommen. Grandios. I will follow you.

 

 

PATTI SMITH ACOUSTIC – Palco PITCHFORK

 

Wenn man Patti Smith gut findet, muss man sich immer mindestens gegenüber 2/3 der Menschen rechtfertigen. Die Stimme ist Mist, atonales Gewimmer, zu folkig, alter hippiesquer Shit. Ja, klar. Kann man so sehen. Und hören. Für die Portugiesen auf diesem Festival ist das aber offenbar anders. Patti Smith soll ganz sicher noch oft in den River pissen. And the night still belongs to lovers and love. Ihr Akustik Set mit Band ist ganz wunderbar. Sie verkörpert einfach das NYC der late Seventies und die damalige wichtige Haltung transportiert mit Verve in die Neuzeit. Von ihrer Bedeutung für Frauen in der Musik mal ganz zu schweigen, da träumen Babes in Toyland von, die ihren Rrriot Girrrl Auftritt an Dia5  bestreiten sollen. Das ist aber keine weitere Zeile wert. Patti Smith wird sehr gefeiert an diesem Abend, und am nächsten auch nochmals, wenn sie 'Horses' auf der Palco Nos darbietet.

 

 

FKA TWIGS – Palco SUPER BOCK

 

Die Heldin der Indiepresse, der Presse, des Boulevard. Role model. Schon Superstar? Gossip Pattinson girl. Worauf beziehen sich die Leitartikelschreiber? Spannender, gebrochener RnB wird ihr nachgesagt, ätherisch und weitläufig. Verstörend und gebrochen ist der shit auf jeden Fall. Zwischendurch blitzt da was auf, wenn die elektronischen Elemente überhand nehmen, wenn der Bass stark kommt. Bristolisiert vielleicht. Aber nur kleine Blitze, für mich nicht nachhaltig geflasht. 

 

 

Copyright John Ross Ewing Foundation

Copyright John Ross Ewing Foundation

 

INTERPOL  - Palco NOS

 

Das letzte Album hat niemanden überzeugt, den ich kenne, „nicht gekriegt“ halt, aber live. Und wie! Immer wieder. Immer wenn man Interpol sieht, denkt man, es geht nicht cooler. Genau so will ich Musik hören. Genau so, sollen andere denken, hört der Musik. Wenn mich andere Menschen in erster Linie mit der Musik von Interpol verbinden, fühlt sich das richtig für mich an. Wie – im besten Sinne – scheißearrogant die sind. Und das bitteschön bleiben sollen. Nachdem sie „D“ Dengler verloren, wusste man natürlbich nicht, wie sich das entwickelt. Keine Ahnung. Kann auch noch schief gehen, glaube ich aber nicht. No more words. Cool as fuck. „Rest my chemistry“ habe ich im Ohr auf repeat. Faust hoch.

 

 Danach Sodbrennen, zu viele Sardinen von Dom Peixe und Bifana.

 

 

DIA 5

 

 

VIET CONG – Palco ATP

 

Leider Giant Sand verpasst und erst bei VIET CONG aus Calgary eingestiegen. Ein Mahlwerk, das Punksongs zerstampft, auseinander nimmt und Schicht über Schicht wieder zusammenfügt. Ausgesprochen anstrengend, denen konzentriert zu folgen. Wenn man Rauheit handeln könnte, würden sie das Label rough trade verkörpern. Ganz schön spröde sind sie aber auch. Do it again @HaldernPop.

 

 

YOUNGHUSBAND – Palco ATP

 

In den letzten drei Jahren ist Shoegazing ja wieder salonfähig geworden und YOUNGHUSBAND sind ausgesprochen versierte und sympathische Fahnenträger einer alten neuen Bewegung. In Glastonbury würden wahrscheinlich 50000 den Union Jack schwenken und melodieverliebt mitsingen und -summen. In Porto beschränkt sich das auf im Gras liegen, im stillen Einverständnis mit dem Kopf nicken oder gar verwegen Luftguitarre spielen. Fetter Sound, eine Band mit Abholcharakter. Gerne wieder.

 

THE REPLACEMENTS – Palco NOS

 

Herr Westerberg aus Minneapolis hatte aus Zeitplangründen so ca. 15 Minuten, um uns zu überzeugen, nicht zu SUN KIL MOON zu gehen, Der Sound war satt und laut und die Post Punk Herkunft spürbar. Aber die mangelnde Abgrenzung zu einfacher Rockmusik konnte nicht wirklich überzeugen. 

 

SUN KIL MOON – Palco Pitchfork

 

Die wunderbaren Vinyl-Re-Issues der alten Red House Painters Alben zum Record Store Day in der Blutbahn und die gesamte 4AD-Ästhetik im Herzen, habe ich mich sehr auf diesen Auftritt gefreut. Mark Kozelek hat sich reichlich Unterstützung für seine Performance geholt: Steve Shelley und  Neil Halstead standen mit ihm auf der Bühne. Und mit Yasemine Hamden, die zuvor ebenfalls aufgetreten ist, musste offenbar ein „I got you, Babe“ Cover dargeboten werden. Das war unfassbar schlecht. Leider war der Replacements-Sound zu laut, um Sun Kil Moon im Zelt die angemessene Aufmerksamkeit zu schenken (das war das einzige Manko dieses Festivals). Nach dem ruhigen Haldern-Auftritt im vergangenen Jahr hat Herr Kozelek sich nunmehr auf einen gewaltigen Brüllauftritt festgelegt, das steht ihm nicht gut  zu Gesicht. Schade, aber wir sehen uns sicher wieder.

 

Spiritualized vs. BELLE & SEBASTIAN – Palco SUPER BOCK

 

Jason Pierce hat gewohnt gospelig angefangen, doch nach zwei Songs musste man sich entscheiden. B&S haben mit ihrem neuen Dance-Album gewonnen, obwohl der BCN-Auftritt in diesem Jahr auf PrimaveraTV gar nicht gut rüber kam. Das war in Porto glücklicherweise anders. Das Konzert war auf den Punkt, der mehrstimmige Gesang hat gesessen, die Streicher und Blechbläser haben jubiliert, es war eine furioses ekstatisches Tanzkonzert. Euphorie pur. „The boy with the Arab Strap“ wird von gut 30 zusätzlichen Tänzern aus der ersten Reihe auf der Bühne unterstützt und der Feiersong des Abends. Es entsteht situationsbedingt ein Disco-Volkslied über einen Jungen mit Pimmelring. Wie lustig das ist. Die ausufernden Melodien und die wahnwitzigen Tanzperformances von Stuart Supernerd Murdoch machen so glücklich, das man platzen könnte. Nach einigen Jahren der Stagnation und einigen Einbahnstrassen-Soundtracks sind     BELLE & SEBASTIAN mit „Girls in peacetime wanna dance“ auf dem vorläufigen Höhepunkt ihrer Karriere angelangt. 

 

Jump to the beat of the party line.    HURRA!

 

 

ANTONY – Palco NOS

 

Spannung, Antony habe ich nie live gesehen. OB die Stimme live so knallt oder überdreht das? Ich liebe seinen Auftritt bei Lou Reed zur Berlin_Performance. „Candy says“ ist besser interpretiert als in all den 45 Jahren zuvor und treibt einem die Tränen in die Augen. Transgender, Transformation, Transgression, Antony ist ein fighter. Und stellt die Kunst in den entsprechenden Kontext. Spex hat das mit dem Zitat „Die Zukunft ist weiblich“ betitelt, denn Antony vertritt die Ansicht, dass „jeder auf das weibliche in sich anrufen muss, um sich leiten zu lassen und angemessen auf Probleme reagieren zu können.“ Ein 40-Mensch-Orchester in weißen Engelsroben begleitet Antony bei seinen Arien. Im krassen Gegensatz dazu erscheinen die verstörenden Video-Installationen, die zu jedem Song gezeigt werden. Die Musik ist ergreifend und pure Freude. Erstaunlich klar und dominant kommt diese unvergleichliche Stimme von der NOS-Bühne den Hang hochgekrochen. Alle Songs sind absolut herausragend.

 

Hervorzuheben ist die fantastische Hymne „Blind“ von HERCULES & LOVE AFFAIR, die bei ihrem damaligen Auftritt im Kölner Gloria ANTONY leider nicht dabei hatten. In einer verlangsamten Orchesterversion verliert dieser Ausnahmetrack seinen Zauber nicht. Im Ggenteil. ANTONY schafft es, diesem eine Aura zu verleihen, die diesen Moment zu einem der ewigen, ganz besonderen Livemomente macht, die man immer im Herzen tragen wird. Einer der besten Songs der letzten 20 Jahre wird damit nochmals auf eine andere Ebene gehoben.

 

    BLIND As a child, I knew
That the stars could only get brighter
And we would get closer
Get closer, mmm

As a child, I knew
That the stars could only get brighter
That we would get closer
Leaving this darkness behind

Oooh

Now that I'm older
The stars should lie upon my face
When I find myself alone
Find myself alone, ooh

Now that I'm older
The stars should lie upon my face
And when I find myself alone
I feel like I, I am blind

Feel it
Feel it
Feel it
Feel it
Like I am blind

I wish the stars could shine now
For they are closer, they are near
But they will not present my present
They will not present my present

I wish the light could shine now
For it is closer, it is near
But it will not present my present
And it makes my past and future painfully clear

To hear you now
To see you now
I can look outside myself
And I must examine my breath and look inside, ooh

To see you now
To hear you now
I can look outside myself
And I must examine my breath and look inside
Because I feel blind
Because I feel blind

I feel it
I feel it
I feel it
Like I, I'm blind

Ooh, the movie will
Mmm, and feel it
Ooh, I feel it
Feel it
Feel it, feel it
Ooh, I feel it

 

 

DIA 6

 

 

THE THURSTON MOORE BAND – Palco ATP

 

Wie immer. Außergewöhnlich großartig. Die Melodien seiner Soloalben sind einfach toll. Alles wunderbar, auch am dritten Tag, real New York City in Porto.    Smith, Interpol, Moore – drei Generationen NYC. Natürlich nicht vereint. Jeder in seiner arty Suppe. Was soll ich über die Bedeutung von ihm schreiben, weiß ja jeder.

 

FOXYGEN – Palco SUPER BOCK

 

Die EP von 2011 war ja schon saulässig, vor allem „Make it known“. Die beiden Alben dann opulente Steigerungen in den psychedelischen Pophimmel. Die Live Show habe ich so nicht erwartet. Ich will sie im Club sehen. Pure passion, Die Tänzerinnen betreiben Hochleistungssport, alle flippen aus, drehen komplett durch auf der Bühne. Kostümwechsel. Sam France ist ein Maniac. An die Ziggy-Phase erinnernd, aber dafür viel zu viel Garage. Roxy Music on speed? Keine Ahnung, FOXYGEN machen ihr eigenes Ding, mit Pathos, Kitsch und verwegener Kriminalität. Lässig ist gar kein Ausdruck. Wundervoll! Mehr davon, mehr!

 

 

EINSTÜRZENDE NEUBAUTEN – Palco ATP

Unsere internationalen Stars. Export der Extraklasse. Wie schön, sie hier zu sehen. Das Bargeld. Die Unruh. Die Arbeit. Immer wieder aufwändig diese Instrumente um die Welt zu schiffen. Die Neubauten genießen höchste Wertschätzung und sind erstmalig in Porto. Das Publikum ist sehr dankbar und entsprechend euphorisiert von der Kunst.

 

Abgeklärt und abgedreht in einem, immer noch zum Durchdrehen bereit, aber zu ihren Bedingungen, mit den Songs, die sie gerne spielen. Haus der Lüge zum Beispiel. Später noch das wunderbare „Sabrina“. Lustig zu sehen, wie die  Portugiesen sich bei „Unvollständigkeit“ die Zunge brechen, so wie wir beim Essen bestellen. Obrigado. 

 

 

Death Cab For Cutie sind leider dem Timetable zum Opfer gefallen. Die zwei Zwischensongs bis zum Beginn von Ride verraten ein vollkommenes Konzert. Das holen wir nach. 

 


 

Copyright John Ross Ewing

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RIDE – Palco NOS

 

Sie sind tatsächlich wieder da. Oxford around the world. Mit der vollkommensten Konzertankündigung aller Zeiten als sehr früh bestätigter Hauptact in BCN hat es angefangen. Vor zwei Wochen im Amsterdamer Paradiso haben sie ein wahnsinnig schönes Konzert gespielt, mit allerbester Laune und großer Bandeuphorie, das kaum Wünsche offen lies. Ein Klubkonzert ist natürlich etwas anderes als ein Festival Set. Es ist länger, exzessiver und direkter. 

 

Aber man kann in Porto tatsächlich bei jeder Band mühelos in die erste Reihe und hat echte Face to face Erfahrung trotz großer Bühne. Was für ein Luxus.

 

Setlist

 

 

Leave Them All Behind 

Like a Daydream 

Polar Bear 

Seagull 

Sennen 

Black Nite Crash 

OX4 

Dreams Burn Down 

Time of Her Time 

Chrome Waves 

Taste 

Vapour Trail 

Drive Blind 

Mouse Trap 

 

 

Würdiger konnte der Abschluss des grossartigen Festivals für uns nicht gestaltet werden. Die beste Band der Welt spielt wieder zusammen. Mein RIDE live hit 2015: OX4. Das ist Vollendung!

 

Möge einer der mitgereisten dünnen Männer die furiosen Nacht(DANCE)konzerte von Jungle, Underworld, Juan McLean; Caribou und Health rezensieren. Diese wurden von einem Teil unserer Gruppe verpasst, da der Nachtausklang auf dem Balkon bei Portwein, Käse und Oliven ritualisiert stattgefunden hat.

 

Jungen und Mädchen, es war schön.

 

Es wird eine schwere Entscheidung, im nächsten Jahr Porto oder Barcelona zu wählen (zugegebenermaßen ein absolutes Luxusproblem).

 

John Ross Ewing

Copyright John Ross Ewing

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alo 06/11/2015 10:05

saugeilleidenschaftlicher Bericht. Fühlt sich nach dem Lesen an, als wäre ich auch dort gewesen.

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