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Chris Potter mit der WDR Big Band - Leverkusen, Bayer Erholungshaus, Donnerstag, 05.03.2015

Veröffentlicht von Alan Lomax Rick Deckard Blog auf 6. März 2015, 13:59pm

Kategorien: #Jazz

Chris Potter mit der WDR Big Band - Leverkusen, Bayer Erholungshaus, Donnerstag, 05.03.2015

Greise! Überall’ Greise und alte Menschen um mich herum! Ich denke in die Zukunft! 10 Jahre weiter. Das Jahr 2025! In diesem Jahr werden ca. 80 % des 700-Zuschauer-fassenden -Konzertsaals in Leverkusen über 90 Jahre alt sein und noch hoffentlich gesund, aber wahrscheinlich nicht mehr fähig eigenständig zum Konzert zu gehen. Zu den restlichen 20 % gehören Mrs. Lomax und ich. Der Jazz stirbt!

 

Und es ist ja eben nicht so wie es sich für ausstehende anhört! WDR Big Band? Erholungshaus? Bestimmt nicht. Denn nicht nur die Jazzpolizei weiß, dass diese Ausnahme Band zu den besten Jazzformationen der Welt gehört! Und schon gar nicht ist es so, dass hier heute Abend, irgend ein Solist aus der Eifel seine erste Jazzsuite zum Besten gibt. Es ist immerhin der viel gelobte Chris Potter, der unter Puristen als einer der besten Tenorsaxophonisten der Welt gilt und mit seinem energischen und prägenden Stil, in den letzten Jahren nicht nur in der A-Liga des Jazz, wie Pat Metheny’s Unity Band überzeugte, sondern auch mit einigen Arrangements.

 

http://www.lomax-deckard.de/article-pat-metheny-unity-band-106658987.html

http://www.lomax-deckard.de/article-pat-metheny-unity-group-kin-122190553.html

 

Und so gibt es an diesem Abend nicht nur Weltklasse Musiker zu hören, sondern auch eine echte Uraufführung mit neuen Stücken von Chris Potter die er pragmatisch -New Works- genannt hat.

 

Potter führt in der ersten Hälfte vier, in der zweite Hälfte eine Suite mit 4 Sätzen, einer weiteren Nummer und als Zugabe ein Standard, sowie am Beginn des Sets eine Miles Davis Komposition (die Herren waren sich selbst nicht so sicher) vor.

 

Die Eigenkompositionen sind kraftvoll, bildgewaltig und entwickeln sich in der geniale Methodik der WDR Big Band zu einem tollen Puzzlespiel, welches sich nach und nach zusammensetzt. Dabei achtet Potter stark auf die Melodik und ist sehr vorsichtig dabei, das Publikum zu überfordern. Selbst bei den etwas kraftvolleren Soli’s lässt er das Orchester lieber wieder früher einsetzen, als die zum Teil erstaunten WDR-Musiker weiter improvisieren zu lassen. Und somit ist es lediglich dem genialen Frank Chastenier (Piano) gelungen Meister Potter an die Wand zu spielen.

 

Aber insbesondere bei Potter’s Soloeinlagen möchte man kaum atmen. Kaum zu verdenken ist ihm natürlich das er sich selbst die besten Freiräume in den Partituren geschenkt hat. Aber diese Freiräume füllt Potter mit seinem Saxophon und mit wahrer Größe.

 

Seine mehrstimmigen Sätze sind phänomenal. Leider bin ich kein Experte auf diesem Gebiet und kann das nur mit meinen Hörerfahrungswerten meiner beiden Lieblings Tenorsaxophonisten John Coltrane und Joe Henderson vergleichen. Deren Stil irgendwie etwas mehr groovy, vielleicht auch geheimnisvoller war. Aber ich kann sagen, dass ich lange nicht mehr einen so grandiosen Techniker gehört und gesehen habe. Music as Math? Ich glaube ich habe eine religiöse Erfahrung gemacht? Nein, dass nicht! 

 

Dafür fehlte mir ein gewisser Zauber den Potter vermissen lässt: Man kann es Unterhaltung nennen oder vielleicht Seele. Technische Perfektion ist das eine, eine Interesse Geschichte zu erzählen und das die Menschen spüren zu lassen, dass andere. 

 

Die großen Momente lagen somit wiedermal bei der WDR Big Band die für mich, die beste Band der Welt bleibt und mit ihrer einzigartigen Methode für mich einen Sog entwickelt hat, dem ich mich nicht mehr entziehen kann, bis sie mich selbst am Rollator ins Gebäude tragen.

 

Aber ich habe leider immer noch die Befürchtung, diese ist nicht neu und wird zu meinem Bedauern immer realistischer, dass der Jazz stirbt!!!

 

In Zeiten, wo Musik kaum noch stattfindet, Musiker, Bands und Ideen bei den Menschen im Mainstream ehr eine untergeordnete Rolle spielen und Wiedergabelisten „Jogging_120bmp“ heißen, hat der Jazz kaum noch eine Chance, außer im subventionierten Kunstbetrieb oder im Underground. Und es fällt schwer die Menschen dafür zu mögen, die das ignorieren.

 

Alan Lomax

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